Schauspiel

Die Antigone des Sophokles

Nach der Hölderlinschen Übertragung für die Bühne bearbeitet von Bertolt Brecht

Llewellyn Reichman
Foto: Karl & Monika Forster
Maximilian Pulst, Uwe Eric Laufenberg
Foto: Karl & Monika Forster
Rainer Kühn, Maximilian Pulst, Evelyn M. Faber, Mira Benser
Foto: Karl & Monika Forster
Uwe Eric Laufenberg, Ulrich Rechenbach, Matze Vogel, Uwe Kraus, Benjamin Krämer-Jenster, Tobias Lutze
Foto: Karl & Monika Forster
Elias Taapken, Mira Benser
Foto: Karl & Monika Forster
Llewellyn Reichman, Uwe Eric Laufenberg
Foto: Karl & Monika Forster
Mira Benser, Llewellyn Reichman
Foto: Karl & Monika Forster
Llewellyn Reichman
Foto: Karl & Monika Forster
Mira Benser, Uwe Eric Laufenberg
Foto: Karl & Monika Forster
Ensemble
Foto: Karl & Monika Forster
Llewellyn Reichman
Foto: Karl & Monika Forster
Ulrich Rechenbach, Matze Vogel, Benjamin Krämer-Jenster, Uwe Kraus
Foto: Karl & Monika Forster
Rainer Kühn
Foto: Karl & Monika Forster
Uwe Eric Laufenberg, Matze Vogel, Ulrich Rechenbach, Benjamin Krämer-Jenster, Uwe Kraus
Foto: Karl & Monika Forster
Tobias Lutze
Foto: Karl & Monika Forster

»Ungeheuer ist viel. Doch nichts / Ungeheurer als der Mensch.« Diese Worte aus Friedrich Hölderlins Übersetzung des griechischen Klassikers sind seither sprichwörtlich und fassen das Geschehen des Stückes in einem Vers. In der Familien-Saga um den Tyrannen Kreon herrschen Krieg und Gewalt, Raub, Mord und Totschlag, Rache und Verrat. Aber in der Gestalt der Antigone steht auch »die Menschlichkeit groß auf«.

Im Mittelpunkt des Dramas steht der Widerstand der Antigone gegen die Gewaltherrschaft Kreons. Der Konflikt entzündet sich um ein Begräbnis. Antigone will ihren erschlagenen Bruder in allen Ehren begraben; was Kreon dem »Verräter«, für den er ihn hält, verweigert. Sie fordert Gerechtigkeit; er lebt in dem Wahn, immer Recht haben zu müssen. Kreon: »Nie wird ein Feind, auch wenn er tot ist, Freund.« Antigone:  »Aber gewiß. Zum Hassen nicht, zur Liebe leb ich.«

Das 1000- jährige Reich, wie Hitler es sich zurecht phantasierte, lag nach 12 Jahren in Trümmern, da kehrte der Stückeschreiber Bertolt Brecht aus dem amerikanischen Exil nach Europa zurück. Er fragte sich, wie ein Neubeginn des Theaters inmitten der Reste des Alten aussehen könnte und antwortete mit einem Rückgriff auf einen antiken Stoff, den er bearbeitete. Seine Neufassung der »Antigone des Sophokles«, uraufgeführt 1948 in der Schweiz, baut  auf der Nachdichtung Hölderlins auf und erzählt eine »höchst realistische Volkslegende«. Brecht entmystifiziert den Stoff. Aus einer uralten Sage wird ein aktuelles Drama.

Betrachtet man die »Antigone« von Sophokles/Hölderlin/Brecht von heute aus, so weitet sich der Blick ins Grundsätzliche und bietet gleichzeitig ein akutes Vorbild. Das Stück ist zu verstehen als eine Absage an jede wahnwitzige oder diktatorische Herrschaftsallüre. Es liefert ein exemplarisches Beispiel für zivilen Ungehorsam, wendet sich gegen jede Diskriminierung und fordert auf zum Widerstand gegen Unrecht und alle Gewalt.

In einem Gedicht bittet Brecht die tote Antigone, die Bühne noch einmal zu betreten:
»Antigone, komm aus dem Dämmer und geh / Vor uns her eine Zeit, / Freundliche, mit leichtem Schritt / Der ganz Bestimmten, schrecklich / Den Schrecklichen. / Abgewandte, ich weiß, / Wie du den Tod gefürchtet hast, aber / Mehr noch fürchtest du / Unwürdig zu leben. / Und ließest den Mächtigen / Nichts durch.«

M.K.

