Digitales Programmheft zu
Bunbury: Jetzt mal ganz im Ernst!
Jetzt mal ganz im Ernst:
Die wohlhabenden Lebemänner Algernon Moncrieff und Jack Worthing führen beide ein Doppelleben. Ihr gesellschaftlicher Stand kommt nämlich für beide mit gewissen Pflichten, denen sie gern hin und wieder entkommen wollen. Zu diesem Zweck hat Algernon sich einen «Bunbury» zugelegt: einen fiktiven, zu Krankheit neigenden Freund, der im passenden Moment Unterstützung braucht. Jack hingegen hat sich ein Alter Ego erfunden, einen ausschweifenden Bruder namens Ernst, der sich regelmässig in Schwierigkeiten bringt. Mit dieser Ausrede flüchtet er sich immer wieder in die Stadt, denn auf dem Land wohnt er mit seinem Mündel Cecily, der er stets ein gutes und ernstes Vorbild sein muss. In der Stadt ist Jack dann Ernst, und so kennen ihn auch Algernon und Algernons Familie. Das trifft sich gut: denn Gwendolyn, Algernons Cousine, war schon immer überzeugt, nur einen Mann namens Ernst lieben zu können. Und diese Gwendolyn plant Jack zu heiraten. Dieser idealen Heirat steht nur Gwendolyns Mutter Lady Bracknell im Weg. Jack wurde nämlich als Baby verlegt und gefunden – er hat also zwar Geld und Land, aber keinen vorzeigbaren Stammbaum.
Algernon, der nicht nur Jacks Freund, sondern auch sein Liebhaber ist, beschliesst, zu Jacks Landsitz zu fahren und dort als sein Bruder Ernst aufzutreten. Dabei trifft er auf Jacks Mündel Cecily, die ebenfalls unbedingt einen Ernst lieben will und also gerne den zweiten falschen Ernst, Algernon, heiraten möchte. Und wenn das nicht schon genug Verwirrung wäre, gibt es in Juli Mahid Carlys Überschreibung noch einen wahren Ernst: den Diener Ernst Brüsewitz! Der gehört allerdings nicht nur dem falschen Stand an, sondern einer völlig falschen Gattung. Carly gibt der britischen Adelswelt nämlich einen Touch ins Hündische und lässt den Diener Ernst als einzigen Menschen auftreten, der sie als «Dogsitter» bedient. Im Gegensatz zur viktorianischen Gesellschaft, die sehr auf «being earnest», also Ernsthaftigkeit und gutes Benehmen erpicht war, liebte Wilde das Spiel mit manierlichen Posen und Rollen. Carlys humorvolle Setzung, die von Bühne und Kostüm auf fantasievolle Weise aufgegriffen wird, führt dieses Spiel in einer burlesken und animalischen Weise ad Absurdum. Gleichzeitig stellt die Teilung in «Hund» und «Nicht-Hund» auf schelmische Weise aus, dass auch die vermeintliche Gleichstellung in unserer Zeit noch nicht alle Hindernisse überwindet und erlaubt eine vielfältige Interpretation von Brüsewitz’ Nicht-Zugehörigkeit. Denn zumindest für einen Dogsitter gilt nicht das beliebte «All you need is Love». Da hilft doch eher ein gepflegter kleiner Mord.
