Volpone
‚Volpone‘ zu Gast in Südtirol
Herr Fuchs oder einfach: Volpone
Komödie von Ben Jonson
Übersetzung: Stefan Zweig
Fassung: Sabrina Zwach
Wiederaufnahme am 24. März. 2012
Mittwoch, den 28.03.2012
Brixen, Südtirol
Aufführungsdauer: 2 Stunden. Keine Pause.
‚Volpone‘, so heißt der Fuchs auf Italienisch. Und tatsächlich fehlt es dem Titelhelden der bekanntesten Komödie von Ben Jonson nicht an List und Tücke. Gemeinsam mit seinem Diener Mücke plant er eine Abzocke, die so einfach wie genial ist.
Er setzt darauf, dass seine Mitbürger in der Stadt Venedig nicht weniger habgierig sind als er selbst. Er lässt Mücke das Gerücht verbreiten, er sei todsterbenskrank – und prompt kommen sie angeschwirrt, die Erbschleicher und Gierschlünde, und belagern den Fuchs in der Hoffnung, sein letztes Stündlein sei bald gekommen. Jedem verspricht der Fuchs, ihn großzügig in seinem Testament zu bedenken. Das lässt er sich gut bezahlen. Die Rechnung geht auf: der Strom an Bargeld, Geschmeide, kostbarem Geschirr und anderen hochwertigen Geschenken reißt nicht ab, denn jeder hofft, sich auf diese Weise als Alleinerbe zu profilieren. Einer ist sogar bereit, seine junge Frau (auf die er sonst rasend eifersüchtig ist) dem Fuchs für eine Liebesnacht zu überlassen.
Fuchs und Mücke amüsieren sich prächtig über die Dummheit ihrer Mitwelt – bis der Wind sich dreht und die Sache auffliegt. Das Gericht nimmt sich der Sache an, aber da die Erbschleicher nicht wollen, dass Fuchs verurteilt wird und der Staat sein Geld einsackt, sorgen sie dafür, dass er frei gesprochen wird. Nun lässt Fuchs das Gerücht verbreiten, er sei gestorben, um sich an der Schlacht ums Erbe zu weiden. Vorher verspricht er auch Mücke sein gesamtes Vermögen. Ein Schritt, den er noch bereuen wird, denn Mücke erweist sich als gelehriger Schüler seines Herren…
‘Volpone, or The Fox’ wurde 1605 im Londoner Globe-Theatre uraufgeführt. Ein Jahr vorher hatte Shakespeares ‚Othello‘ seine Weltpremiere, im Jahr danach ‚King Lear‘. Es waren die ersten Jahre der Regentschaft Jakob I., der Elisabeth auf dem englischen Thron nachfolgte. Ben Jonson (1572-1637) gilt neben Shakespeare als der bedeutendste Dramatiker dieser Epoche. Bevor er Schauspieler und Dramatiker wurde, schlug er sich als Maurer und Soldat durch. Mehrmals saß der als cholerisch bekannte Jonson in Kerkerhaft – unter anderem, weil er einen Schauspieler im Duell getötet hatte. Ob er der Todesstrafe entging, weil er als Spitzel der Regierung arbeitete, ist umstritten. Die letzten Jahre seines Lebens verbrachte er gelähmt nach einem Schlaganfall.
Jonson gilt als ein Begründer der satirischen Typenkomödie. In ‚Volpone‘ greift er die Fabel vom schlauen Fuchs auf, der sich tot stellt, um Aasfresser anzulocken, die dann eine leichte Beute für ihn sind. Regisseur Herbert Fritsch und Kostümbildnerin Victoria Behr haben sich für die Wiesbadener Inszenierung von der italienischen Commedia dell’Arte inspirieren lassen. Die Tiernamen der Figuren werden beim Wort genommen und beflügeln ein hochtheatralisches Schau-Spiel, das inzwischen zum Markenzeichen für Herbert Fritschs Inszenierungen geworden ist (erinnert sei an seine Uraufführungs- Inszenierung ‚Spielbank‘ in der Wartburg!).
Herbert Fritsch war als Theaterschauspieler des hochkarätigen Volksbühnen-Ensembles unter der Leitung von Frank Castorf bekannt, bevor er sich verstärkt der Regie zuwandte. Mittlerweile ist er als Regisseur und als Bühnenbildner hoch begehrt, weil er in seinen Arbeiten ganz auf die Spielfreude der Schauspieler baut und einen wahren Theater-Furor entfacht. Er inszenierte an der Volksbühne, am Luzerner Theater, am Neuen Theater Halle, bereits mehrfach am Theater in Oberhausen und in Oslo. Außerdem ist Fritsch Performer, Videokünstler, Fotograf und Zeichner und rief 2000 das intermediale Kunstprojekt ‚hamlet_X‘ ins Leben. 2009 erhielt Herbert Fritsch für seine Inszenierungen von Molières ‚Tartuffe‘ und Joe Ortons ‚Beute‘ den Oberhausener Theaterpreis. Sabrina Zwach, die eine Neufassung der Zweigschen Übersetzung besorgte, hat bereits in mehreren Projekten mit Herbert Fritsch zusammengearbeitet.
[Fritschs] ‚Volpone‘ (…) ist eine fabelhafte Mixtur aus Tüftelei und Enthemmung.
