Digitales Programmheft zur Produktion
Die Wurstfrau:
Kein trauriges Stück ohne Humor:
Autor*in und Regisseur*in Aurélie Feucht im Gespräch mit Dramaturgiehospitantin Hannah Krüger
H: Das Stück „Die Wurstfrau“ begleitet dich nun schon einige Jahre. Richtig?
A: Richtig. Den ersten Entwurf habe ich 2021 geschrieben, 2022 gab es eine szenische Lesung, dazwischen lag das Stück immer wieder. Lange gab es nur eine Sibylle. Richtig Spaß hatte ich, als ich für eine weitere Lesung an der Hochschule aus einer Sibylle drei gemacht habe, die in den Erinnerungen springen. Ich bin froh über diese Setzung: Es ist lustig im Spielen und im Lesen, und es entsteht mehr Einsamkeit. Zu dritt ist Sibylle noch viel einsamer. Die Inszenierung am Staatstheater hat mir ermöglicht, das Stück zu beenden und auf die Bühne zu bringen. Jetzt fühle ich mich erleichtert, aber auch traurig, dass dieser Prozess endet.
H: Das Stück handelt von Einsamkeit und dem Gefangensein in Erinnerungen, arbeitet aber mit viel Humor. Was ist für dich die Verbindung?
A: Für mich hat Traumaverarbeitung viel mit Humor zu tun. Wenn ich über schlimme Sachen rede, versuche ich einen Witz daraus zu machen. Viele Momente, die mich mit anderen verbinden, die auch traumatische Erfahrungen gemacht haben, entstehen, weil wir blöde Witze darüber reißen können. Deshalb würde ich kein trauriges Stück ohne Humor machen. Ich lasse mich beim Schreiben und Inszenieren von Impulsen leiten und kann erst im Nachhinein darüber reflektieren. Daraus entstehen die skurrilen Momente, mit denen ich schlimme Dinge und die Größe der Gefühle greifbar mache, wie die 30 Wurstbrote, die eine Überforderung symbolisieren.
H: Die Wurst ist bei dir ein wichtiges Symbol für Einsamkeit und Trauma.
A: Die Wurst ist ein ergiebiges metaphorisches Material. Sie hat etwas Phallisches und Sexuelles. Man findet Nostalgie und deutsches Kulturgut, aber auch Brutalität. Das Schlachten, und dann wieder die Verharmlosung, wenn man als Kind an der Theke eine Scheibe Mortadella in die Hand gedrückt bekommt. Das Wurstessen ist Sibylles Coping-Mechanismus, ganz klar eine Folge traumatischer Einschnitte. Der Moment, in dem sie die 30 Wurstbrote loswerden muss, ist der Punkt, an dem es ihr reicht, dass ihr Leben nur noch daraus besteht. Die Frage „Was mache ich jetzt mit meiner Wurst?“ kann man lesen als „Was mache ich jetzt mit meinen Problemen und meinen traumatischen Erfahrungen?“
H: Fleischkonsum ist gesellschaftlich aufgeladen. Stößt du mit dem Stück auf Vorwürfe?
A: Die Frage nach dem politisch Korrekten habe ich mir nie gestellt, weil sich Sibylle sie nie stellen würde. In dem Milieu, in dem sie aufgewachsen ist, existiert die Frage „Soll ich vegan werden?“ nicht. Sich das fragen zu können, ist ein Luxus. Ich kann ein politisch korrektes Stück schreiben, obwohl die Figur politisch unkorrekt ist. Und ich muss sie am Ende nicht zur Veganerin machen, damit sie Erlösung findet. Darum geht es nicht.
H: Das Bühnenbild von Mascha Dilger wirkt stellenweise fast traumhaft.