Algernon, der nicht nur Jacks Freund, sondern auch sein Liebhaber ist, beschliesst, zu Jacks Landsitz zu fahren und dort als sein Bruder Ernst aufzutreten. Dabei trifft er auf Jacks Mündel Cecily, die ebenfalls unbedingt einen Ernst lieben will und also gerne den zweiten falschen Ernst, Algernon, heiraten möchte. Und wenn das nicht schon genug Verwirrung wäre, gibt es in Juli Mahid Carlys Überschreibung noch einen wahren Ernst: den Diener Ernst Brüsewitz! Der gehört allerdings nicht nur dem falschen Stand an, sondern einer völlig falschen Gattung. Carly gibt der britischen Adelswelt nämlich einen Touch ins Hündische und lässt den Diener Ernst als einzigen Menschen auftreten, der sie als «Dogsitter» bedient. Im Gegensatz zur viktorianischen Gesellschaft, die sehr auf «being earnest», also Ernsthaftigkeit und gutes Benehmen erpicht war, liebte Wilde das Spiel mit manierlichen Posen und Rollen. Carlys humorvolle Setzung, die von Bühne und Kostüm auf fantasievolle Weise aufgegriffen wird, führt dieses Spiel in einer burlesken und animalischen Weise ad Absurdum. Gleichzeitig stellt die Teilung in «Hund» und «Nicht-Hund» auf schelmische Weise aus, dass auch die vermeintliche Gleichstellung in unserer Zeit noch nicht alle Hindernisse überwindet und erlaubt eine vielfältige Interpretation von Brüsewitz’ Nicht-Zugehörigkeit. Denn zumindest für einen Dogsitter gilt nicht das beliebte «All you need is Love». Da hilft doch eher ein gepflegter kleiner Mord.
Das Zeitalter der Ideale:
„Es ist herrlich, wieder die gestelzten Dialoge und die weltweisen Kommentare aus dem Off bei „Bridgerton“ zu hören, die den geneigten Leser einer Londoner Gazette adressieren. Es ist herrlich, wieder die Kostüme und die aufgetürmten Frisuren zu sehen und die Kutschen und die prunkvollen Möbel. Das vorviktorianische England hatte seine Vorzüge“, schreibt Arne Willander im Rolling Stone Magazin (1). Ob die obengenannte Hit-Serie oder das Verfolgen des Lebens der realen europäischen Königsfamilien in Illustrierten und Internet: eine voyeuristische Faszination für das Leben der Oberschicht treibt viele Menschen auch heutzutage um. Dabei lässt sich eine gewisse sentimentale Rückwärtsgewandheit beobachten, die den Trend von Celebrities zu Royals, von „Gossip Girl“ zu „Bridgerton“, von feministischen Ikonen zu Trad Wife Accounts schwanken lässt.
„Zum Beispiel die Hochzeiten oder die Queen’s Speeches. Das war ein bisschen wie Reality-TV, außer dass es im echten Leben stattfindet. [Die Monarchie] gibt mir ein Gefühl von Kontinuität. Die Welt verändert sich ständig, aber die Menschen können sich in unsicheren Zeiten auf die Monarchie verlassen.“ (2)
Die zu Wildes Lebzeiten noch verbotene Homosexualität – er selbst wurde aufgrund einer homosexuellen Beziehung zu einer Gefängnisstrafe verurteilt, die ihn gesundheitlich und finanziell ruinierte – stellt in Carlys Stückfassung wie in anderen Erzählungen unserer heutigen Zeit nur noch ein prickelndes Scheinhindernis dar, das ebenso überwunden werden kann wie etwas zu viel Gewicht zu haben für die herrschenden Schönheitsideale, oder vermeintlich arm zu sein, aber dann doch – Enthüllung! – eigentlich adeliger Herkunft. Warum wollen wir so gerne Menschen zusehen, deren Probleme zwar gross und dramatisch daherkommen, aber schlussendlich keine ernsthaften Konsequenzen haben?
„Vom Rechtsruck bei der Europa-Wahl über die schwächelnde deutsche Wirtschaft bis zum Klimawandel. Nichts von dem findet in der ästhetisierten Darstellung des Lebens in "Bridgerton" einen Widerhall. Und das ist der Punkt.“ (3)
Oscar Wilde ironisiert diese Form des Eskapismus durch den Konsum vorhersehbarer, schlussendlich aufbauender Handlungsabläufe in „Bunbury“, indem er die Figur Miss Prism über ihren eigenen Roman sprechen lässt: „Für die Guten ging es gut aus. Für die Bösen bös. Das ist der Sinn von Literatur, dass man von Anfang an weiss, wie es ausgeht.“ Den Spass an diesen Narrativen führen Wilde und Carly mit «Bunbury» augenzwinkernd vor – Wilde, indem das eigentliche Liebespaar Algernon und Jack sind. Und Carly, indem Brüsewitz’ Wünsche ins Leere laufen.
