Digitales Programmheft zu
Über die Notwendigkeit, dass ein See verschwindet:
von Anna Neata
Handlung:
In der malerischen Gemeinde Seeblick in Österreich wirkt auf den ersten Blick alles perfekt: Der See am Berg lädt zum Verweilen ein und zieht damit jedes Jahr viele Tourist*innen an, die den kleinen Ort am See besuchen. So auch Herr und Frau F., die dort wieder einmal Urlaub machen und sich freuen, ihren Gastgeber Edi und seine junge Mitarbeiterin Else wiederzusehen. Ava, eine Journalistin aus der Stadt, ist gekommen, um einen Bericht über den See zu verfassen. Bei ihren Recherchen lernt sie Else, die von einem anderen Leben träumt, immer besser kennen. Das gefällt vor allem Edi nicht. Derweil spielen die Kinder von Seeblick ein geheimnisvolles Spiel und scheinen mehr zu wissen als die Erwachsenen, die mit den anstehenden Wahlen beschäftigt sind, ohne wirklich darüber zu reden.
Währenddessen sinkt der Wasserpegel des Sees immer weiter, sodass die meteorologischen Phänomene bald überregionale Aufmerksamkeit erregen und sogar der Bundeskanzler anreist, um zu erklären, dass der Klimawandel nicht die Lösung des Problems sei. Doch am Grunde des Sees liegt ein anderes, gesellschaftlich gravierendes Problem: Es werden mehrere Frauenleichen gefunden – und Else verschwindet.
Währenddessen sinkt der Wasserpegel des Sees immer weiter, sodass die meteorologischen Phänomene bald überregionale Aufmerksamkeit erregen und sogar der Bundeskanzler anreist, um zu erklären, dass der Klimawandel nicht die Lösung des Problems sei. Doch am Grunde des Sees liegt ein anderes, gesellschaftlich gravierendes Problem: Es werden mehrere Frauenleichen gefunden – und Else verschwindet.
Text: Cosma Corona Hahne
Über die Inszenierung:
Anna Neata enthüllt in ihrem 2024 in Linz uraufgeführten Stück durch präzise Auslassungen und eine wellenartige Sprache ein kollabierendes System, in dem Katastrophen immer wieder an die Oberfläche treten und ignoriert werden. Im Stück wird deutlich, dass patriarchale Gewalt und Femizide alle weiblichen* Personen bedrohen. Theresa Thomasberger zeigt in der deutschen Erstaufführung von „Über die Notwendigkeit, dass ein See verschwindet“ eine Idylle, die nach und nach zerbröckelt, während eine Gesellschaft die Augen vor der Wahrheit verschließt. Die Ausstattung von Anna Bergemann verbindet vielseitige Kostüme mit einer tiefschwarzen, verkohlten Seelandschaft und einem schwebenden Wetterhäuschen, aus dem die Figuren immer wieder in die düster werdende Postkartenfantasie hineingedreht werden. Durch den Sound von Oskar Mayböck entsteht eine Atmosphäre, die vom Alpenglühen bis hin zum Schrecken alle Facetten des brodelnden Theaterabends verstärkt.
Text: Cosma Corona Hahne
Femizide in Deutschland:
Femizide sind keine privaten Tragödien, keine Beziehungsdramen und keine kulturell isolierten Phänomene – sie sind Ausdruck eines globalen patriarchalen Systems, das Frauen systematisch entwertet und ihrer Leben beraubt. (…)
Doch trotz alarmierender Zahlen und wiederkehrender Muster fehlt es in Deutschland noch immer an einer angemessenen rechtlichen, politischen und gesellschaftlichen Einordnung. Bis heute mangelt es an einem einheitlichen Verständnis davon, was Femizide umfassen. Sie sind weit mehr als Trennungstötungen durch Partner oder Ex-Partner: Sie schließen alle Tötungen von Frauen aufgrund ihres Geschlechts ein – die Ermordung einer Frau, die sich von ihrem gewalttätigen Partner trennen will, ebenso wie die Tötung im Namen der sogenannten „Ehre“, die Ermordung von Sexarbeiterinnen, die Tötung von trans Frauen aufgrund ihrer Geschlechtsidentität oder die gezielte Ermordung von Frauen aufgrund frauenfeindlicher Ideologie. (…)
Ein Großteil der Tötungsdelikte an Frauen findet im sozialen Nahraum statt, durch Partner, Ex-Partner oder Familienangehörige. Der private Raum, der Schutz bieten sollte, wird zum gefährlichsten Ort. Besonders wichtig ist dabei eine intersektionale Perspektive: Nicht alle Frauen sind gleichermaßen gefährdet. Diskriminierung aufgrund von Herkunft, Alter, sozialem Status, sexueller Orientierung oder Behinderungen verstärkt das Risiko und muss systematisch berücksichtigt werden.
