SEHR GEEHRTE DAMEN UND HERREN, LIEBE OPERNLIEBHABER UND THEATERZUSCHAUER,
Pierre Boulez, der 2016 verstorbene große Musiker und Komponist, spielte 1967 mit dem Gedanken, die Opernhäuser in die Luft zu sprengen, um Platz für Neues zu schaffen. Wusste er, wie nah er Richard
Wagner, dessen »Ring« er später auf dem Grünen Hügel dirigieren sollte, damit war?

Auch Wagner hatte einen radikalen Bruch mit den Verhältnissen im Sinn – speziell, was die Operntradition betraf. Die bürgerliche Unterhaltungsindustrie der europäischen Opernhochburgen des 19. Jahrhunderts war ihm zuwider. Kunst, seine Kunst sollte als ein Religionsersatz die Gesellschaft einen, die Menschen sich selbst und ihrer Möglichkeiten bewusst werden lassen. Der »Ring des Nibelungen« ist als individuelle und gesellschaftliche Utopie aus dem Stoff uralter Mythen entstanden, konzipiert als revolutionierendes »Kunstwerk der Zukunft«. Ist diese sehnsuchtsvolle Suche nach woher und wohin ein Grund, weshalb das Mammutwerk seither wieder und wieder Menschen auf der ganzen Welt in Scharen anlockt und viele Stunden in einen eigenen Kosmos zu entrücken vermag?
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Mit dem beherzten Schritt ins 20. Jahrhundert, mit den »Soldaten«, mit »Katja Kabanowa«, »Elektra« und dem seltenen Ereignis einer Opern-Uraufführung lagen die Schwerpunkte der Saison 2015.2016 in der Moderne. In der Spielzeit 2016.2017 wird Wiesbaden zur Wagner-Stadt. Die Tradition der Auseinandersetzung mit dem Werk des genialen Komponisten gibt Identität. Doch glanzvolle Wagner-Aufführungen sind auch eine öffentliche Schau des Leistungspotenzials eines Theaters, die künstlerisch auf und hinter der Bühne, musikalisch, organisatorisch und finanziell Kräfte immens bündelt und bindet. Unsere neue Spielzeit ist die Herausforderung, von November bis April in einem einzigen Wiesbadener Wagner-Winter das Weltengebäude der ganzen »Ring«-Tetralogie zu errichten. Während der Internationalen Maifestspiele 2017 krönen dazu zwei komplette zyklische Aufführungen die Ring«-Saison. Sowohl neue als auch erfahrene internationale Wagner-Stimmen zeichnen die Wiesbadener Tetralogie aus. Das Inszenierungsteam wird angeführt von Uwe Eric Laufenberg, der zu den Festspielen 2016 sein Bayreuth-Debüt als »Parsifal«-Regisseur gibt. Die Musikalische Leitung übernimmt der britisch-wienerische Dirigent Alexander Joel. In unserem experimentellen Musik-Theater-Labor werden sich überdies junge Musiker mit Wagners Gesamtkunstwerk und seinen Folgen auseinandersetzen und auch Skeptiker augenzwinkernd dazu auffordern, »Wagner lieben zu lernen«. Wer noch mehr wünscht, ist bei der wunderbaren Elke Heidenreich richtig, die voll »Passione«, Leidenschaft, ihre Begeisterung für »The world of the Ring« mit Ihnen teilen möchte.
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Eröffnet wird die Saison 2016.2017 jedoch mit Operette vom Feinsten: »Die Fledermaus« flattert durchs Theater und spukt maskiert in diversen Beziehungen herum. Freunde, Ehepaare und Kammerkätzchen treffen sich nach einer anonymen Champagner-Ballnacht verkatert im (bürgerlichen Ehe-)Gefängnis. Gabriele Rech inszeniert, Michael Helmrath gibt den Melodien den Walzerschwung, das Bühnenbild  entwirft Dieter Richter. Und Heute-Show-Politikerschreck Lutz van der Horst wird als Gefängniswärter Frosch diesmal das Operettenpersonal interviewen.

Mit Mozarts bekanntestem Werk, der »Zauberflöte«, setzt Konrad Junghänel seinen Wiesbadener Mozart-Zyklus fort. Operalia-Gewinner Ioan Hotea, frisch nominiert für den London Opera Award, singt seinen ersten Tamino, Katharina Konradi als Pamina ihre erste große Mozart-Bühnenrolle überhaupt. Regisseur Carsten Kochan wird mit seinem Ausstatterteam Matthias Schaller und Susanne Füller das aufklärerische Cross-over-Singspiel in Szene setzen. Mit »Peter Grimes« kommt nach den geheimnisvollen Geschehnissen in »The Turn of the Screw« ein zweites Meisterwerk von Benjamin Britten in den Spielplan. Der spektakulär schwebende Bühnenraum von Rolf Glittenberg macht die empfindliche Balance von öffentlicher Wahrnehmung und subjektiver Wahrheit in einer Gesellschaft sichtbar, in der Lance Ryan in der Titelpartie Täter wie Opfer ist. Regie führt der Wiener Philipp M. Krenn, Albert Horne übernimmt die Musikalische Leitung.

Tschaikowskis »Eugen Onegin« wird vom russischen Regisseur Vasily Barkhatov (»Die Soldaten«) zusammen mit Daniela Musca als Dirigentin für Wiesbaden neu erarbeitet. Christopher Bolduc singt erstmals die Titelpartie. Die geheime Heldin der Oper, Tatjana, übernimmt Asmik Grigorian, die, ebenfalls bei den Londoner »Opern Oscars« nominiert, in dieser Partie kürzlich in Berlin große Aufmerksamkeit erregte.

Auch wenn Oper kein Museum sein will, sucht sie doch die Berührung mit den Bildern der Vergangenheit. Anlass für die Ausgrabung der hochdramatischen Drei-Personen-Barockoper »La Giuditta« von Alessandro
Scarlatti ist neben der Fortsetzung unserer Zusammenarbeit mit der Hochschule für Musik Mainz die Sonderausstellung »Caravaggios Erben« im Museum Wiesbaden.

In ihrer dritten Saison hat sich die Opernsparte des Hessischen Staatstheaters zudem eine Galerie an eigenen Wiederaufnahmen erspielt, die, teils in der Premierenbesetzung, teils mit neuen Sängern, den Spielplan bereichern.

Gastspielaufführungen aus Darmstadt mit »Carmen« werden im Austausch mit unserem »Onegin« die erfolgreiche künstlerische Kooperation beider Staatstheater fortsetzen.

Besuchen Sie uns und begleiten Sie uns durch die neue Opernsaison!
Wir freuen uns auf Sie!