„Zum Beispiel die Hochzeiten oder die Queen’s Speeches. Das war ein bisschen wie Reality-TV, außer dass es im echten Leben stattfindet. [Die Monarchie] gibt mir ein Gefühl von Kontinuität. Die Welt verändert sich ständig, aber die Menschen können sich in unsicheren Zeiten auf die Monarchie verlassen.“ (2)
Die zu Wildes Lebzeiten noch verbotene Homosexualität – er selbst wurde aufgrund einer homosexuellen Beziehung zu einer Gefängnisstrafe verurteilt, die ihn gesundheitlich und finanziell ruinierte – stellt in Carlys Stückfassung wie in anderen Erzählungen unserer heutigen Zeit nur noch ein prickelndes Scheinhindernis dar, das ebenso überwunden werden kann wie etwas zu viel Gewicht zu haben für die herrschenden Schönheitsideale, oder vermeintlich arm zu sein, aber dann doch – Enthüllung! – eigentlich adeliger Herkunft. Warum wollen wir so gerne Menschen zusehen, deren Probleme zwar gross und dramatisch daherkommen, aber schlussendlich keine ernsthaften Konsequenzen haben?
„Vom Rechtsruck bei der Europa-Wahl über die schwächelnde deutsche Wirtschaft bis zum Klimawandel. Nichts von dem findet in der ästhetisierten Darstellung des Lebens in "Bridgerton" einen Widerhall. Und das ist der Punkt.“ (3)
Oscar Wilde ironisiert diese Form des Eskapismus durch den Konsum vorhersehbarer, schlussendlich aufbauender Handlungsabläufe in „Bunbury“, indem er die Figur Miss Prism über ihren eigenen Roman sprechen lässt: „Für die Guten ging es gut aus. Für die Bösen bös. Das ist der Sinn von Literatur, dass man von Anfang an weiss, wie es ausgeht.“ Den Spass an diesen Narrativen führen Wilde und Carly mit «Bunbury» augenzwinkernd vor – Wilde, indem das eigentliche Liebespaar Algernon und Jack sind. Und Carly, indem Brüsewitz’ Wünsche ins Leere laufen.
Die Quellennachweise für die in diesem Text verwendeten Zitate finden Sie unter „Weiterführende Inhalte“ weiter unten.
Ich bin nicht Ernst - Figurenaufstellung:
Algernon Moncrieff
Gwendolyn Fairfax
seine Cousine
Lady Augusta Bracknell
ihre Mutter und Algernons Tante
Jack Worthing
auch Ernst Worthing, später enthüllt als Ernst Moncrieff, Algernons Freund, Liebhaber und verlorener Bruder
Ernst Worthing
Jacks erfundener Bruder und Alter Ego von Jack und später Algernon
Miss Cecily Peanutbutter
Jacks Mündel, plant mit Algernon eine Scheinehe
Mister Peanutbutter
Jacks Ziehvater und Cecilys Grossvater
Miss Prism
Cecilys Gouvernante und Chasubles heimliche Liebhaberin
Dr. Chasuble
Pastor von Jacks Gemeinde und Miss Prisms heimlicher Liebhaber
Ernst Brüsewitz
Diener im Hause Moncrieff und Worthing/Peanutbutter
Bunbury
Algernons fiktiver Freund
Mein größter Wunsch ein Hund zu sein – Brüsewitz’ Song:
Als Kind schon war ich viel allein
Im Spreewald lief nicht alles rund
Es gab ne Zeit da war ich klein
und mein größter Wunsch ein Hund
Zu sein
Manche Menschen wollen sie streicheln am Bein
Doch ich ich will unbedingt einer sein
Viele Kinder hört man laut schreien
Aber ich wollte immer nur ein Hund sein
Ich lernte Sitz, ich lernte Platz
bei Fuß, ging auf Hasenhatz
holte Stöckchen, rannte schnell
Hab immer Haut und niemals Fell
selbst wenn ich aufhör zu rasieren
konnt ich mich einfach nur blamieren