A: Je öfter man an Erinnerungen denkt, desto größer und verzerrter werden sie. Das wollten wir in Bühnenbild und Kostümen darstellen: Alles wird intensiver, farbvoller und abgespacter, als es war, denn so hat Sibylle es gespeichert. Mascha Dilger hat zu Gefängnistypen gearbeitet. In Gefängnissen gibt es das Cool Down Pink, mit dem Einzelzellen gestrichen werden, um Inhaftierte zu beruhigen. Das passte, denn Sibylle ist in ihrem Kopf gefangen, und gleichzeitig gibt es die von ihrer Mutter anerzogene rosa Welt. Ein erster Entwurf als Gefängniszelle war uns zu plakativ. Ich hatte die Sorge, aus Sibylle eine verrückte Person zu machen. Sie ist verletzt und hält viel fest, aber verrückt ist sie nicht. Im Kostüm von Dea Bejleri steuern wir gegen das Mädchenhafte der Mutter an: Shorts, Tanktop und Hemd, dazu Rosa und Schleife, die die Mutter ihr aufsetzt. Dann Latexteile, die an das Brutale der Schlachthalle erinnern und etwas Sexuelles haben, was in Sibylles Erinnerungen durchaus mitschwingt.
H: Zwischendurch gibt es musikalische Einschübe von Hanna Launikovich.
A: Wir haben viel über Nostalgie und Kindheitserinnerungen gesprochen, passend zu den umgeschriebenen Kinderliedern. Hängen geblieben sind wir bei metallischen Geräuschen wie Messern in der Schlachthalle, und bei Tönen, die klingen wie nachhallende Erinnerungen. Diese musikalischen Einschübe geben Sibylle einen Moment der Selbstermächtigung: Das Publikum beobachtet sie durch ihr Fenster, und sie kann zurückschauen.
H: Das Stück endet auf einer hoffnungsvollen Note. Kann man das so sagen?
A: Es endet schon hoffnungsvoll. Ich wollte kein trauriges Ende schreiben, ich wollte ihr einen Moment der Selbstermächtigung geben. Aber gleichzeitig auch kein Happy End. Nur weil ein Problem angegangen ist, sind nicht alle gelöst – das ist die Illusion jeder Therapie. Du hast ein Problem gelöst, es wird aber gleich morgen das nächste kommen. Ich glaube, deswegen gibt es eine Form von Happy End, die ihr keine grundlegende Lösung für ihr Leben bietet und auch keine falschen Versprechungen macht. Der Prozess, den Sibylle gerade durchmacht, wird Jahre andauern.
„Alleine wohnen ist nicht leicht. Nein, nicht immer. Das liegt daran, dass man alleine ist.“:
Sibylle fühlt sich oft einsam. Die WG mit ihrem Schulfreund Micha ist unschön in die Brüche gegangen, die Anrufe ihrer Mutter ignoriert sie und in den kurzen Begegnungen mit der Nachbarin von gegenüber tritt sie in Fettnäpfchen. Oftmals verbringt sie die Wochenenden allein in ihrer Einzimmerwohnung im 60. Stock. Da ist selbst der Hund Frido im Vorgarten des Erdgeschosses meilenweit entfernt. So wie der Figur geht es vielen Menschen. Nach Angaben des Sozialberichtes der Bundeszentrale für politische Bildung fühlt sich in Deutschland jede sechste Person häufig einsam. Einsamkeit kann alle Menschen betreffen, sowohl jüngere als auch ältere. Ob man für einen Arbeitsplatz in eine neue Stadt gezogen ist und niemanden kennt. Ob man durch den Ruhestand nun mehr Zeit allein verbringt. Ob man als alleinerziehende Person aufgrund von Care-Arbeit und Berufstätigkeit kaum noch Zeit für soziale Kontakte hat.
