Der gute Mensch von Sezuan
picturepicture
picturepicturepicturepicturepicturepicturepicturepicturepicturepicturepicturepicturepicturepicturepicturepicturepicturepicturepicture


Von Bertolt Brecht
Kleines Haus
Inszenierung und BühneRicarda Beilharz
KostümeHanna Zimmermann
DramaturgieAnika Bárdos
Mit:
Der erste GottMonika Kroll
Der zweite GottBenjamin Krämer-Jenster
Der dritte GottTobias Randel
Shen Te / Shui TaDoreen Nixdorf
Yang Sun, ein stellungsloser FliegerJörg Zirnstein
Frau Yang, seine Mutter / Die Frau u.a.Barbara Teuber
Wang, ein WasserverkäuferMichael von Burg
Die ShinFranziska Werner
Der NeffeNils Kreutinger
Die Hausbesitzerin Mi Tzü u.a.Evelyn M. Faber
Der Barbier Shu Fu / Der ArbeitsloseLars Wellings
Der Schreiner Lin To / Der PolizistMartin Müller
Der BonzeKonstantin Keidel
Der KellnerNils Kreutinger
Die beiden TeppichhändlerEvelyn M. Faber, Martin Müller
Drei Götter reisen in die chinesische Provinz Sezuan, um einen guten Menschen zu finden. Die Prostituierte Shen Te ist die Einzige, die ihnen ein Quartier anbietet. Sie wird zum Dank von den Göttern mit einem kleinen Kapital ausgestattet und ermahnt, ‚gut zu sein und doch zu leben‘.

Shen Te eröffnet einen Tabakladen, merkt aber bald, dass ihre Hilfsbereitschaft von den Mitmenschen ausgenutzt wird. Sie begreift, dass Solidarität und Warmherzigkeit in den Ruin führen und erfindet ein zweites Ich in Männerkleidern: einen fiktiven Vetter namens Shui Ta. Der ist in allem das Gegenteil von Shen Te: skrupellos, gierig und kaltherzig. Unter seiner Führung wird aus dem kleinen Laden schnell ein Tabakimperium. Als sich Shen Te in den Flieger Yang Sun verliebt, kommt sie mit ihrem Doppelspiel in Konflikt. Eine traurige und wahrhaftige Liebesgeschichte nimmt ihren Lauf.

Brecht stellt in seinem Parabelstück die Frage, ob Gleichheit und Brüderlichkeit, die einst als ideelle Wertgrundlagen der bürgerlichen Gesellschaft formuliert wurden, im entwickelten Kapitalismus nicht traumtänzerische Illusionen sind. Mit der poetischen Erfindung der Doppelfigur She Te/ Shui Ta spielt er durch, welche katastrophalen Folgen das ‚Gutsein‘ hat. Das Gebot der Götter scheitert vorm Wolfsgesetz, aber die Götter bleiben unbelehrbar.

Erste Skizzen zum Stück entstanden 1926. Die Hauptarbeit leistete Brecht im skandinavischen Exil unter der Mitwirkung von Ruth Berlau und Margarete Steffin. Brecht befand sich im amerikanischen Exil, als ‚Der gute Mensch von Sezuan‘ 1943 in Zürich uraufgeführt wurde.

Ricarda Beilharz ist Bühnenbildnerin und Regisseurin. Sie war Leitungsmitglied am Baseler Theater, arbeitete u.a. am Thalia Theater Hamburg, bei den Salzburger Festspielen und den Berliner Festwochen. Zwei Inszenierungen, bei denen sie als Bühnenbildnerin mitwirkte, waren zum Berliner Theatertreffen eingeladen. Dem Wiesbadener Publikum ist sie durch ihre Inszenierungen ‚Der Nachlass‘, Yasmina Rezas ‚Gott des Gemetzels‘, Schillers ‚Die Räuber‘ und Lessings ‚Emilia Galotti‘ bekannt.
Inmitten dieses durchchoreografierten Panoptikums schräger Menschlein – angesichts dessen die Götter zu recht mit Benjamin Krämer-Jenster rote Ohren bekommen – hält Doreen Nixdorf zart als Shen Te die humane Wacht und steigt, ehe sie an ihr zerbricht, schneidig auf den hohen Kothurn von Shui Tas Geschäftssinn und Durchsetzungskraft. Ganz füllt sie die beiden gegensätzlichen Verhaltensmodelle aus – völlig überzeugend in ihrer Verwandlungsfähigkeit. Eine ehrliche Haut und wunderbar verliebt als Shen Te, dominant in jeder Geste als Fabrikbesitzer Shui Ta. Jörg Zirnstein ist ein kerniger Lebensabschnittspartner mit Barbara Teuber als überdrehter Mutter.

