Schauspiel

Der Spieler : Dostojewski

Theaterprojekt von Christian Franke
Di, 10.10.2017
UraufführungKurhaus19:30 - 21:45
Janning Kahnert
Foto: Bettina Müller
Anja S. Gläser, Janning Kahnert
Foto: Bettina Müller
Janning Kahnert, Anja S. Gläser
Foto: Bettina Müller
Anja S. Gläser, Janning Kahnert
Foto: Bettina Müller
Janning Kahnert, Anja S. Gläser
Foto: Bettina Müller
Anja S. Gläser, Janning Kahnert
Foto: Bettina Müller
Anja S. Gläser, Janning Kahnert
Foto: Bettina Müller
Anja S. Gläser
Foto: Bettina Müller
Janning Kahnert, Anja S. Gläser
Foto: Bettina Müller
Janning Kahnert, Anja S. Gläser
Foto: Bettina Müller
Janning Kahnert, Brigitte Sehnert
Foto: Bettina Müller
Janning Kahnert
Foto: Bettina Müller
Brigitte Sehnert

Im Oktober 1866 befindet sich Fjodor Dostojewski in einer scheinbar hoffnungslosen Situation. Mit dem Verleger Stellowski hat er aus Geldnot einen verzweifelten Vertrag abgeschlossen: Er soll ihm exklusiv bis zum 1. November einen neuen, zehn Druckbögen umfassenden Roman abliefern und damit seine Spielschulden tilgen. Doch 26 Tage vor Fristablauf hat Dostojewski noch kein einziges Wort geschrieben. Ein befreundeter Professor schickt ihm daraufhin seine Schülerin Anna Grigorjewna. Die junge Frau ist nicht nur gebildet, sondern auch eine begnadete Stenografin. Es folgen dramatische Wochen, aus denen sowohl der verlangte Roman hervorgeht als auch die Hochzeit des Dichters mit der fünfundzwanzig Jahre jüngeren Anna. Doch schon die Hochzeitsreise ins Ausland wird erneut eine Flucht vor den Gläubigern. Fjodor und Anna fahren in die deutschen Kurorte, um Roulette zu spielen, und nehmen auch in Wiesbaden Quartier.
 
Ausgehend vom Roman »Der Spieler«, sowie zeitgenössischen Dokumenten, Briefen und (auto-)biografischem Material, will das Projekt im Kurhaus Wiesbaden – einem authentischen Ort des Geschehens – dem Phänomen der Aufopferung in künstlerischen Prozessen auf den Grund gehen.

URAUFFÜHRUNG 16. Januar 2017



Hinweis:

Mit Ihrer Eintrittskarte zu DER SPIELER : DOSTOJEWSKI erhalten Sie einmalig freien Eintritt in die Spielbank Wiesbaden.  Personalausweis erforderlich.

Spielteilnahme ab 18 Jahren. Glücksspiel kann süchtig machen.
Kostenlose Beratung unter 0800 / 137 27 00

