Nicolas Brieger

Regie & Schauspieler
Nicolas Brieger, geboren und aufgewachsen in Berlin. Brieger arbeitete zunächst als Schauspieler im Theater, aber auch in Fernseh- und Kinoproduktionen, von denen »Welcome in Vienna« u. a. bei den Filmfestspielen von Cannes ausgezeichnet wurde.
Seine Arbeit als Regisseur führte ihn an Theater in Berlin, Basel, Bremen, Bochum, Köln, Düsseldorf, Frankfurt, Hamburg, München, Zürich, Stuttgart, das Burgtheater Wien und zu den Wiener Festwochen.
Von 1978 bis 1980 war er zusammen mit Frank-Patrick Steckel Leiter des Bremer Schauspiels, von 1988 bis 1992 Schauspieldirektor am Nationaltheater in Mannheim.
Zu seinen Operninszenierungen gehören u. a. die Uraufführung von Elliot Carters »What next?« an der Berliner Staatsoper; »Der Barbier von Sevilla« in Brüssel; »Katja Kabanova« in Leipzig; »Turandot«, in Stuttgart; Henzes »Boulevard Solitude«, Hindemiths »Cardillac« und Wolfgang Rihms »Die Eroberung von Mexiko« in Frankfurt; »Simon Boccanegra« an der Pariser Opéra Bastille; »Idomeneo« in Wien; »Saint François d’Assise« von Messiaen in San Francisco; Weills »Royal Palace/Der Protagonist« bei den Bregenzer Festspielen sowie Verdis »Otello« an der Niedersächsischen Staatsoper Hannover. Seine Inszenierung der Barockoper »Il Giustino« von Giovanni Legrenzi für die Schwetzinger Festspiele, wurde von der Zeitschrift Opernwelt zur Wiederentdeckung des Jahres gewählt. Weitere Projekte waren in den letzten Jahren Busonis »Doktor Faust« an der Münchner Staatsoper (zur Eröffnung der Münchner Opernfestspiele), »Greek Passion« am Opernhaus Zürich, »Così fan tutte« in Düsseldorf, »Der Schein trügt« von Thomas Bernhard am Wiener Burgtheater, »Salome« und »Conversation à Rechlin« am Grand Théâtre de Genève.
Nicolas Brieger arbeitet als Regisseur für Oper und Schauspiel am Hessischen Staatstheater.

Produktionen

Inszenierung in »Don Giovanni«
Regie in »Nathan der Weise«
Inszenierung in »La Traviata«

Galerie

Foto: Karl-Bernd Karwasz
Baumeister Solness
Janina Schauer, Nicolas Brieger
Foto: Karl-Bernd Karwasz
Baumeister Solness
Janina Schauer, Nicolas Brieger

Pressestimmen

Was für ein Saisonstart am Staatstheater Wiesbaden: Ein Hamlet-Darsteller, der sich rückhaltlos in die Rolle wirft; ein Bühnenbild, das mit düsterer Wucht bezwingt, und eine Regie, die sich für die Charaktere begeistert und Shakespeares Sprache feiert. (…)
Altmeister Nicolas Brieger zeigt Shakespeares familiäre Rachtragödie als düsteres Endspiel. (…) Christian Erdt in der Titelpartie ficht einen aussichtslosen Kampf um die Wahrheit gegen eine abgehobene Politikerkaste, die sich moderner Überwachungskameras bedient. Wie er unermüdlich an den Gittern seines Käfigs rüttelt, wie er Kameras zerschlägt und verzweifelt an den Menschenmasken zerrt, geht spürbar unter die Haut.
Tom Gerber als Brudermörder Claudius ist sein dunkler Gegenspieler, ein Machtmensch, der Hamlet bereits zusammenzucken lässt, wenn er ihn nur beim Namen nennt. Sólveig Arnarsdóttir als seine charmante Königin Gertrud lässt bis zum letzten offen, ob sie von der Ermordung ihres Mannes wusste. (…) In jeder Szene ist spürbar, wie tief sich Nicolas Brieger in die Übersetzung von Angela Schanelec und Jürgen Gosch gekniet hat. Seine Figuren sin Charaktere, die Zeit haben, sich zu entwickeln. Da sorgt Michael Birnbaum als zwangsloser Polonius ebenso für Heiterkeit wie Urgestein Rainer Kühn als hohlwangiger Mime und grotesker Totengräber in Personalunion. Hamlets Alter Ego Horatio (Nils Strunk) rundet einen überragenden Theaterabend ab, an dem es einfach nicht auszusetzten gibt. Jubel für alle Beteiligten.
Gießener Allgemeine Zeitung, Bettina Boyens, 08.09.2015
Alles ist hier groß. Ein wuchtiger Turm wie aus einem alten Stahlwerk dominiert die Bühne, überall liegen mächtige Rohre kreuz und quer, Edelrost überzieht Autowracks und Eisenträger. Und alles dreht sich, eine effektsichere Lichtregie und viel Dampf aus der Nebelmaschine schaffen immer neue Perspektiven, machen den Raum mal eng, um dann wieder die ganze große Bühne zu einem wirklich durch und durch faulen, verrotteten Dänemark werden zu lassen. Kein Zweifel, dieser „Hamlet“, der auch mit seinen über vier Stunden Spielzeit auf das Recht zur Größe pocht, ist ein visuelles Fortissimo, ein Fest für die Augen, denen bis kurz vor Mitternacht niemals langweilig wird. (…) man hat sich in den vergangenen Jahren daran gewöhnt, den „Hamlet“ in bisweilen recht brachial gekürzten Fassungen zu sehen, die angesichts der zahlreichen populären Stellen kaum mehr waren als ein Zitat-Potpourri mit Action-Einsprengseln. Nicolas Brieger setzt dagegen mit nur wenigen Strichen ganz auf den Text. (…) Besonders Christian Erdt in der Titelrolle stattet seinen Hamlet mit einer stupenden jugendlichen Frische aus, die über vier Stunden nicht nachlässt und den Abend auf jeden Fall für ihn zu einem großen macht.
Frankfurter Allgemeine Zeitung, Matthias Bischoff, 08.09.2015
Nachdem sich der aus einer anderen Zeit stammende Theatervorhang gehoben hat, erweckt Brieger seine wie aus einer anderen Welt erwachenden Figuren zum leben. Sein Ensemble spielt gewissermaßen auf unterschiedlichen Zeit- und Realitätsebene. Gegenwart, Zukunft, Theater- oder Spielebene sowie mahnende Geister. Die Kostüme von Andrea Schmidt-Futterer unterstreichen das: Stilisierte elisabethanische Kostüme sind ebenso zu sehen wie heutige (Politiker-)Anzüge. Wie die Truppe, mit der Hamlet Claudius entlarvt, zeigen Brieger und sein Team, was wohin führt. Da ist es nur konsequent, dass Christian Erdts Hamlet nicht in einen einzigen Ton und Gestus verfällt. Mal scheint er an der Welt verrückt zu werden, mal ist er ruhig und erwachsen. Was soll man auch tun, wenn die Welt ist, wie sie ist, schon so viele Menschen Hamlet gesehen haben und sich doch nichts ändert?
Frankfurter Neue Presse, Astrid Biesemeier, 08.09.2015
Ob eine so kleingewachsene, zartgliedrige Sängerin auf der Bühne würde bestehen können, das durfte man sich fragen – und konnte sich in Wiesbaden gleich eines Besseren belehren lassen: Die junge Amerikanerin Heather Engebretson, eine Schülerin von Edith Wiens an der New Yorker Juilliard School, weiss sich zu behaupten. Körperlich äusserst agil, wuselt sie durch die Männer in Gehrock und Zylinder, die mit ihren Stielaugen nicht genug von ihr bekommen können.

Minimalistische Inszenierung

Was aber an Stimme, selbst an Bruststimme, aus diesem zierlichen Körper heraustritt, ist von umwerfender Wirkung. Es deckt das ganze Ausdrucksspektrum in der Partie der Violetta ab, von der trotzigen Arroganz über das ungläubige Entdecken und den Frühling der Hingabe bis hin zur ultimativen Verzweiflung – da durfte gestaunt werden. – Ihr zur Seite steht der 1990 geborene Rumäne Ioan Hotea als Alfredo. Eine herrliche Stimme mit festem Kern und glanzvollen Obertönen, auf der Bühne zudem eine strahlende Erscheinung voll Kraft und Vitalität. Am Premierenabend trat aber auch die bei hohen Stimmen verbreitete Neigung heraus, die Intonation nach oben hin zu schärfen, was bisweilen geradezu schmerzhafte Verzerrungen zur Folge hatte. Dann jedoch: Alejandro Marco-Buhrmester als Alfredos Vater, ein keineswegs in die Jahre gekommener, in normativer Strenge und gesellschaftlicher Ambition verhärteter, sondern seinerseits noch ausgesprochen vitaler Giorgio Germont – wozu das helle Timbre dieses vorzüglich geführten Baritons das Seine beitrug.

Hart geraten Vater und Sohn aneinander, in einem erschreckenden Moment schlägt der Alte den Jungen mit dem Silberknauf seines eleganten Gehstocks nieder, im darauffolgenden Ringkampf wirft der Junge den Alten dann aber klar zu Boden – ohne dass das dem Drama freilich eine günstigere Entwicklung gesichert hätte.
So ist es in der minimalistischen, aber mit kräftigen Theatermetaphern arbeitende Inszenierung, die Nicolas Brieger entworfen hat. Sie siedelt „La Traviata“ im Hier und Jetzt an, wie es Verdi ausdrücklich gewollt hat – weshalb der Salon Violettas durch die Party-Szene von heute ersetzt ist, Stretchlimo, Kindsmissbrauch und Sadomaso inbegriffen. Die Landhaus-Idylle zu Beginn des zweiten Akts wird durch nichts als einen Stapel Gartenstühle angezeigt, ergänzt aber durch einen Himmel voller Seifenblasen, die so rasch platzen können, wie sich Alfredos und Violettas Traum ins Nichts auflöst. Eine Grossform der Seifenblase hängt den ganzen Abend lang über dem Geschehen; sie zeigt von Anfang an, Verdi hat das so komponiert, das Ende der Geschichte: Violetta kahlgeschoren, mit offenem Mund, zuckend am Tropf. Auf der kargen Bühne Raimund Bauers, in den expliziten Kostümen Andrea Schmidt-Futterers und in den scharfen Lichtwirkungen von Andreas Frank findet das alles schneidende, aber auch bewegende Wirkung.
Neue Zürcher Zeitung, Peter Hagmann, 09.03.2015
Die Rezeptionsgeschichte taucht den Stoff, den Giuseppe Verdi mit „La Traviata“ zu einer der populärsten Opern geformt hat, gerne in ein doch irgendwie romantisches Rotlicht. Nicolas Brieger gehört zu den Regisseuren, die solcher Verklärung gegensteuern und Tacheles erzählen möchten. In Wiesbaden geschieht das sogleich in den todtraurigen Vorspiel-Takten, in denen ein szenisches Leitmotiv exponiert wird, das ein veritables Leid-Motiv ist: In einer Plexiglaskugel hängt Violetta am Tropf und vegetiert ihrem Ende entgegen, das von einem EKG-Monitor registriert wird. Als Double ist diese siechende Violetta stets präsent und wir auch von der Sopranistin Heather Engebretson angesungen, die der Figur, die ihren Tod vor Augen hat, eine bewegliche, leicht ansprechende Stimme leiht.
Aber die Sopranistin mit der Statur einer Kindfrau beglaubigt das Thema Missbrauch nicht nur physiognomisch, sondern wächst im Verlauf der Oper als Sängerdarstellerin über sich hinaus, selbst wenn ihr (noch) ein paar vokale Farben für die traurige Sanftheit im langen Abschied vom kurzen Leben fehlen. Das Wiesbadener Premierenpublikum feiert sie und ihren ausgesprochen schön timbrierten, unverbrauchten, nach einem zu hoch angesetzten „Un di, felice“ im 1. Akt überzeugenden Alfredo Ioan Hotea mit großer Herzlichkeit.

Dabei überzeugt Briegers Inszenierung durch eine mitreißend intensive Personenführung, die zum Beispiel die Konfrontation Alfredos mit seinem Vater im zweiten Akt zu einem spannungsvollen Psycho-Kammerspiel werden lässt. Alejandro Marco-Buhrmester zeichnet Papa Germont, der sogar eine verkrüppelte Tochter mit auf die Bühne gebracht hat, um den Druck auf den verlorenen Sohn zur Rückkehr ins bürgerliche Leben zu erhöhen, nicht in patriarchalischer Gemütlichkeit, sondern gibt ihm auch baritonal einen knochentrockenen Zug ins Preußisch-Brutale mit auf den Weg. Dazu passt ein fieser, aus dem Vater herausbrechender Stockschlag.

Neben Victoria Lambourns Flora, der Annina von Helena Köhne und Aaron Cawleys Gastone lässt im Ensemble Benjamin Russell als Baron Douphol aufhorchen.
Wiesbadener Kurier, Volker Milch, 09.03.2015
Insgesamt 150 gläserne Seifenblasen hängen vom Himmel und prägen wie ein Traumbild die Bühne im zweiten Akt von Giuseppe Verdis Oper „La Traviata“. Zerbrechlich ist schließlich das kurze Glück, das die todkranke Ex-Kurtisane Violetta an der Seite ihres Alfredo Germont erlebt. Regisseur Nicolas Brieger hat den Dauerbrenner neu im Staatstheater Wiesbaden inszeniert, wo zuletzt eine gut abgehangene, fast 20 Jahre lang im Spielplan geführte Repertoire-Produktion der „Traviata“ zum Hausinventar gehörte. Briegers neue Sicht auf das Stück erlebte auch vokal einen großen Erfolg beim Publikum.

Künstlich belebt

So weit geht Nicolas Brieger in Wiesbaden nicht, lässt als Augenschmankerl im ersten Akt sogar eine Stretch-Limousine auf der Bühne vorfahren, auf deren Motorhaube Violetta brüsk mit der Sektflasche den Walzer-Rhythmus schlägt. Doch alle Blicke richten sich auch hier immer auf sie, schon weil ein Double der Todkranken in einer Riesen-Glasblase stets über der Szene schwebt. Eine Herz-Lungen-Maschine sorgt dafür, dass die Sieche dort am Leben bleibt. Man ahnt es lange vorab: Heather Engebretsons Violetta, die den ganzen Premierenabend über eine eigenwillige, jugendliche, herbe, dabei aber auch unscharf flackernde Violetta gegeben hat, stirbt am Ende tatsächlich in dieser Kugel.
Frankfurter Neue Presse, Axel Zibulski, 09.03.2015

Termine

Neuinszenierung | PremiereGROSSES HAUS19:30