Innerhalb Wiesbadens gibt es verschiedene Angebote für alle, die sich mehr Kontakt in ihrem Leben wünschen. Hier sind einige Beispiele:
Für junge Menschen: Der Wiesbadener Social Club auf Instagram mit wechselnden Angeboten von Bookclub bis Pilates: www.instagram.com/wi.sosocial/
Für Senior*innen: Der von der Stadt organisierte „Treffpunkt aktiv“ in den verschiedenen Stadtvierteln und die Aktionswoche „Du gehörst dazu“ im Bürgerhaus Delkenheim mit einem Programm vom offenen Café bis Dämmerschoppen: www.wiesbaden.de/leben-wohnen/gesellschaft-soziales/aeltere-menschen/treffpunkte-aktiv
Für alle: Beim „do it: dienstag“ lädt das Staatstheater Wiesbaden an drei Dienstagen im Monat zum kreativen Miteinander auf der Wartburg-Probebühne ein:
jeden 1. Dienstag Stricken & Häkeln, jeden 2. Dienstag Lese-Detox, jeden 3. Dienstag Crowdsinging
Innerhalb Wiesbadens gibt es verschiedene Angebote für alle, die sich mehr Kontakt in ihrem Leben wünschen. Hier sind einige Beispiele:
Für junge Menschen: Der Wiesbadener Social Club auf Instagram mit wechselnden Angeboten von Bookclub bis Pilates: www.instagram.com/wi.sosocial/
Für Senior*innen: Der von der Stadt organisierte „Treffpunkt aktiv“ in den verschiedenen Stadtvierteln und die Aktionswoche „Du gehörst dazu“ im Bürgerhaus Delkenheim mit einem Programm vom offenen Café bis Dämmerschoppen: www.wiesbaden.de/leben-wohnen/gesellschaft-soziales/aeltere-menschen/treffpunkte-aktiv
Für alle: Beim „do it: dienstag“ lädt das Staatstheater Wiesbaden an drei Dienstagen im Monat zum kreativen Miteinander auf der Wartburg-Probebühne ein:
jeden 1. Dienstag Stricken & Häkeln, jeden 2. Dienstag Lese-Detox, jeden 3. Dienstag Crowdsinging
Die Songtexte aus „Die Wurstfrau“:
Die Wurst muss weg:
Die Wurst muss weg. Die Wurst muss weg. Ja, die ganze Wurst muss weg.
Was mach ich jetzt mit dieser Wurst, ich bekomme großen Durst.
Auf Wurstwassseeerr.
Wurstwasseeer.
Die Wurst muss weg, die Wurst muss weg. Ja, die ganze Wurst muss weg.
Meine Wurst? Deine Wurst? Mir doch sowieso schon Wurst?
Wurstwasseeeer.
- Oh Gott -
Wurstwassseeeerr.
- Hilfe -
Die Wurst muss weg. Die Wurst muss weg.
- Pass nur auf! -
Die Wurst muss weg!
Was mach ich jetzt mit dieser Wurst, ich bekomme großen Durst.
Auf Wurstwassseeerr.
Wurstwasseeer.
Die Wurst muss weg, die Wurst muss weg. Ja, die ganze Wurst muss weg.
Meine Wurst? Deine Wurst? Mir doch sowieso schon Wurst?
Wurstwasseeeer.
- Oh Gott -
Wurstwassseeeerr.
- Hilfe -
Die Wurst muss weg. Die Wurst muss weg.
- Pass nur auf! -
Die Wurst muss weg!
Hacke, hacke, bluten:
Hacke, hacke, bluten
Der Metzger hat gerufen!
Wer will gute Würstchen hacken
Der muss haben sieben Sachen:
Würze und Salz
Wasser und Schmalz
Schweinchen und Rind
Därmlein macht die Würstchen ´gschwind!
Schieb, schieb in den Kessel
Schieb, schieb in den Kessel
Schieb, schieb in den Kessel
´NEEEEIN!
Der Metzger hat gerufen!
Wer will gute Würstchen hacken
Der muss haben sieben Sachen:
Würze und Salz
Wasser und Schmalz
Schweinchen und Rind
Därmlein macht die Würstchen ´gschwind!
Schieb, schieb in den Kessel
Schieb, schieb in den Kessel
Schieb, schieb in den Kessel
´NEEEEIN!