(…), die Schauspieler in diesem kuriosen Konstrukt von 111 Minuten und einer zunehmend geblümten Wand laufen von Anfang an auf Hochtouren. Volpone ist Rainer Kühn, der Spinnenmann, der seinen langgliedrigen Körper klappt, wie die Umstände (Verbrechen) es erfordern, und dem die Freude am Schurkischen (…) aus jedem Glotzauge springt.
Frankfurter Rundschau, 10.11.2009
Von dem Moment an, in dem Rainer Kühn (Volpone) und Wolfgang Böhm (Mücke) die Bühne entern, ist unübersehbar, dass Fritsch Jonsons böse funkelnden Klassiker über menschliche Niedertracht, Habgier und Geilheit in der Shakespeare-Zeit zwischen Comic und Commedia dell’Arte positioniert und die Pointenkanone auf Dauerfeuer eingestellt hat.
(…) sind es die Körper, die hier das Sagen haben, und wie Fritsch aus dem mit ungeheurer Lust agierenden Ensemble groteskes Ballett formt, wie er den tanzenden, schiebenden und sich wälzenden Haufen zusammenfügt, in seine Bestandteile zerlegt und in immer neue Juxtableaus zusammensetzt, ist allein schon das Zusehen wert. Das gilt auch für die überzeichneten Kostüme von Victoria Behr und die zwei Stunden lang vor sich hin blubbernde Videoinstallation.
Als reines Schau-Spiel also ist dieser ‚Volpone‘ eine Augenweide, ein unterhaltsames Vergnügen für die Zuschauer, die Regisseur und Ensemble sehr zu Recht frenetisch feierten.
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 10.11.2009
Fritsch kreuzt das körperbetonte und akrobatische Spiel der Comedia dell’Arte mit Slapstick à la Buster Keaton, choreografiertem Spieldosenzauber und ein bisschen Geisterbahngruselhorrorshow.
Fritsch gelingen (…) Immer wieder sagenhaft schräge Bilder.
Krachender Beifall (…). Fazit: zwei Stunden Aufputsch-Theater oder: einfach mal was anderes.
Wiesbadener Kurier/Tagblatt, 10.11.2009
Ein durchgeknalltes, buntes Spektakel, mit Karacho inszeniert und spielwütig auf die Spitze getrieben von einem außer Rand und Band und wie aufgezogen agierenden Ensemble.
[Volpone] stets zur Seite ist Mücke, den Wolfgang Böhm als herrlich unmöglichen Narren im Strampelanzug gibt. Dabei spricht er so unwahrscheinlich schnell, dass man schon beim Zuhören ins Stolpern gerät.
Theater im Schleudergang. 11.000 Umdrehungen die Minute. Laut und hysterisch.
(…) wir verlassen das Theater richtiggehend aufgeputscht. Irgendwie gut.
Nachtkritik, 09.11.2009
Das Chaos rockt mit Vivaldi, die Truppe rennt röhrend zur Rampe: Auf sie mit Gebrüll!
Es ist so clever wie konsequent. Die entzückten Zuschauer feiern, (…).
Darmstädter Echo, 12.11.2009
In ausgeklügeltem Commedia-Stil überschlagen sich die clownesken Aktionen, Worttiraden kommen präzise über die Rampe, Slapstick schlägt Kapriolen – (…).
Das Team bewältigt den ungewohnten Stil – (…) mit Bravour und wohltuender Sprechdisziplin.
Rainer Kühn brilliert als Herr Fuchs. Geiz und Geldgier blitzen aus den Augenhöhlen, gewitzt leidet er komödiantisch auf hohem Niveau, derweil sein Diener Mücke (Wolfgang Böhm) mit List, Tücke und schonungslosem Körpereinsatz perfekt sekundiert.
Ovationen.
Frankfurter Neue Presse, 13.11.2009
Ben Jonsons Komödie ‚Volpone‘ begeistert im Staatstheater Wiesbaden.
Gießener-Allgemeine.de, 17.11.2009
Tolles Stück, spielfreudige Schauspieler, einfallsreicher Regisseur.
Dem Premierenpublikum gefiel es (…).
Lauter, heftiger Applaus.
Gnadenlos lässt [Herbert Fritsch] seine Komödienmaschine in immer rasenderem Crescendo auf den großen Knall zusteuern. Die Schauspieler (…) wirken wie entfesselt, spielen virtuos Slapstick, sprechen in einem irrsinnigen Tempo, wobei sich besonders Wolfgang Böhm als Mücke hervortut.
die deutsche bühne, 03.12.2009
Gnadenlos lässt [Fritsch] seine Komödienmaschine in immer rasenderem Crescendo auf den großen Knall zusteuern. Die Schauspieler sind Typen, wirken wie entfesselt, spielen virtuos Slapstick, sprechen in einem irrsinnigen Tempo, wobei sich besonders Wolfgang Böhm als Mücke hervortut. Aber die Aufführung ist mehr als nur ein Spaß, immer wieder blitzen Gier und Bosheit Volpones und seiner Freunde auf, wird die ganze Hinterhältigkeit dieser Gesellschaft sichtbar.
die deutsche bühne Online, Dez.2009
[e]