Besetzung

Pressestimmen

Obwohl hier also gewissermaßen zwei mächtige Männer auf der Bühne präsent sind, ist die einprägsamste Figur des Abends Antigone. Llewellyn Reichman, die durch ihre Pagenschnitt-Perücke an die Widerstandskämpferin Sophie Scholl erinnert, zeigt eine zornige, wild entschlossene Antigone, die man zur Feindin nicht haben möchte. Im rotundenartigen weißen Bühnenbild, dessen Türen nach vorne hin geöffnet werden, sitzt sie beim Streit mit Kreon breitbeinig auf dem Boden. Mit aufgestellten Fußzehen kämpft sie durch ihre Worte gegen ihn an. Der versucht sie, zunächst väterlich hinter ihr sitzend, von ihrem Vorhaben abzuhalten-vergeblich. Beobachtet wird ihr Streit von den Männern des Chores. Hier sind es Geschäftsleute mit Hut und Aktentasche, fast ständig auf der Bühne, die Kreon beeindruckend synchron sprechend mit den Bedenken des Volkes konfrontieren.
Frankfurter Rundschau, Grete Götze, 20.01.2018
Überhaupt unterstreichen die Farben die formale Strenge der dichten Inszenierung Karges: Kreon und der Chor in Schwarz, Ismene und Antigone in Weiß. Sie trägt von Anfang an das bodenlange Leichenkleid, mit einem schwarzen Schultertuch, das an die große Weigel erinnert. Llewellyn Reichman spielt diese Figur mit Intensität [...] Der ist mit Uwe Eric Laufenberg die herausragende Figur dieser Inszenierung: Der Wiesbadener Intendant verleiht dem Krigesherrn mit starker Bühnenpräsenz einen vielschichtigen, sehr echt wirkenden Charakter, in dem sich brutale Arroganz mit dem Versuch, Antigone eine Brücke zu bauen und schließlich Verzweiflung verbindet [...] Als Epilog dieses starken, etwas über zweistündigen (plus Pause), vom Publikum gefeierten Theaterabends lässt Karge Ismene (Mira Benser) wie einen Flüchtling vor dem eisernen Vorhang sitzen. Und ein Zitat Antigones mit Kreide auf die Wand schreiben: »Zum Hassen nicht, zum Lieben leb' ich«. Das hätte auch von Sophie Scholl stammen können.
Wiesbadener Kurier, Birgitta Lamparth, 20.01.2018
Llewellyn Reichman verkörpert mit schneidender Schärfe das Prinzip Menschlichkeit. Uwe Eric Laufenberg spielt Kreon als schleimig verlogenen, aalglatt uneinsichtigen Herrscher. Im Untergang mutiert der schicksalsblind Ängstliche zu Hitler. Regie-Altmeister Manfred Karge inszeniert wohltuend entschleunigt. Die unaufgeregte Ruhe dient der Verständlichkeit.
BILD, Dr. Josef Becker, 22.01.2018
Natürlich lassen sich so immer wieder Szenen zu aussagekräftigen Tableaus verdichten. Besonders in den zahlreichen Szenen, in denen Uwe Eric Laufenberg als Kreon mit dem Chor des Ältestenrats konferiert, sieht man die Herren im schwarzen Anzug und Aktentaschen immer wieder ein vielsagendes Körperballett aufführen, während sie synchron ihre Texte sprechen: Sie sind Wachs in den Händen des Staatsmanns Kreon, sie sind von ihm abhängig, er verachtet sie dafür und benutzt sie nach Herzenslust. Ohnehin ist dieser Kreon ein begnadeter Staatsschauspieler. Immer wieder gibt er sich nachdenklich, allein von den Umständen gezwungen, den Krieg noch weiterzuführen, immer wieder verweist er auf die zu erwartende Beute, auf die Unvermeidbarkeit des Wettkämpfens, um die ansonsten bevorstehende Vernichtung Thebens zu vermeiden. Brecht decouvriert die Kriegsrhetorik der Mächtigen und lässt das Stück mit bitter-ironischer Point enden: Nicht nur Hämon und die eingemauerte Antigone sterben durch Selbstmord, auch wird Thebens Heer geschlagen und die Stadt besetzt. Nach einem ein klein wenig bei Bruno Ganz abgeschauten Wutanfall endet der Diktator Kreon wie Hitler im Berliner Bunker.
FAZ, Matthias Bischoff, 22.01.2018
»Abgewandte, ich weiß / Wie du den Tod gefürchtet hast, aber / Mehr noch fürchtetest du / Unwürdig Leben«. Dazu blickt Llewellyn Reichman in einem an eine Mischung aus Nachthemd und Leichenkleid erinnernden weißen Gewand entschlossenen ins Ungewisse. Auch wenn später mal ein kurzes Bedauern oder vielleicht sogar etwas Angst über das Gesicht von Reichmans Antigone zuckt, auch wenn sie in ihrem weißen Gewand barfuß auf dem Boden zwischen Kreon und seinen Leuten sitzt, lässt sie diese Verletzlichkeit nie schwach, sondern stark und unbeugsam wirken.
Frankfurter Neue Presse, Astrid Biesemeier, 23.01.2018
Trotz der großen Bühnenpräsenz, die der schauspielende Intendant des Hauses, Uwe Eric Laufenberg, dem störrischen Machthaber verleiht, kommt er gegen Reichmans Unbeugsame nicht an.In seinem Wahn sieht er die Welt so schwarz-weiß, wie das Bühnenbild von Gisbert Jäkel gestaltet ist: ein weißes Rondell mit Schiebetürelementen auf einem von schwarzer Asche bedeckten Boden. Kreon kennt nur Freund und Feind, Staatsordnung und Staatsverrat. In seinem Starrsinn lässt er sich weder von der bissigen Kritik des Sohnes (Maximilian Pulst) noch vom Unheil prophezeienden Seher Theresias (Rainer Kühn), noch gar vom mahnenden Ältestenrat beeindrucken-und wird dadurch in fataler Weise so aktuell wie sein leuchtendes Gegenbild als Ikone des Widerstands gegen Gewalt. »Ungeheuer ist viel und nichts ungeheurer als der Mensch«, heißt es bei Sophokles. Dass aber nicht mehr die Götter alles menschliche Unglück verantworten, wird an diesem Theaterabend eindrücklich demonstriert.
Strandgut Magazin, Verena Rumpf, 01.03.2018

Termine

Kleines Haus16:00 - 18:20