Schauspiel

Schade, dass sie eine Hure war

Von John Ford 
Sa, 15.12.2018
Kleines Haus19:30 - 22:10
Trailer
Atef Vogel, Christina Tzatzaraki
Foto: Karl & Monika Forster
Felix Strüven
Foto: Karl & Monika Forster
Matze Vogel
Foto: Karl & Monika Forster
Linus Schütz, Llewellyn Reichman
Foto: Karl & Monika Forster
Linus Schütz, Uwe Kraus
Foto: Karl & Monika Forster
Ensemble
Foto: Karl & Monika Forster
Linus Schütz, Llewellyn Reichman
Foto: Karl & Monika Forster
Dirk Ossig, Llewellyn Reichman, Felix Strüven, Martin Plass
Foto: Karl & Monika Forster
Tobias Lutze
Foto: Karl & Monika Forster
Christina Tzatzaraki, Matze Vogel
Foto: Karl & Monika Forster
Llewellyn Reichman
Foto: Karl & Monika Forster
Karoline Reinke, Atef Vogel
Foto: Karl & Monika Forster
Linus Schütz
Foto: Karl & Monika Forster
Felix Strüven, Martin Plass
Foto: Karl & Monika Forster
Christina Tzatzaraki
Foto: Karl & Monika Forster
Tobias Lutze, Gottfried Herbe
Foto: Karl & Monika Forster

Die Liebe von Annabella und Giovanni darf nicht sein, denn sie sind Bruder und Schwester. Aber sie findet dennoch statt – Giovannis zögerliches Werben um die Schwester wird schnell erhört, und beide lassen der Leidenschaft freien Lauf. Doch was der Welt verborgen bleiben soll, droht dennoch ans Licht zu kommen: Annabella wird schwanger. In ihrer Verzweiflung heiratet sie Soranzo, einen ihrer Freier. Dieser entdeckt das schreckliche Geheimnis seiner Braut und will das Geschwisterpaar töten. Doch Giovanni kommt ihm zuvor…
Der englische Dramatiker und Shakespeare-Zeitgenosse John Ford (1586–1640) bricht in seinem opulent-grausamen und überaus sinnlichen Drama das Schweigen über ein damals wie heute sittlich verpöntes Tabu: die Geschwisterliebe – und stellt sie in ihrer Zartheit in drastischen Gegensatz zu der Doppelmoral einer verkommenen Gesellschaft.

Besetzung

Regie Bernd Mottl
Bühne & Kostüme Friedrich Eggert
Musik Christoph Kalkowski
Dramaturgie Susanne Birkefeld
Mönch Bonaventura Uwe Kraus
Giovanni Linus Schütz
Vasques Atef Vogel
Grimaldi Tobias Lutze
Florio Dirk Ossig
Donado Martin Plass
Soranzo Matze Vogel
Annabella Llewellyn Reichman
Putana Karoline Reinke
Bergetto Felix Strüven
Hippolita Christina Tzatzaraki
Richardetto Thomas Jansen
Philotis Denia Gilberg
Kardinal Gottfried Herbe
Tänzerin Andrea Britt-Dillenberger

Pressestimmen

Natürlich geht die im italienischen Parma angesiedelte Geschichte, möglichst weit weg vom elisabethanischen London, nicht gut aus. Die aus debilen Edelleuten, einem heuchlerischen Kardinal und vielen testosterongesteuerten jungen Machos bestehende Gesellschaft holt sich am Ende ihr Recht, und der einzige Trost für Annabella (Llewellyn Reichman) und ihren Bruder Giovanni (Linus Schütz) ist es, dass ihr Sterben selbstbestimmt ist und einige Nichtunschuldige zusammen mit ihnen sterben müssen. Am Ende sieht die Bühne aus wie in Shakespeares „Hamlet“, doch endet das Trauerspiel mit dem höhnischen Gelächter der Überlebenden.

Ohnehin geht hier alles wunderbar ungeordnet durcheinander. Tragödie und Farce, Travestie und Klamotte, brutal zerjuxte Gewalt und zart-lyrische Romanze, als handelte es sich um einen Film von Quentin Tarantino. John Ford hat sich an keine Regeln gehalten, das Unverdaulich-Monströse des Stoffes spiegelt sich in der bizarren Mischung der Dramenformate wider. Jedenfalls legt Bernd Mottls Inszenierung im Kleinen Haus des Staatstheaters Wiesbaden diese Spur und zeigt nebenbei, dass die Epoche neben Shakespeare und Marlowe einen weiteren Dramatiker von Rang hervorbrachte.[...]

Dass Giovanni und Annabella in dieser bornierten Umwelt nicht überleben können, zeigen Mottl und Eggert schon durch die Kostüme. Nur die Liebenden tragen größtenteils keine Perücken und Lackklamotten, bezeichnenderweise verschwinden auch sie während der abgeschmackten Hochzeitsparty hinter absurd künstlichen Stoffen. Ein ideales Paar stellen auch sie nicht dar, aber sie zeigen sich entschlossen, sich ihre Liebe und Lust nicht nehmen zu lassen. Vor allem Annabella ist keineswegs ein braves verführtes Mädchen, sie weiß, was sie will, und noch in der Sekunde ihres von Giovanni herbeigeführten Todes ist sie voller Lebensgier. Keine Schuldgefühle kennen die Geschwister, keine Angst vor dem Jenseits, nur Vorfreude, einander dort wiederzubegegnen.