Versuchte heimlich nachts zu jaulen
Nur wollte keiner mich je kraulen’
O ich aß sogar Trockenfutter
Bewarb mich als Hundesitter
probierte es mit bellen
kassierte ich nur Schellen
Kein Gott gab mir echtes Fell
Nun muss ein Hund dran glauben
Ich nehm mein Schicksal in die Hand
Und dieses Messer in die Andere
Die Natur hat sich geirrt in mir
Jetzt kriegt sie ihre Korrektur
Im Spreewald lief nicht alles rund
Es gab ne Zeit da war ich klein
und mein größter Wunsch ein Hund
Zu sein
Manche Menschen wollen sie streicheln am Bein
Doch ich ich will unbedingt einer sein
Viele Kinder hört man laut schreien
Aber ich wollte immer nur ein Hund sein
Ich lernte Sitz, ich lernte Platz
bei Fuß, ging auf Hasenhatz
holte Stöckchen, rannte schnell
Hab immer Haut und niemals Fell
selbst wenn ich aufhör zu rasieren
konnt ich mich einfach nur blamieren
Versuchte heimlich nachts zu jaulen
Nur wollte keiner mich je kraulen’
O ich aß sogar Trockenfutter
Bewarb mich als Hundesitter
probierte es mit bellen
kassierte ich nur Schellen
Kein Gott gab mir echtes Fell
Nun muss ein Hund dran glauben
Ich nehm mein Schicksal in die Hand
Und dieses Messer in die Andere
Die Natur hat sich geirrt in mir
Jetzt kriegt sie ihre Korrektur
Musik: Victoria Stellpflug, Text: Juli Mahid Carly, Victoria Stellpflug
Weiterführende Inhalte und Quellen:
Biografie Oscar Wilde:
Der irische Schriftsteller, Dichter und Dramatiker Oscar Wilde (1854–1900), studierte an der University Oxford und begeisterte sich dort für den neuentstehenden Ästhetizismus, eine Bewegung, in welcher der Kunst ein Selbstzweck zugesprochen wird. Zu seinen bekanntesten Werken zählen der Roman „Das Bildnis des Dorian Gray“ und die Komödie „Bunbury“. Mit gewitztem Schreibstil übte er Kritik an der viktorianischen Gesellschaft, die ihn nicht nur wegen seiner „skandalösen“ Texte, sondern auch seiner Homosexualität verpönte. Wilde war diesbezüglich auch einer strafrechtlichen Verfolgung ausgesetzt und musste zwei Jahre im Gefängnis verbringen. Er litt sowohl psychisch als auch gesundheitlich schwer unter der Haftstrafe und floh nach seiner Freilassung ins Exil nach Paris, wo er drei Jahre später verstarb. Heute zählen seine Werke mit zu den bedeutendsten der Weltliteratur, die auch weiterhin dazu auffordern, die Gesellschaft und ihren Normen kritisch und humorvoll zu hinterfragen.
Was wäre ich für ein Hund?:
(1) Warum Bridgerton so wunderbar ist:
(2) Die Royals und ich:
Kerry (22), Ökonomin, London, zitiert nach:
(3) Die Psychologie hinter dem Hype:
Glossar:
Bunburysieren: Sich unter einem Vorwand aus gesellschaftlichen Pflichten stehlen; unter falschem Namen auftreten. Zum Zweck des eigenen Vergnügens.
Bitch (engl.): Hündin
(Mayor) Slay (ugs.): Ausdruck der Bewunderung
Meuchelmord: feiger Mord aus dem Hinterhalt
Lavender-Ehe: Freundschaftliche Hochzeit zwischen zwei homosexuellen Menschen, um den gesellschaftlichen Schein zu wahren
Pomeranian: Edle Zuchthunderasse
Bitch (engl.): Hündin
(Mayor) Slay (ugs.): Ausdruck der Bewunderung
Meuchelmord: feiger Mord aus dem Hinterhalt
Lavender-Ehe: Freundschaftliche Hochzeit zwischen zwei homosexuellen Menschen, um den gesellschaftlichen Schein zu wahren
Pomeranian: Edle Zuchthunderasse