Schauspiel

Biedermann und die Brandstifter

Von Max Frisch

Max Frischs »Lehrstück ohne Lehre« erzählt vom Scheitern bürgerlicher Werte angesichts des Unvorstellbaren: einer abstrakten Bedrohung, die unversehens ganz konkret wird.

Gutbürger Gottlieb Biedermann strebt als ehrgeiziger Geschäfsmann nach äußerem Erfolg. Dass er dafür auch mal über Leichen geht, gilt es zu verschleiern. So schüren er und eine ganze Gesellschaft von Biedermännern Stellvertreterängste. Nivellierende Angstformeln, die global vor einer Gefährdung von Außen – »Brandstifern«, die das Gemeinwesen bedrohen – warnen, erschweren allerdings den Blick auf die wirkliche Gefahr: Denn liegt sie tatsächlich im Einbruch des Fremden, oder trägt die Gesellschaft den Keim ihrer Zerstörung nicht eher in sich selbst?

Frischs These, es seien die kleinen feigen Falschheiten des ganz normalen Bürgers, die den Brand letztlich entfachten, wirkt jeden falls höchst aktuell, wenn man das Hochkommen populistischer Politik, die neue Salonfähigkeit nationalistischen Denkens, Abschottungs- und Segregationstendenzen ganzer Länder betrachtet. Wie wir uns im Status Quo einigeln und das Nicht-Handeln angesichts vermeintlich zu komplexer Informationslagen oder die ideologisierte Selbstoptimierung wider besseres Wissen als politische Akte behaupten, übt sich auch Biedermann im Verdrängen. Als sich ein paar Brandstifter ganz offen bei ihm einnisten, zieht er es opportunistisch vor, lieber wegzuschauen, und deklariert die Benzinfässer, die sie auf seinem Dachboden einlagern, kurzerhand als Haarwasser. »Alternative Fakten«, die eine Welt in den Abgrund reißen können.

PREMIERE 29. September 2017

Besetzung

Regie Jan Philipp Gloger
Bühne Franziska Bornkamm
Kostüme Dorothee Joisten
Musik Kostia Rapoport
Dramaturgie Katharina Gerschler
Herr Biedermann Maximilian Pulst
Babette, seine Frau Llewellyn Reichman
Anna, ein Dienstmädchen Kruna Savić
Josef Schmitz Michael Birnbaum
Wilhelm Eisenring Rainer Kühn