Wiesbadener Kurier/Tagblatt, 28.03.2011


Es wäre ein kleiner Schritt von Brechts 1943 uraufgeführtem Lehrstück zum aktuellen Polittheater über Hartzer in der Globalisierungsfalle. Doch dafür interessiert sich die Regisseurin nicht. Sie nimmt den didaktischen Druck aus dem Spiel, schickt das Publikum nicht in die Schule, sondern in den Zirkus, wo die Götter Gaukler sind und auch die Menschen Spuren weißer Narrenschminke im Gesicht tragen. Die Moral kommt denn auch erfreulich schwerelos daher. Als Bühnenbildnerin hat Beilharz im Kleinen Haus Bretterwände aufgebaut, vor denen sie mit tänzerischem Schwung und akrobatischem Spieltrieb dem scheinbar steifen Bert Beine macht. Und prompt erkennt man, was man weiß, aber sonst selten sieht: Brecht will ja auch unterhalten. Diese Lovestory schiebt sich in Wiesbaden keck vor die Kapitalismuskritik. Die Parabel ist zwar immer noch ein hartes Stück Graubrot, doch Ricarda Beilharz zieht einen bunten Aufstrich drüber. Wenn nach zweieinhalb Stunden der didaktische Imperativ ‚Schluss‘ auf ‚muss‘ reimt, das epische Theater vom Zuschauer Weltverbesserung fordert, dann hat das längst seine Penetranz verloren. Dieser Brecht appelliert mehr ans Herz als ans Hirn.

Darmstädter Echo, 28.03.2011


Die drei Götter, die in Shen Te erleichtert das Restgute der Menschheit entdecken, treten als irre Combo aus den wolkigen oberen Zehntausend auf – sehr genießerisch: Monika Kroll, Benjamin Krämer-Jenster und Tobias Randel. Auf Erden vertritt Michael von Burg als Wasserverkäufer Wang den wackeren kleinen Mann, Franziska Werner lässt sich mit fabelhafter Hingabe auf die Rolle der prototypisch fiesen Nachbarin ein. Auch zwischen Gut und Böse sind vor allem Typen zu sehen, aber durch die geradezu revuehafte Ausstattung keine Klischees, sondern Unterhaltungskünstler: Jörg Zirnstein in Pelzchen und Seide ist der Mann, der es nicht wert ist, aber dennoch Shen Tes Herz gewinnt und als Flieger in spe auch Brechts Sympathien auf seiner Seite weiß. Barbara Teuber ist seine Mutter, Schnepfe, Scharteke und glaubwürdige Spießerin in Personalunion. Lars Wellings ist der Barbier mit den blutigen Händen, der verhasste Sentimentale, in dem sich Teile des Publikums wie üblich am ehesten spiegeln dürften. Brecht und Beilharz setzen uns da aber nicht unter Druck. Allein Shen Te selbst, Doreen Nixdorf, muss sich dennoch bemühen, möglichst menschlich zu wirken. Das macht sie mit einem hinreißenden Lachen, arglosem Staunen und unprätentiöser Zugewandtheit. Auch wenn sie in ihre Schattenfigur, den herzlosen ‚Vetter‘ schlüpft, bleibt ein Teil von ihr sanftmütig. Weil sie zugleich im Zentrum aller Belehrungen steht, hat sie die schwierigste Aufgabe. Alles soll schließlich ein Spiel zum Mitdenken bleiben, auch wenn es längst ein Spiel der Mitwisser ist, eine beschwingte Reproduktion von Vertrautem.

Frankfurter Rundschau, 28.03.2011


Eine Quelle der Verfremdungstechnik war das Nô-Theater, das in Japan metaphysisch-tragische Schlagseite hatte. Sie wirkt nach; Brechts Appelle sind so immer ästhetisch gebrochen und schillern. Wenn er Mittel wie das Aus-der-Rolle-Treten, erzählende Einsprengsel und Plakate propagierte, greift Beilharz all das auf, ihre Transparente wirken in Schrift und Bild wie verkommene Großstadt-Werbeflächen. Ihre Bühne aus rohen Brettern in Rundum-Anordnung mit Drehbühne in der Mitte passt dazu. Beilharz denkt Brechts Großvater-Modell weiter. Der Wasserverkäufer etwa malt in dem Moment, da Shente aus Geschäftsgründen einen Mann braucht, ‚Wanted‘ auf die Bretter. Aus dem Götter-Trio (Monika Kroll, Benjamin Krämer-Jenster, Tobias Randei) macht sie Frack- und Abendkleidträger im Boheme-Stil (Kostüme: Hanna Zimmermann), denen Geld gleich ist – man hat es, aber es komme doch auf ‚Werte‘ an. Beilharz' spielerischer Zugang zeigt auf allen Ebenen, wie es gehen kann.

Frankfurter Neue Presse, 28.03.2011


[e]