Um Femizide wirksam zu bekämpfen, bedarf es eines grundlegenden Perspektivwechsels: weg von der Betrachtung als Einzelfälle, hin zur Anerkennung als strukturelles Gewaltproblem. Der Begriff Femizid ist dabei mehr als eine juristische Kategorie – er ist ein politisches Instrument, um sichtbar zu machen, was zu lange im Verborgenen blieb. Nur wenn wir diese Dimension anerkennen, können wir wirksame Präventionsmaßnahmen entwickeln und Leben retten.
Doch trotz alarmierender Zahlen und wiederkehrender Muster fehlt es in Deutschland noch immer an einer angemessenen rechtlichen, politischen und gesellschaftlichen Einordnung. Bis heute mangelt es an einem einheitlichen Verständnis davon, was Femizide umfassen. Sie sind weit mehr als Trennungstötungen durch Partner oder Ex-Partner: Sie schließen alle Tötungen von Frauen aufgrund ihres Geschlechts ein – die Ermordung einer Frau, die sich von ihrem gewalttätigen Partner trennen will, ebenso wie die Tötung im Namen der sogenannten „Ehre“, die Ermordung von Sexarbeiterinnen, die Tötung von trans Frauen aufgrund ihrer Geschlechtsidentität oder die gezielte Ermordung von Frauen aufgrund frauenfeindlicher Ideologie. (…)
Ein Großteil der Tötungsdelikte an Frauen findet im sozialen Nahraum statt, durch Partner, Ex-Partner oder Familienangehörige. Der private Raum, der Schutz bieten sollte, wird zum gefährlichsten Ort. Besonders wichtig ist dabei eine intersektionale Perspektive: Nicht alle Frauen sind gleichermaßen gefährdet. Diskriminierung aufgrund von Herkunft, Alter, sozialem Status, sexueller Orientierung oder Behinderungen verstärkt das Risiko und muss systematisch berücksichtigt werden.
Um Femizide wirksam zu bekämpfen, bedarf es eines grundlegenden Perspektivwechsels: weg von der Betrachtung als Einzelfälle, hin zur Anerkennung als strukturelles Gewaltproblem. Der Begriff Femizid ist dabei mehr als eine juristische Kategorie – er ist ein politisches Instrument, um sichtbar zu machen, was zu lange im Verborgenen blieb. Nur wenn wir diese Dimension anerkennen, können wir wirksame Präventionsmaßnahmen entwickeln und Leben retten.
Quelle: Vorwort aus: Deutsches Institut für Menschenrechte (2025): Monitor. Im Fokus: Femizide in Deutschland. Verständnis, Datenlage und Prävention. Berlin, abgerufen am 26.03.2026 unter:
Übersetzung: „Männer haben Angst, dass Frauen über sie lachen. Frauen haben Angst, dass Männer sie töten.“
Über die Autorin Anna Neata:
Anna Neata, geboren 1987 in Oberndorf bei Salzburg, studierte Film- und Theaterwissenschaften an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz sowie Sprachkunst an der Universität für Angewandte Kunst in Wien. Sie schreibt Prosa und Theatertexte. Für „Oxytocin Baby“ gewann sie 2020 das Hans Gratzer Stipendium. Die Uraufführungsproduktion war eingeladen zum Heidelberger Stückemarkt sowie zum Prager Theaterfestival für deutsche Sprache und die Regisseurin Rieke Süßkow wurde für die Inszenierung 2022 mit einem Nestroy Preis ausgezeichnet. Anna Neatas Debütroman „Packerl“ erschien 2023 im Ullstein Verlag.