Besetzung

Pressestimmen

Das Publikum, im Halbkreis vor der Spielfläche, kichert leise, wenn Janning Kahnert in langen Unterhosen und rotseidenem Katzenmorgenrock das missgelaunte Genie mit Schreibblockade gibt, das die Zeit zwischen seinen epileptischen Anfällen mit Klavierspiel, dem Abschälen von Orangen in Blütenform und unzähligen Wehwehchen füllt. Das dauert nur ein paar Minuten der mehr als zwei Stunden, aber Kahnert fächert, mit Brigitte Sehnert als Faktotum Swetlana, die zugleich als Technikerin fungiert und die suggestive Musik und das Licht mitsteuert, sogleich das ganze Spiel in diesem »Spieler« auf. 2015 hatte Franke am Schauspiel Frankfurt mit »Wut und Gedanke« brilliert (...). Nach einem ähnlichen Prinzip der Spiegelung von Geschichte und Geschichten verfährt er nun, geradezu detailversessen: Kein noch so absurdes Requisit, keine Andeutung, keine Geste, die nicht irgendwann im Lauf des Abends noch eine Entsprechung oder Auflösung fänden. Anja Gläser ist das jugendfrische, regelrecht strahlende Pendant des Griesgrams, das sein Diktat des »Spielers« aufnimmt. Und wie langsam ihr Strahlen auf Kuhnerts Gesicht übergeht, während beide, monologisierend und dann wieder im gemeinsamen überbordenden Spiel, die ganze Geschichte des Romans in großen und kleinen Bruchstücken ausbreiten, tanzend, kletternd, musizierend, ist wundervoll anzusehen.
Frankfurter Allgemeine Zeitung, Eva-Maria Magel, 18.01.2017
Der Regisseur Christian Franke, der bislang vor allem am Schauspiel Frankfurt aufgefallen ist, nutzt den Roman für eine Kompilation letzter Gelegenheiten. Das, was das »Rien ne va plus« in der Spielleidenschaft, ist die verflixte Deadline dem Schreiberling. (...) Roman und Biographie Dostojewskis nutzt Franke für seine eigene Spielfassung, die nicht nur das Leben des Autors mit seinem Roman verschränkt, sondern auch das Gestern mit dem Heute und das Hier mit dem Jetzt. (...) Janning Kahnert und Anja S. Gläser übernehmen darin alle Rollen, die sich anbieten. Hinterm Ofen hockt noch Brigitte Sehnert als Swetlana (Geier?), die nur ab und zu ins Stück fällt (...). Kahnert steigert sich indes als Großschriftsteller erfolgreich in manch ein Leiden hinein und schärft die Konturen seiner Figur, indem er ihre Hypochondrie wie ihr Klassenbewusstsein karikiert. Dabei switcht der Abend zwischen dem Roman, dem Leben Dostojewskis und Briefen sowie Tagebuchnotizen fröhlich hin und her. (...) Dies ist doch mal ein Abend, der von einem sehr eigenwilligen und frischen Zugriff zeugt, nicht gerade das, was in Wiesbaden oft auf den Tisch kommt. (...) Es ist ein kleiner Abend geworden, eine Collage und ein Parforceritt. Zum herzerweichenden Finale werden die beiden Schauspieler dann ganz kleinlaut, suchen und finden ihren Weg durchs Publikum ans Fenster, durch das sie nach draußen, in den angrenzenden Park entschwinden: zwei großspurig Liebende, die nur noch sich zu verlieren haben.
Nachtkritik, Shirin Sojitrawalla, 17.01.2017
Dostojewskis »Der Spieler« an einem Ort spielen zu lassen, an dem er selbst einst am grünen Tisch in »Roulettenburg« gesessen hat – hinter dem Nebentitel des Romans wird Wiesbaden vermutet – das ist eine so gute wie naheliegende Idee, dass man sich nur darüber wundern kann, warum sie nicht viel eher realisiert wurde. (...)
Und auch der Ansatz, unter den Christian Franke in seiner ersten Wiesbadener Regiearbeit den Roman mit dessen Entstehungsgeschichte verbindet, ist vielversprechend: Dostojewski diktiert ihn einer Stenografin, damit er in den geforderten 26 Tagen fertig wird – und verliebt sich in sie. Das alles miteinander zu verbinden: beste Voraussetzungen für einen gewinnenden Theaterabend. Janning Kahnert und Anja S. Gläser spielen mit vollem (auch musikalischem) Einsatz dieses ungleiche Paar. (...) Es gibt starke Momente: Wenn Anja S. Gläser wie der Dracula in Coppolas Film auf einem Bademeister-Hochsitz mit überlangem Mantel thront, Schatten wirft und die gruselige reiche Großmutter gibt, die alles verspielt, worauf ihre Verwandten spekulieren, dann denkt man nicht nur über eine Gefahrenzulage für Schauspieler nach, sondern auch über Aspekte des Aussaugens durch Glücksspiel und Erben.
Wiesbadener Kurier, Birgitta Lamparth, 18.01.2017
Dem großen Psychologen Dostojewski nähert sich Franke nicht mit psychologischem Realismus. Vielmehr leuchtet er die bisweilen tragikomischen und grotesken Situationen und Verrenkungen der Romanfiguren und ihres Erschaffers Dostojewski (Janning Kahnert) und seiner Stenografin Anna Grigorjewna (Anja S. Gläser) in zugespitzter, bildlicher und verdichteter Form aus.
Gleichzeitig versucht er Grundstimmungen vom Schreib- und Entstehungsprozess mitschwingen zu lassen. (...)
Zugegeben: Franke macht es seinem Publikum nicht leicht, Romaninhalt und Entstehungsgeschichte auseinanderzuhalten und zu folgen, zumal sich Kahnert und Gläser durch zahlreiche Figuren spielen. (...) Wer mit einer guten Portion Halbwissen in das Kurhaus geht, kann sich aber an der herrlichen Spielfreude und Wandlungsfähigkeit von Anja S. Gläser »berauschen«.
Frankfurter Neue Presse, Astrid Biesemeier, 20.01.2017
So wie Kahnert alias Dostojewski in der Folge die Rollen seines Roman-Alter-Ego Aleksej, des Generals und der anderen Männer übernimmt, so wird Gläsers Anna zur allseits begehrten Polina, zu Mademoiselle Blanche und vor allem zur grandiosen Babuschka. Der Auftritt der herrischen Greisin in der Spielbank ist der Höhepunkt des Romans und der Höhepunkt der Inszenierung. (...) In einem herzrührenden Epilog erzählt das Paar, wie es über Berg und Tal, durch Passe und Manque, bis zum Rienne-va-plus weitergeht –  mit dem Roman, mit der Karriere und mit der Liebe. Das Fenster öffnet sich, sie treten hinaus, um bei ihrer Rückkehr verdient gefeiert zu werden. Was für ein schöner Abend.
Strandgut, Winnie Geipert, 01.02.2017