Digitales Programmheft zu

Zwei Soldaten

What the fuck is wrong with you Johnny, Hans …?:

Kinderglaube, Humanität, Gefühlsduselei, das alles ist jetzt gründlich abgeschafft.
Ein Schlachtfeld im Wüstensand. Im Angesicht des Todes liegen sich ein britischer Kampfpilot und ein deutscher SS-Sturmmann schwerstverwundet gegenüber. Sie gedenken ihrer Liebsten daheim, lassen vor dem geistigen Auge Erinnerungen wiederaufleben und werden sich mit jedem verbleibenden Herzschlag ihrer unausweichlichen Lage bewusst. Versuche der Kontaktaufnahme scheitern, denn der Krieg mit seinen Feindbildern lässt – heroisch und unerbittlich zugleich – keine Versöhnung gelten. So bleibt eine Verständigung ausgeschlossen, auch wenn die beiden jungen Männer sich gar nicht so unähnlich sind.
Die kürzlich im Nachlass der österreichischen Autorin Maria Lazar wiederentdeckte Antikriegsnovelle „Zwei Soldaten“ aus den 1940er Jahren changiert zwischen innerem Monolog, epischer Erzählung und vielstimmigem Menetekel. Der Text offenbart, wie Gehorsam, Angst und Ideologie Menschen verändern können und wie dringlich Menschlichkeit, Verantwortung und Dialog heute sind.
In der Uraufführung von „Zwei Soldaten“ verwebt Regieabsolventin Julia Gudi Textpassagen, Erinnerungssequenzen und Bewusstseinsschnipsel zu einem performativ-szenischen Gesamtkunstwerk. Zwischen „Full Metal Jacket“-Reminiszenz, Otto Dix-Expressionismus und dunklem Indie Rock-Ambiente beschwören Tabea Buser und Laura Talenti die Soldaten Johnny und Hans herauf. Sie sprechen, spielen und verkörpern die Stimmen des Textes und ziehen toxischen Männlichkeitsidealen den Zahn. Das Studio verwandelt sich in der Inszenierung Gudis und der Ausstattung von Carolin Wirth in einen vielschichtigen Assoziationsraum mit Live-Musik, Video und atmosphärischem Sound.
Text von Lucas Herrmann

Über die Autorin:

Maria Lazar (1895–1948) entstammte einer jüdisch-großbürgerlichen Wiener Familie. Sie absolvierte das fortschrittliche Mädchengymnasium der Eugenia Schwarzwald u.a. mit ihrer Mitschülerin und guten Freundin Helene Weigel. 1916 porträtierte Oskar Kokoschka sie unter dem Titel „Dame mit Papagei“. In der „Schwarzwaldschule“ traf Lazar auf zahlreiche Intellektuelle der damaligen Wiener Kulturszene wie Elias Canetti oder Hermann Broch. Sie studierte acht Semester Philosophie und Geschichte an der Universität Wien, konzentrierte sich ab den frühen 1920er Jahren dann aber vollständig auf die Arbeit als Schriftstellerin, Übersetzerin und Journalistin. 1920 erschien ihr erster Roman „Die Vergiftung“. Im März 1921 wurde ihr Einakter „Der Henker" an der Neuen Wiener Bühne aufgeführt und Ende 1922 begann Lazars Mitarbeit bei der renommierten Wiener Zeitung „Der Tag“. 1923 trat Lazar aus der katholischen Kirche aus und heiratete den Journalisten Friedrich Strindberg, Sohn von Frank Wedekind und Frieda Uhl, die zuvor mit August Strindberg verheiratet gewesen war. Aus der Ehe mit Strindberg, die 1927 wieder geschieden wurde, hatte sie die Tochter Judith (*1924). Sie übersetzte Werke amerikanischer Autoren wie Edgar Allen Poe und F. Scott Fitzgerald. Ab dem Jahr 1930 stellte sich allmählich literarischer Erfolg unter ihrem nordischen Pseudonym Esther Grenen ein, der allerdings durch die Machtergreifung der Nationalsozialisten schnell schwand. Aufgrund des repressiven Klimas verließ sie schon 1933 mit ihrer Tochter Österreich und ging gemeinsam mit Bertolt Brecht und Helene Weigel ins Exil nach Dänemark. Durch die Ehe mit Strindberg auch schwedische Staatsbürgerin, flüchtete sie 1939 nach Schweden, wo sie sich 1948 nach der Diagnose einer unheilbaren Knochenkrankheit das Leben nahm. Ihr breitgefächertes und wagemutiges literarisches Oeuvre geriet schon vor 1945 völlig in Vergessenheit. Seit einigen Jahren erfährt ihr Werk eine Renaissance. In diesem Zuge wurden einige ihrer Romane und Theaterstücke seit 2019 auf den deutschsprachigen Bühnen wieder- bzw. uraufgeführt.

Über das Werk – Eine besondere Editionsgeschichte:

Die Editionsgeschichte der Novelle „Zwei Soldaten“ von Maria Lazar ist eng mit der postumen Wiederentdeckung der Autorin verbunden. Sie lässt sich in mehrere Phasen gliedern:

1. Entstehung (ca. 1945–1948):

Die Novelle „Zwei Soldaten“ entstand wahrscheinlich kurz nach Ende des Zweiten Weltkriegs und gilt vermutlich als eines der letzten vollendeten Prosawerke Lazars. Inhaltlich entwirft sie ein stark reduziertes Szenario: Ein britischer Pilot und ein deutscher SS-Sturmmann liegen schwerverwundet auf einem Schlachtfeld und führen parallel verlaufende innere Monologe, ohne wirklich miteinander in Dialog zu treten. Zu Lebzeiten der Autorin wurde der Text nicht veröffentlicht. Gründe dafür liegen vor allem in Lazars Situation im Exil (zunächst Dänemark, später Schweden) und ihrem frühen Tod 1948. Dadurch blieb das Manuskript Teil ihres persönlichen Nachlasses.

2. Nachlassüberlieferung (ca. 1948 –2022):

Nach Lazars Tod blieb ein großer Teil ihres literarischen Nachlasses jahrzehntelang unerschlossen und unveröffentlicht. Die Manuskripte lagerten bei Familienangehörigen in zwei verschlossenen Kisten. Erst 2022 wurden diese Materialien – darunter Romane, Novellen, Gedichte und Theaterstücke – von den Nachfahren der Autorin geöffnet und der Forschung zugänglich gemacht. Unter den dort aufgefundenen Texten befand sich auch das Manuskript von „Zwei Soldaten“. Anschließend wurden die Werke an das Literaturhaus Wien übergeben.

3. Erste Veröffentlichung (2023):

Die Erstausgabe von „Zwei Soldaten“ erschien schließlich 2023 im Wiener Verlag DVB – Das vergessene Buch, herausgegeben von Albert C. Eibl.

Statement von Regisseurin Julia Gudi:

„Mich hat an „Zwei Soldaten“ vor allem seine radikale Perspektive auf den Krieg interessiert. Lazar erzählt keine Heldengeschichte. Es gibt keinen ‚wahren‘ Heroismus. Am Ende sterben einfach zwei junge Menschen. Krieg erscheint hier nicht als Ausnahmezustand, sondern als System: eine fortgesetzte Zurichtung des Männlichen. Soldatische Subjekte entstehen durch Disziplinierung, durch Sprache, durch Gewalt – nicht nur gegen den Feind, sondern auch gegen den eigenen Körper und den des Nebenmannes. In unserer Inszenierung interessiert uns dieser soldatische Körper in Fragmenten – seine Verletzlichkeit, seine Abrichtung, seine Brüchigkeit: Die patriarchalen Strukturen, die sich einschreiben. In einer Zeit, in der wieder über Aufrüstung, Wehrpflicht und militärische Stärke gesprochen wird, wirkt Lazars Blick für mich erschreckend aktuell. Mich erschüttert die neue Selbstverständlichkeit, mit der militärische Logiken abermals Teil politischer Debatten werden und wie selbstverständlich dabei die Körper einer jungen Generation mitgedacht werden. Die Inszenierung fragt deshalb nicht nur nach dem Krieg von damals, sondern auch nach dem von heute. Maria Lazars Sprache und ihre Antikriegshaltung wirken dabei in die Gegenwart.“

Der soldatische Körper:

Auszüge aus „Männerphantasien“ von Klaus Theweleit:

„Der Stahlpanzer schließt ein jedes fest ein. Der ‚neue Mensch‘, gezeugt aus dem vom Drill organisierten Kampf des alten Menschen gegen sich selbst, ist lediglich der Maschine verpflichtet, die ihn geboren hat. Er ist eine wirkliche Zeugung der Drillmaschine, gezeugt ohne Zuhilfenahme der Frau, ohne Eltern. Verbindungen, Beziehungen, hat er zu anderen Exemplaren des neuen Menschen, mit denen er sich zusammenfügen lässt zur Makromaschine Truppe. Alle anderen passen nur ‚unter‘, nicht neben, vor oder hinter ihn. Die notwendigste Arbeit der Stahlnaturen: alles zu verfolgen, einzudämmen, zu unterwerfen, was sie zurückverwandeln könnte in das schrecklich desorganisierte Gewimmel aus Fleisch, Haaren, Haut, Knochen, Därmen, Gefühlen, das Mensch heißt, alter Mensch.“

Auszüge von Lyrics der in der Inszenierung verwendeten Songs:

Man Made (2025) von Sofia Isella:

"What'll make me a man?" he asked the man maker
He stands like a boulder made of rice paper
Watched death til it's like watching the weather
Innocence plucked out of eyes like couch feathers
We all sell our body one way or another
He's forehead to forehead with the people called "Other"
Live your life for thе line in the front
The morе you're a man, the less you react to blood

Oh man, you're winning the game
With the rules you wrote and the road you made
Oh boy, oh boy, you're having a ball
Man, you're winning it, winning it, winning it all

Oh man, you're winning the game
With the rules you wrote and the road you made
Oh boy, oh boy, you're having a ball
Man, you're winning it, winning it, winning it all

There's no salt on his skin, no water in face
You must let it be evaporated with rage
You'll be pure testosterone killed singing a war song
You will only see manhood when your sight is gone
You are one lonely motherfucker
There's dope and beer to replace a brother
You'll find your family another way
Jesus is the father that didn't run away

Oh man, you're winning the game
With the rules you wrote and the road you made
Oh boy, oh boy, you're having a ball
Man, you're winning it, winning it, winning it, winning it all
Oh man, you're looking haunted
With the laws you built and the roles you wanted
Oh boy, oh boy, you're looking pale
You got what you wanted

You're a man, you're a male
You're a man, you're a man, you're a man
You're a man, You're a man

Steve
Steve, wake up
Wake up Steve, you're a man
You're a man Steve
Steve, Steve
What the fuck is wrong with Steve?
Songwriter: Sofia Isella Miranda

Believe (2019) von Okay Kaya:

No matter how hard I try
You keep pushing me aside
And I can't break through
There's no talking to you
I'm so sad that you're leaving
It takes time to believe it
After all is said and done
You'll be the lonely one, whoa-whoa

Do you believe in life after love?
I can feel something inside me say
"I really don't think you're strong enough, no"
Do you believe in life after love?
I can feel something inside me say
"I really don't think you're strong enough, no"

But I know that I'll get through this
'Cause I know that I am strong
No, I don't need you anymore
No, I don't need you anymore
No, I don't need you anymore
No, I don't need you anymore

Do you believe in life after love?
I can feel something inside me say
"I really don't think you're strong enough, no"
Do you believe in life after love?
I can feel something inside me say
"I really don't think you're strong enough, no"

No
No
No


Songwriter: Brian Higgins / Steve Torch / Paul Barry
Songtext von Believe © Bmg Rights Management (uk) Limited, Xenomania Songs Ltd, Warner Chappell Music Ltd, Hipgnosis Songs Fund Limited, Hipgnosis Side A

Born to Die (2012) von Lana Del Rey:

Feet don't fail me now
Take me to the finish line
Oh, my heart it breaks every step that I take
But I'm hoping that the gates, they'll tell me that you're mine
Walking through the city streets
Is it by mistake or design?
I feel so alone on the Friday nights
Can you make it feel like home if I tell you you're mine?
It's like I told you, honey

Don't make me sad, don't make me cry
Sometimes love is not enough
And the road gets tough, I don't know why
Keep making me laugh
Let's go get high
The road is long, we carry on
Try to have fun in the meantime

Come and take a walk on the wild side
Let me kiss you hard in the pouring rain
You like your girls insane, so (louder)
Choose your last words, this is the last time
'Cause you and I, we were born to die

Lost but now I am found
I can see that once I was blind
I was so confused as a little child
Tryna take what I could get
Scared that I couldn't find
All the answers, honey

Don't make me sad, don't make me cry
Sometimes love is not enough
And the road gets tough, I don't know why
Keep making me laugh
Let's go get high
The road is long, we carry on
Try to have fun in the meantime

Come and take a walk on the wild side
Let me kiss you hard in the pouring rain
You like your girls insane, so
Choose your last words, this is the last time
'Cause you and I, we were born to die
We were born to die

Songwriter: Elizabeth Grant / Justin Parker
Songtext von Born to Die © Sony/ATV Music Publishing LLC

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