Fords Blick auf die Moral seiner Epoche war erbarmungslos, wenn nicht böse. Mottls Inszenierung mit Christoph Kalkowskis ununterbrochen im Untergrund wabernder Soundcollage und einem aus zwanzig Akteuren bestehenden Ensemble stellt das freche amoralische Element des Stückes in den Vordergrund. Hier gibt es keine Lehre, keine Anklage, keine gezeigten Auswege. Die Menschen sind Triebwesen, so oder so, dagegen kommt keine Religion an. Diese Liebesanarchie ist natürlich höchst destruktiv, die vielen Leichen auf der Bühne zeugen davon. Aber besser als die mediokren Heuchler sind die engelsgleichen Liebenden allemal. Sie sind das einzig Echte in einer falschen Welt aus Lack und Lüge.
FAZ, Matthias Bischoff, 20.11.2018
Gar nicht in Reimform, und das ist gewiss die größte Herausforderung für ein Theater, zeigt sich das Stück in Fragen des Tons. Shakespeares Schelmenszenen in ein Drama einzupflegen, muss kinderleicht sein im Vergleich zum Umgang mit Fords Wütereien zwischen Tragödie, Parodie, Posse, Comedy, Grellheiten aller Art, dann aber auch wieder zurückgeführt zu Konventionen: Väter wollen ihre Kinder verheiraten. Männer werden von Eifersucht geplagt. Frauen kokettieren. Was soll man von alledem halten?

Bernd Mottl, der am Staatstheater Wiesbaden die kecke, zeitgenössische Übertragung von Rebekka Kricheldorf einsetzt, macht es uns nicht leicht, das zu entscheiden. Aber er macht einen konstruktiven Vorschlag, wie alles zusammen einen tolldreisten Abend ergeben kann. Zumal vom Sex noch gar nicht gesprochen wurde. Sex ist auch wichtig in „Schade, dass sie eine Hure war“. Mottls Ausstatter Friedrich Eggert gestaltet die Bühne also als eine Art dunklen Puff, der aber reinlich und unaufdringlich wirkt. Es gibt bewegliche Raumteiler, die zu schönen Bildern führen, die dunklen Wände, wattiert und gelackt, sind ein geschmackvoller Hintergrund für die leuchtenden, schon karnevalistischen elisabethanischen Kostüme, auch sie mit Lack-Elementen. Rasant die Hüte. Annabella und Giovanni haben daran keinen Anteil, Llewellyn Reichman und Linus Schütz sind auch die einzigen, die die Perücken manchmal abnehmen und von aufgedonnerten Italienern zu blonden, bleichen, zarten Königskindern werden.

Dazu merkt man als schlecht informierte Theatergängerin erst recht spät, dass die Stange auf dem Podest in der Mitte zum Poledance einlädt. Nicht Annabella, die hier engelsgleich heruntersaust, nicht die Männer, die hier mit Affenwut herumklettern, aber Hippolita, die Ex von Soranzo, Matze Vogel (die Geschichte ist kompliziert), die eindeutig aus dem Milieu stammt.

Für diese Szene wird eine tolle Tänzerin eingesetzt, aber die Zuschauer trauen sich nicht so richtig zu klatschen. Man hat ja eben dabei zugesehen, wie die Männer feixen und sich freuen. Peinlich. Vorne stehen währenddessen Annabella und Giovanni, dazu der eingeweihte Geistliche (Uwe Kraus, man darf an „Romeo und Julia“ denken, aber alles ist verzerrt). Sie schauen sich an, Lichtjahre entfernt von flottem Lustgewinn. Auch hier geht es um Sex (und wie und ständig), aber es geht um Sex und Liebe.

Mottl kann in solchen Momenten wunderschön und klug und zwanglos zeigen, wie sich die Dinge hier überlagern und wie das zwar verrückt ist, aber machbar. Und gar nicht so unrealistisch. Umso leichter fällt es ihm, die komödiantischen Teile in Fahrt zu bringen, mit einem durchweg bis ins Tänzerische leichtfüßigen Ensemble, die Kampfszenen vom Feinsten, der Hintergrundklang von Christoph Kalkowski perfekt dazu angetan, das Publikum immer in einer Restunsicherheit zu lassen. Ist es lustig, ist es tragisch, ist es, ähm, gesellschaftskritisch? Der Elektrosound prägt auch das großartige Ende, ein schaurig-hysterisches, donnerndes Gelächter, das belegt, wie schrecklich alles ist, aber auch, was für ein herrlich sicherer, gescheiter, flirrender Zugriff Mottl hier gelang.
Frankfurter Rundschau, Judith von Sternburg, 20.11.2018

Termine

Kleines Haus19:30 - 22:10
Kleines Haus19:30 - 22:10
Kleines Haus19:30 - 22:10
19:00 Einführung im Foyer