Schweinchen klein:
Schweinchen klein
Ging allein
In die weite Welt hinein
Scham und Wut
Steh‘n ihm gut
Ist gar ungemut
Und das Schweinchen hört auch viel
Rosa ist nicht unser Stil
Schweinchen Ma
Ist nicht da
Fällst dem Mensch zum Opfaaa.
Ging allein
In die weite Welt hinein
Scham und Wut
Steh‘n ihm gut
Ist gar ungemut
Und das Schweinchen hört auch viel
Rosa ist nicht unser Stil
Schweinchen Ma
Ist nicht da
Fällst dem Mensch zum Opfaaa.
Vielen Dank für die Brötchen:
Vielen Dank für die Brötchen
Vielen Dank wie blöd von dir
Manchmal spielt das Leben mit dir gern Schwein und Wurst
Brötchen wird´s jetzt geben, bekomm´ ich großen Durst.
Wurstwasser will ich trinken.
Wurstwasser ja ganz genau.
Die Wurstbrot müssen gehen sie sind hier nur im Weg
Die Wurstbrot müssen raus hier – oh Gott – sie müssen weg
Die Wurstbrot müssen weg hier – Hilfe – ich pack das nicht
Fressen muss ich, sonst fressen sie mich.
Vielen Dank für die Brötchen
Vielen Dank wie blöd von mir
Vielen Dank wie blöd von dir
Manchmal spielt das Leben mit dir gern Schwein und Wurst
Brötchen wird´s jetzt geben, bekomm´ ich großen Durst.
Wurstwasser will ich trinken.
Wurstwasser ja ganz genau.
Die Wurstbrot müssen gehen sie sind hier nur im Weg
Die Wurstbrot müssen raus hier – oh Gott – sie müssen weg
Die Wurstbrot müssen weg hier – Hilfe – ich pack das nicht
Fressen muss ich, sonst fressen sie mich.
Vielen Dank für die Brötchen
Vielen Dank wie blöd von mir
Weiterführende Inhalte:
Exit Einsamkeit:
Die SWR Dokuserie „Exit Einsamkeit“ begleitet vier junge Menschen, die sich aus ganz unterschiedlichen Gründen isoliert fühlen. Sensibel und berührend erzählt die Serie von ihren Kämpfen und Hoffnungen. Hier können Sie alle Folgen in der ARD-Mediathek schauen.
Einsamkeit als soziale Frage:
Die Bundeszentrale für politische Bildung nimmt die Einsamkeit als soziale Frage unserer Zeit unter die Lupe und stellt dabei fest, dass Einsamkeit nicht nur zu einer sterbenden Demokratie beitragen kann, sondern vor allem durch gesellschaftliche und institutionelle Strukturen bedingt wird. Lesen Sie hier den Artikel von Claudia Neu und Berthold Vogel.
Hat die Wurst eine Zukunft?:
Wenn Sie schon immer einmal alles über Wurst wissen wollten, empfehlen wir diesen Beitrag von Quarks in der ARD-Mediathek – oder wussten Sie, dass Deutschland eine Nationalmannschaft des Fleischerhandwerks hat?
Ernährung und Klima:
Welche Auswirkungen hat die Fleischproduktion auf den Klimawandel, das Artensterben und Welthunger? Warum eine drastische Reduktion unseres Fleischkonsum dringend notwendig ist, erfahren Sie in diesem Artikel des deutschen Naturschutzbunds.
Lieber vegan?:
Die Tierrechtsorganisation Peta hat die besten veganen Wurstalternativen getestet – hier ihre Ergebnisse.
Die malende Schweinedame:
Pigcasso lebte bis 2024 in Südafrika auf einem Gnadenhof und kreiert dort Kunstwerke mit Pinsel und Farbe. Die Werke der Schweinedame wurden bereits auf der ganzen Welt ausgestellt und beeindrucken viele Besucher*innen. Hier sehen Sie einen unterhaltsamen Kurzbeitrag zu Pigcasso und ihren Talenten: