Schauspiel

Maß für Maß

Von William Shakespeare
Deutsch von Thomas Brasch

Ensemble
Foto: Karl & Monika Forster
Ensemble
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Michael Birnbaum
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Rainer Kühn, Karoline Reinke, Janning Kahnert
Foto: Karl & Monika Forster
Janning Kahnert
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Rainer Kühn
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Tobias Lutze, Sybille Weiser
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Ensemble
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Michael Birnbaum, Rainer Kühn
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Rainer Kühn, Michael Birnbaum, Janning Kahnert, Karoline Reinke
Foto: Karl & Monika Forster
Ensemble
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Herzog Vincentio will ein Experiment wagen. In seinem Einflussbereich – nennen wir ihn, wie Shakespeare, einfach einmal »Wien« – gelten auf dem Papier dieselben strengen Sittengesetze und Anstandsregeln wie anderswo. Doch kaum jemand schert sich hier darum, die Prostitution blüht und Sex vor der Ehe, einschließlich des sich daraus ergebenden (und damit eigentlich illegalen) Nachwuchses, ist an der Tagesordnung. Überraschend scheint nun der Herzog abzureisen und übergibt sein Zepter an den sittenstrengen Angelo, der umgehend beginnt der liederlichen Spaßgesellschaft alle nur möglichen Riegel vorzuschieben. Pech für Claudio, der umgehend in die Todeszelle wandert, weil seine fast schon, aber eben noch nicht Braut Julia ein Kind von ihm erwartet. Dessen Schwester Isabella, fast schon, aber noch nicht ganz Nonne, soll nun Angelo überzeugen, ihren Bruder zu begnadigen. Von ihrer keuschen Moral (und nur dieser?) hingerissen, macht er ihr das denkbar unmoralischste Angebot: Wenn sie mit ihm schläft, soll ihr Bruder leben. Ein Angebot, dass sie auch um das Leben ihres Bruders nicht annehmen kann. Gott sei Dank hat der Herzog – gut getarnt nach wie vor in Wien unterwegs – ein wachsames Auge auf die seinigen und einen gewieften Plan, der nicht nur – Spoiler Alert! – Claudios Leben rettet, sondern auch Angelo seiner schmählich verlassenen Ex-Verlobten zuführt und Isabella einen Heiratsantrag beschert.
Ein Lehrstück zwischen Moral und Laissez-faire, eine Komödie als Anklage der Doppelmoral, die stets balancierend auf der Klippe zum Tod nicht vergisst, wie schwer es ist das Richtige zu tun – gerade wenn es doch so einfach scheint.

Besetzung

Vincentio (Herzog) Rainer Kühn
Angelo (Statthalter) Janning Kahnert
Lucio (ein Lebemann) Michael Birnbaum
Claudio (ein junger Edelmann) Maximilian Pulst
Isabella (Claudios Schwester) Karoline Reinke
Madame Overdone (eine Kupplerin) / Mariana (Angelos Verlobte) Sybille Weiser
ein Wächter / ein Ordensbruder Tobias Lutze

Pressestimmen

Die in der Übersetzung von Thomas Brasch ohnehin angemessen nachgebildete saftige und frivole Vieldeutigkeit des Originals lässt Regisseur Jan Philipp Gloger textlich wie szenisch noch einen Kick weiter zuspitzen. Der zweistündige Abend kratzt damit mehrfach an der Grenze zum deftigen Klamauk, ohne sie jedoch zu überschreiten. […]
Das Ringen zwischen dem mit Herrschermacht ausgestatteten Lüstling hinter der Moralmaske und der machtlosen unschuldigen frommen Frau darf als schauspielerischer Höhepunkt der reihum an guten Spielleistungen reichen Inszenierung gelten. Wie Janning Kahnert erst puristisch politisiert, dann scheinheilig herumeiert, schließlich Isabella kaltschnäuzig erpresst – das hat was. […]
Eine Kategorie für sich in der Rolle des alten Herzogs im Amt wie auch inkognito als Mönch ist Rainer Kühn, der die Klaviatur seines vielfärbigen traditionellen Komödiantentums […] wunderbar ausspielen kann.
RHEIN ZEITUNG, Andreas Pecht, 15.04.2017
Doch vor allem ist es die aus dem bitteren Ernst hervorbrechende Komik – und umgekehrt -, die den Abend unterhaltsam und einigermaßen nachdenklich macht, ohne dass man allzu durchgerüttelt von dannen ziehen müsste. […]
Was Karoline Reinke, in Karohemd und gesundem Schuhwerk, mit großem Holzkreuz auf der Brust ganz die jungdynamische Christin, die mit erhobenen Armen Taizé – Gesänge anstimmt, zwischen hellstimmiger Hingabe, gläubiger Inbrunst und lodernder Wut aus Isabella macht, zeigt, wo eigentlich in diesem Stück der Konflikt verläuft: In ihr, Isabella, deren Liebreiz Angelo zum Verbrecher werden lässt. Der Dialog der beiden um den heißen Brei herum gehört zu den Glanzszenen des Abends. Die Unschuld hat schlagfertiges Feuer, der Tugendbold enthüllt im Reden seine Abgründe.
FRANKFURTER ALLGEMEINE ZEITUNG, Eva Maria Magel, 15.04.2017
Im Kleinen Haus des Staatstheaters Wiesbaden, in der kondensierten, eher heiteren, aber intelligenten Lesart von Jan Philipp Gloger ist der Schluss so schillernd und ambivalent wie die vorangegangenen zwei Stunden. […]
Glogers Inszenierung in Thomas Braschs kein Blatt vor den Mund nehmender Übersetzung […] ist extrem kompakt. Vom Personal blieb lediglich der für den Verlauf überlebensnotwendige Kern übrig, die wirkungsvolle Die-Welt-ist-ein-Tisch-Bühne von Franziska Bornkamm begnügt sich mit wenig, aber kompakt heißt diesmal nicht eng. Regie und Schauspieler sind vielmehr in Fahrt und kommen es im Laufe des Abends noch mehr. […]
Gloger lässt im Finale auch Shakespeares Verwandlungszauber wunderbar ausspielen, geradezu aufleuchten. Ist es der Bruder, ist es ein Mann, der aussieht, wie der Bruder, macht das überhaupt einen Unterschied? Die Musik von Kostia Rapoport ist hilfreich, um Schrecken und Glück zu unterstützen, ohne je den ersten Platz zu fordern. A capella wird sehr schön Bachs »Komm, o Tod« intoniert. Atmosphäre, Andeutung und Argument treffen ständig aufeinander.
FRANKFURTER RUNDSCHAU, Judith von Sternburg, 16.04.2017
Mit leichter Hand kehrt Regisseur [Jan] Philipp Gloger in seiner Inszenierung immer wieder den Humor des Stücks heraus, ohne die (Todes-)Gefahren der Handlung zu verharmlosen. […]
Doch an den ambivalenten Handlungen des eigentlichen Herrschers lässt Gloger keinen Zweifel. So schärft er in seiner begeistert beklatschten Inszenierung den Blick für die Versuchungen der Macht, wie für die Risiken ihrer Nichtausübung.
FRANKFURTER NEUE PRESSE, Astrid Biesemeier, 18.04.2017
Abstieg für die einen, Aufstieg für die anderen: Das freilich kann in Jan Phillip Glogers einfallsreicher Regie von Shakespeares Komödie »Maß für Maß« allen passieren: Die steil nach hinten angehobene Spielfläche kippt das Personal quasi in den Zuschauerraum. Das spektakuläre Bühnenbild von Franziska Bornkamm im Kleinen Haus des Wiesbadener Theaters zeigt von Anfang an, dass hier alles aus dem Lot und fast jeder auf die schiefe Bahn geraten ist. […]
Aber hier steht niemand über dem Gesetz. Nicht die Hure Madame Overdone, die Sybille Weiser (auch Angelos Verlobte Mariana) als herzhaft vulgäre Schlampe mit Herz in Szene setzt. Noch der Lebemann Lucio, aus dem Michael Birnbaum als Vollproll mit Vokuhila– Perücke, […] eine ungeheuer präsente und absolut komische Figur formt. Auch nicht Claudio (Maximilan Pulst), der unter Aufsicht eines Wächters (Tobias Lutze) im Gefängnis hockt und den die Todesangst dazu bringt, die Vergewaltigung seiner Schwester hinzunehmen. Höchstens noch Isabella selbst, mit der Karoline Reinke ihrem Repertoire eine weitere berührende, lebensnahe Rolle hinzufügen kann. […]
Das Dreamteam Gloger/Bornkamm kann also an den gefeierten »Kafka« - Abend in der Wartburg anschließen, mit einem auf links gedrehten, mitunter fast brechtmäßigen Shakespeare.
Wiesbadener Kurier, Brigitta Lamparth, 16.04.2017

Termine

Kleines Haus19:30 - 21:30