Digitales Programmheft zu

Am Samstag gehen die Mädchen in den Wald und jagen Sachen in die Luft:
nach dem Roman von Fiona Sironic

Zwischen Sprengen, Bewahren und der ersten Liebe:

Am Samstag gehen die Schwestern Maja und Merle in den Wald, jagen Sachen in die Luft und filmen sich dabei. Die beiden sprengen Festplatten, auf denen ihre gesamte Kindheit gespeichert ist – dokumentiert, veröffentlicht und monetarisiert von ihren berühmten Momfluencer-Müttern. Während das Internet nichts vergisst, verschwindet die Welt, die sie umgibt immer mehr: Waldbrände gehören selbstverständlich zum Sommer dazu, der Buntspecht ist bereits ausgestorben, Wohnungsnot und soziale Ungleichheit haben sich weiter verschärft. Era schaut zu. Sie verfolgt den Stream der beiden Schwestern, dokumentiert das Verschwinden der Vögel und versucht festzuhalten, was noch übrig ist.
Willkommen in einer Welt, die nicht unsere ist, aber es bald sein könnte. Eine Welt in einer nahen Zukunft, in der die Klimakrise kein Ausnahmezustand mehr ist, sondern Alltag. In diesem Sommer gab es fast 16000 Hitzetote in Deutschland. Klimaforscher*innen prognostizieren, dass das Klima von Wiesbaden bis zur Mitte des Jahrhunderts den klimatischen Bedingungen gleicht, die heute eher mit Lugano verbunden werden [Nick Reimer, Toralf Staud: „Deutschland 2050“]: heißere Sommer, längere Trockenperioden und neue Herausforderungen für Mensch und Natur. Was heute noch Prognose ist,ist in Fiona Sironics Roman schon Wirklichkeit geworden.
Inmitten dieser Realität entsteht trotz aller Unterschiede zwischen Maja und Era eine Beziehung. Doch die junge Liebe wird, spätestens nachdem Eras Zuhause brennt und Maja untertaucht, auf harte Proben gestellt.
Fiona Sironic veröffentlichte ihren Debütroman „Am Samstag gehen die Mädchen in den Wald und jagen Sachen in die Luft“ im Jahr 2025. Für den Deutschen Buchpreis nominiert, entwirft er keine ferne Science-Fiction-Welt, sondern eine Zukunft, die direkt aus den Entwicklungen der Gegenwart hervorgeht. Die Klimakrise verschärft bestehende Konflikte, digitale Öffentlichkeit prägt Erinnerungen und Identitäten, und die Frage nach politischer Handlungsfähigkeit bestimmt das Leben der Figuren.
Regisseurin Amalia Starikow setzt mit der Uraufführung des Romans an einem Wendepunkt der Beziehung zwischen Era und Maja ein. Ausgehend von Majas fragmentarischen Erinnerungen entfaltet sich die Geschichte einer jungen Liebe, die ebenso von Zuneigung wie von Verlust, Wut und unterschiedlichen Vorstellungen von Zukunft geprägt ist und dennoch Raum für Hoffnung lässt.

Die Autorin Fiona Sironic: Schreiben gegen die Ohnmacht:

Fiona Sironic, geboren 1995, gehört zu einer Generation von Autor*innen, für die die Klimakrise keine abstrakte Zukunftsfrage mehr ist. In ihrem Debütroman „Am Samstag gehen die Mädchen in den Wald und jagen Sachen in die Luft“ verbindet Sironic ökologische Katastrophen mit Fragen nach digitaler Öffentlichkeit, Erinnerung und Widerstand. Immer wieder geht es dabei um Wut. Nicht als zerstörerische Kraft allein, sondern als Reaktion auf Erfahrungen von Ohnmacht. So entstand ein Roman, der von der Zukunft erzählt und gleichzeitig unsere Gegenwart verhandelt. Diese Setzung sowie ihr besonderer Stil, brachten Sironic‘ Debüt auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises 2025. Die Jury beschrieb den Roman als „temporeichste[n] Roman“ des Jahres und stellt fest: „Unruhig, einfallsreich, konfliktfreudig und komisch hält uns dieses Buch durch seine Geistesgegenwart bis zur letzten Seite in Atem.“ [Website des Deutschen Buchpreises, Begründung der Jury]
Neben dem Schreiben von Prosa, gibt die in Wien lebende Autorin Literaturworkshops und ist in verschiedenen literarischen Redaktionen sowie journalistisch tätig. Ihre Laufbahn begann mit dem Studium der Fächer Kreatives Schreiben, Sprachkunst und Gender Studies und ist heute geprägt von einem wachen Blick auf gesellschaftliche Veränderungen.
Mehr über Fiona Sironic‘ Schreibprozess sowie ihre Motive sind im Interview mit Deutschlandfunk Kultur zu hören:

Im Zeitalter des Feuers:

Wir blicken auf einen Sommer zurück, in dem Wetter und Klima die tägliche Berichterstattung in den Nachrichten dominierte: Ausgetrocknete Flüsse und geschmolzene Bahnschienen. Waldbrände in Frankreich und Spanien, Griechenland, aber auch in der Eifel. Rekordtemperaturen seit Beginn der Aufzeichnung, die sich an aufeinanderfolgenden Tagen überbieten. Hitzetote, fehlende Kühlräume und in Mainz-Kinzig der Aufruf Wasser zu sparen, damit die Feuerwehr genügen Löschwasser zur Verfügung hat.
Nach diesem Sommer scheint die Welt, in der Era und Maja leben erschreckend nah. Era verwendet im Roman den Begriff Pyrozän, also die Ära des Feuers, um das Zeitalter, in dem sie lebt zu beschreiben. Dies ist ein von Stephen Pyne geprägter Begriff. Noch leben wir im Anthropozän, was sich laut Pyne jedoch droht zu ändern. Das Pyrozän ist von Feuer und Verbrennung geprägt, wobei das Feuer als Werkzeug globaler Gestaltung den Menschen als einflussreichsten geologischen Faktor ablöst. Darunter fallen neben Flächenbränden in beispielsweise Wäldern auch die Verbrennung fossiler Energieträger. Dies wirft die Frage auf, wie die Menschheit es schaffen kann, in und mit einer von omnipräsenten Feuern geprägten Umwelt zu leben. Um sich zu vergegenwärtigen, wie ausgeprägt die Problematik der Flächenbrände bereits ist, gibt es im Internet Modulationen, die in Echtzeit alle aktuellen Brände der Erde verzeichnen.

Vogelstimmen-Quiz:

Wiesbaden ist die „Sittich-Hauptstadt“ im Rhein-Main-Gebiet und noch sind viele der Vögel, für die sich etwa die Figuren Era und ihre Tante begeistern, nicht ausgestorben. Im Roman spielen die beiden regelmäßig „Vogelstimmenraten“.
Wer das eigene Wissen auf die Probe stellen will, kann das zum Beispiel im Quiz des Landesbunds für Vogel- und Naturschutz tun.

Alternative Wohnprojekte: Ein solidarischer Weg in eine ressourcenschonende Zukunft?:

Wie wir wohnen bestimmt mehr als die Frage, wie viele Zimmer wir zur Verfügung haben. Es geht auch, oder vielleicht sogar vor allem darum, wie viel wir teilen, wie viel Platz wir allein beanspruchen und wie wir miteinander leben möchten. In Deutschland wohnen viele Menschen allein: Laut einem Beitrag der taz leben in rund 40 Prozent der Wohnungen jeweils nur eine Person. Einzelhaushalte benötigen dabei häufig eigene Waschmaschinen, Computer und andere Geräte, wodurch pro Kopf mehr Ressourcen verbraucht werden als in größeren Haushalten. Auch finanziell schlägt sich dies nieder: Alleinlebende geben spürbar mehr Geld für Ernährung, Bekleidung, Miete und Wohnnebenkosten aus.
Dabei geht es nicht darum, das Leben allein zum ökologischen Problem zu erklären. Vielmehr geht es darum, welche Formen des Zusammenlebens unsere Gesellschaft ermöglicht und welche davon in die eigenen Lebensrealitäten passen und idealerweise auch in Zukunft noch passen werden. Eine eigene Wohnung bietet Unabhängigkeit und Rückzugsmöglichkeiten. Gemeinsames Wohnen dagegen bedeutet meist, Räume, Dinge und alltägliche Aufgaben zu teilen. Was auf sozialer Ebene erfüllend sein kann, braucht auf der anderen Seite allerdings auch Kompromisse, Absprachen und die Bereitschaft, sich auf andere Menschen und deren Bedürfnisse einzulassen. Wie solche Alternativen aussehen können, zeigt zum Beispiel ein Beitrag von Deutschlandfunk Kultur über gemeinschaftliche Wohnprojekte, indem die Vielfältigkeit von Wohnprojekten aufgezeigt wird:
Gemeinschaftliches Wohnen bedeutet dabei nicht, jede Lebenssphäre miteinander zu teilen. Entscheidend ist, wie viel Nähe und wie viel Distanz die Bewohner*innen wünschen und wie das Zusammenleben organisiert wird. Dafür gibt es unterschiedliche rechtliche und finanzielle Modelle. Manche Projekte entstehen aus dem Wunsch nach einem sozialen Miteinander, andere setzen auf ökologisches Bauen, auf bezahlbaren Wohnraum oder darauf, ein Haus dauerhaft der Spekulation zu entziehen.
Solche Projekte verstehen Wohnen nicht nur als private Angelegenheit, sondern als gemeinschaftliche und hoch politische Aufgabe. Sie stellen damit auch eine andere Frage an unsere Vorstellung von Zuhause: Muss jede Person alles selbst besitzen, oder können wir Räume, Geräte und Verantwortung miteinander teilen? Und könnte gemeinsames Wohnen nicht nur soziale Beziehungen stärken, sondern gleichzeitig Ressourcen sparen? Vielleicht beginnt die Frage nach dem Wohnen deshalb nicht mit dem Grundriss einer Wohnung auf einer Immobilienplattform, sondern mit der Überlegung: Wie wollen wir in Zukunft miteinander leben? Zumindest Eras Tante scheint diese Frage für sich im Laufe des Romans zu beantworten. Wer sich selbst weiter mit diesen Fragen auseinandersetzen möchte, kann sich vor der Haustür direkt umsehen, denn das Rhein-Main Gebiet ist hinsichtlich solidarischer Wohnkonzepte dicht besiedelt:

Family-Influencer: Wenn das Baby Gold wert ist:

Family-Influencing hat sich zu einem lukrativen Geschäftsmodell entwickelt. Davon profitieren sowohl Influencer*innen als auch die Werbewirtschaft und die Plattformen. Die Kinder, die dabei häufig als Werbeträger für verschiedene Produkte eingesetzt werden, können dafür einen hohen Preis zahlen, etwa ihre Privatsphäre und ihr persönlicher Schutzraum innerhalb der Familie. Die Eltern drohen dabei in einen Interessenkonflikt zu geraten: „In dem Moment, wo eine Wirtschaftslogik einen Anreiz setzt, zum Beispiel noch mehr Content zu produzieren, noch mehr das Kind zu zeigen, auch private Räume zu öffnen, weil die Community entsprechend positives Feedback gibt, was wiederum mit mehr Werbeeinnahmen einhergehen kann: Das führt dazu, dass dann vielleicht nicht mehr nur das Kindeswohl und Erziehung und Pflege des Kindes im Vordergrund stehen, sondern eben auch die monetären Interessen“, sagt Stephan Dreyer vom Hans-Bredow-Institut.
Was macht das mit Kindern, wenn sie auf Bildern in möglicherweise schambesetzten Situationen gezeigt werden, halbnackt, beim Weinen oder dem Wechseln der Windeln? Die Psychologin Caroline Bechmann betont, dass Kinder schon sehr früh eine eigene Meinung zu vielen Themen haben – und emotionale Bloßstellung und unvorteilhafte Bilder ablehnen. Auch jüngere Kinder empfänden bereits Scham, sagt Bechmann.
Wird Social Media Teil des Familienlebens, verändert das die Kindheit. Bechmann geht davon aus, dass das die Entwicklung der Kinder nachhaltig beeinflussen kann. Wenn Kindern von klein auf eine Kamera vor die Nase gehalten werde und sie Situationen inszenieren sollen – „für schöne Bilder und Videos für den Familienaccount“ – könne das Auswirkungen auf ihre Identitätsentwicklung haben.
Genau wie Erwachsene sich in ihren Persönlichkeitsrechten verletzt fühlen, wenn Jemand ungefragt ein unvorteilhaftes Foto im Netz veröffentlicht, ergeht es auch Kindern, die ebenfalls ein Recht auf Privatsphäre haben, jedoch oft nicht entscheiden können, welche Fotos wie verbreitet werden. Um dies zu verbildlichen haben Aktivist*innen die folgende Website ins Leben gerufen:

Reflexionsfragen für die Nachbesprechung (im Klassenzimmer):

Klima, Datensicherheit, Protest, Zukunftsängste, Generationenkonflikt: Dieser Theaterabend bietet reichlich Stoff zur Debatte, vor allem mit jungen Menschen. Hier sind beispielhaft einige Fragen gelistet, die es sich lohnt, nach der Vorstellung zu stellen.
  • Wofür lohnt es sich noch zu kämpfen, wenn das Klima und damit unsere Lebensgrundlage ohnehin nicht gerettet werden kann?
  • Was würdet ihr euch von Entscheidungsträger*innen für die Bekämpfung der Klimakrise wünschen? Werden junge Stimmen nicht genug gehört?
  • Wovor haben die Figuren eigentlich Angst und wo seht ihr Parallelen zu eurer eigenen Lebensrealität?
  • Wie gehen die Figuren im Stück mit der sich verschlimmernden gesellschaftlichen Situation um? Welche Auswege und Handlungsmöglichkeiten wählen sie? Und welche weiteren kennt ihr?
  • Wie steht ihr zu Momfluencerinnen, wie z.B. „Couple on Tour“? Aus der Privatsphäre der Kinder wird Profit geschlagen, ohne dass sie ein Mitspracherecht haben. Wie würde es euch damit gehen? Könnt ihr Emilys und Alices Argumentation ein bisschen verstehen?
  • Kann man sich der digitalen Öffentlichkeit entziehen? Wie geht ihr mit den eigenen Daten um?
  • Habt ihr eine Theorie, warum im Roman keine männlichen Figuren auftauchen?
  • Wie glaubt ihr werden wir in 30 Jahren zusammenleben? Ist das Buch realistisch?
  • Ist es egoistisch, heute noch Kinder kriegen zu wollen?
  • Wird sich der Generationenkonflikt wegen des Klimawandels weiter verschärfen?
  • Ist Zerstörung manchmal notwendig?
  • Wie geht ihr mit Klima-Angst um? Empfindet ihr so etwas?

Weiterführende Inhalte:

Climate Fiction: Zukunftsromane als Weckruf für die Gegenwart:

Dieser Beitrag bei Deutschlandfunk Kultur widmet sich der Frage, was Climate Fiction eigentlich ist und warum Literatur Klimazukünfte entwirft.

Kinder und Influencing: Der schmale Grat zur Kindeswohlgefährdung:

Das Deutsche Kinderhilfswerk informiert über Gefahren und die rechtlichen Rahmen der kommerziellen Veröffentlichung von Inhalten, die die eigenen Kinder im Netz zeigen.

KI: Klimaschädlich by Design:

In ihrem Vortrag für den Chaos Computer Club referieren Friederike Karla Hildebrandt und Constanze Kurz über die ökologischen Kosten des KI-Hypes.

Patriachat und Klima: man-made climate:

Global sind besonders Frauen von den Folgen der Klimakrise betroffen, während die wegweisenden Entscheidungen vor allem von Männern getroffen werden. Doch nicht nur das verbindet Patriachat und Klima, die Strukturen sind tief ineinander verwoben, wie die Politikwissenschaftlerin Mirjam Gruber herausarbeitet.

Klimaangst: Die Angst vor der Zukunft hat einen Namen:

Wer heute jung ist, wächst mit einer besonderen Form von Zukunftsbewusstsein auf. Die Klimakrise ist kein abstraktes Szenario mehr, sondern Teil der Gegenwart. Für die Gefühle, die daraus entstehen, gibt es inzwischen einen Begriff: Klimaangst. Gemeint ist damit keine Krankheit, sondern eine Reaktion auf sehr wahrscheinlich anstehende Bedrohungslagen. Viele Kinder und Jugendliche erleben Sorgen, Unsicherheit oder das Gefühl, den Entwicklungen nur begrenzt etwas entgegensetzen zu können. Die Frage ist deshalb oft nicht, ob man betroffen ist, sondern wie man mit dieser Betroffenheit umgeht.