Weiterführende Inhalte:
Mehr als die Hälfte der Seen weltweit verliert Wasser:
Durch den Klimawandel und die menschliche Nutzung schrumpft das Volumen von Seen weltweit erheblich. Das zeigt eine neue Studie, die Satellitenbilder von 2000 Seen ausgewertet hat. Sie gibt auch Hinweise, wie Lösungen aussehen könnten.
Wenn der Klimawandel zur Klimakrise wird:
Was der Welt droht, wenn wir die Klimaziele verfehlen
Buch: Mit Männern leben:
Überlegungen zum Pelicot-Prozess
von Manon Garcia
von Manon Garcia
Die monströsen Verbrechen an Gisèle Pelicot, die von ihrem Mann über Jahre betäubt und von ihm und fast 70 anderen Männern vergewaltigt wurde, haben die Welt erschüttert. Das sich anschließende Gerichtsverfahren avancierte zu einem der aufsehenerregendsten Prozesse der letzten Jahrzehnte, nicht nur wegen der Schwere der Schuld, sondern weil weithin klar wurde, dass das dort Verhandelte Millionen von Frauen betrifft.
Manon Garcia, eine der wichtigsten Feministinnen der neuen Generation, reiste zum Prozess nach Avignon, um diesen akribisch zu dokumentieren. Sie verbindet ihre präzisen Beobachtungen über den Verlauf des Verfahrens, die Angeklagten und deren Reaktion auf die Vorwürfe mit Überlegungen zur Rolle der Frau in der patriarchalen Gesellschaft. Und sie verknüpft sie mit eigenen Erfahrungen der alltäglichen Gefahr, Opfer zu werden. Angesichts der Abgründe männlicher Gewalt gelangt sie zu der existenziellen Frage: Wie noch mit Männern leben?
Manon Garcia, eine der wichtigsten Feministinnen der neuen Generation, reiste zum Prozess nach Avignon, um diesen akribisch zu dokumentieren. Sie verbindet ihre präzisen Beobachtungen über den Verlauf des Verfahrens, die Angeklagten und deren Reaktion auf die Vorwürfe mit Überlegungen zur Rolle der Frau in der patriarchalen Gesellschaft. Und sie verknüpft sie mit eigenen Erfahrungen der alltäglichen Gefahr, Opfer zu werden. Angesichts der Abgründe männlicher Gewalt gelangt sie zu der existenziellen Frage: Wie noch mit Männern leben?
Zeitschrift der Bundeszentrale für Politische Bildung APuZ zum Thema Femizide:
Frauenhauskoordinierung e. V.:
Der Verein Frauenhauskoordinierung (FHK) setzt sich dafür ein, Gewalt gegen Frauen zu verhindern und die Hilfen für misshandelte Frauen und ihre Kinder zu verbessern.
Weil du mir gehörst! Gewalt an Frauen und wie Taten sich ankündigen | Dokumentation:
In Deutschland werden jährlich mehr als hundert Frauen von ihrem Partner oder Ex-Partner getötet. Für die Dokumentation wurden in einer aufwendigen Recherche alle bekannten Fälle aus dem Jahr 2024 zusammengetragen und untersucht: 104 Frauen haben ihr Leben verloren, weil Männer Kontrolle, Besitzanspruch und Gewalt über sie stellten. Jochen Breyer führt durch den Film, der anhand von Gerichtsakten, Polizeimeldungen und Gesprächen mit Angehörigen zeigt, wie sich die Taten oft über Jahre ankündigen. Wiederkehrende Muster sind zu erkennen: Frauen, die Schutz suchen und ihn nicht finden, Behörden, die Fehler machen – mit tödlichen Folgen. Im Zentrum stehen die Geschichten der Opfer, erzählt von den Menschen, die zurückgeblieben sind.
Die Rhetorik der Politik:
Populismus, Medien und Propaganda – in der Politik werden Worte strategisch eingesetzt. Um politische Gegner zu diffamieren oder um Maßnahmen durch Begriffe einen positiven Anstrich zu geben. Welche Strategien gibt es?