Oper

Die Frau ohne Schatten

Richard Strauss (1864 – 1949)
Oper in drei Akten, Libretto von Hugo von Hofmannsthal
Uraufführung: 1919 in Wien

In deutscher Sprache mit Übertiteln

Andrea Baker, Erika Sunnegårdh, Thomas Piffka, Statisterie
Foto: Karl & Monika Forster
Andrea Baker
Foto: Karl & Monika Forster
Gloria Rehm, Erika Sunnegårdh
Foto: Karl & Monika Forster
Nicola Beller Carbone, Oliver Zwarg, Erika Sunnegårdh, Andrea Baker, Jugendchor
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Erika Sunnegårdh
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Erika Sunnegårdh, Andrea Baker, Nicola Beller Carbone
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Erika Sunnegårdh, Thomas Piffka, Andrea Baker
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Nicola Beller Carbone, Oliver Zwarg
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Nicola Beller Carbone, Oliver Zwarg
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Andrea Baker, Erika Sunnegårdh
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Nicola Beller Carbone, Nicola Beller Carbone
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Erika Sunnegårdh, Andrea Baker
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Erika Sunnegårdh
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Thomas Piffka, Erika Sunnegårdh, Jugendchormitglied
Foto: Karl & Monika Forster
Erika Sunnegårdh, Gloria Rehm
Foto: Karl & Monika Forster

»Ein Zaubermärchen« sollte es nach dem Vorsatz der Schöpfer Strauss und Hofmannsthal werden, »die schönste aller existierenden Opern«, »unser gemeinsames Hauptwerk«. Die Ideen: »zwei Welten, zwei Menschenpaare, zwei Konflikte«, »das Ganze bunt, Palast und Hütte, Priester, Schiffe, Fackeln, Felsengänge, Chöre, Kinder«, und alles »verhielte sich zur ›Zauberflöte‹ so, wie sich der ›Rosenkavalier‹ zum ›Figaro‹ verhält«. Die Kaiserin, aus dem Feenreich stammend und einst in Gazellengestalt vom Kaiser erjagt, will ihren Gatten vor dem Versteinern bewahren. Um ihn zu retten, muss sie einen Schatten werfen, das heißt: Kinder gebären können. Die Färbersfrau, kapriziös, egoistisch und lebenslustig, wirft ihrem biederen, rechtschaffenen Gatten sein Gutmenschtum und seine Liebe vor die Füße. Sie wäre ein leichtes Opfer für den Schattenraub. Doch kann man sein Glück auf Unrecht und dem Unglück anderer bauen?

»Vom Lernen, Mensch zu werden«, zitiert Hofmannsthal Goethe als Inspiration, und das geht nicht ohne Prüfungen, Verzicht, Entsagung. Hinter Märchensymbolik europäischer und orientalischer Quellen schimmern christliche Motive, aber auch die Kulissen einer verdinglichten Welt hindurch. »Übermächte sind im Spiel«: aus heutiger Perspektive lässt sich nicht verbergen, dass Sigmund Freud zeitgleich an seiner Psychoanalyse arbeitete und Europa in finstere Zeiten schritt. Weder in der Oper noch im wahren Leben war der melancholische Traum von einer immerwährend schönen Welt haltbar: Die Arbeit wollte sich nicht zur geplanten »Rosenkavalier«-Fortsetzung fügen, und der Erste Weltkrieg brach aus. Strauss schrieb, er habe die Oper in »Kummer und Sorgen während des Krieges vollendet«. Weltflucht mit Happy-End, »Licht überm See«, und dazu Strauss’ Opern-Prinzip: starke Frauen mit unvorstellbar schöner Musik.

Die Orchesterbesetzung ist größer als je zuvor, eine schimmernde Partitur von selbst für Strauss-Opern unerreichter Tiefe, Dichte und Spannung zwischen Menschen- und Feenwelt, zwischen Realismus und Romantik. Ein unter Tränen lächelnder Märchen-Schluss, eine Apotheose des Lebens vor der Kulisse eines opferreichen grausamen Weltkriegs – und die Abendröte einer großen Operntradition.
 
PREMIERE 12. September 2014

Besetzung

Musikalische Leitung Vassilis Christopoulos, Eckehard Stier
Inszenierung Uwe Eric Laufenberg
Spielleitung Magdalena Weingut
Bühne Gisbert Jäkel
Kostüme Antje Sternberg
Chor Albert Horne
Licht Andreas Frank
Video Gérard Naziri
Dramaturgie Regine Palmai
Einstudierung Jugendchor Dagmar Howe
Der Kaiser Richard Furman
Die Kaiserin Vida Mikneviciute, Erika Sunnegårdh
Die Färberin Nicola Beller Carbone
Barak, der Färber Oliver Zwarg
Die Amme Andrea Baker
Der Geisterbote Thomas de Vries
Stimme des Falken / Hüter der Schwelle des Tempels Stella An
Der Bucklinge
Der Einäugige Alexander Knight
Der Einarmige Benjamin Russell
Erscheinung des Jünglings Aaron Cawley
Eine Stimme von oben
Chor & Jugendchor des Hessischen Staatstheaters Wiesbaden, Hessisches Staatsorchester Wiesbaden

Pressestimmen

Nach diversen privaten Besuchen der ausgezeichneten Produktion „Die Frau ohne Schatten“ (Richard Strauss) am Hessischen Staatstheater weckten nun die Umbesetzungen meine Neugierde und animierten mich zum Wiederholungstäter. Zudem bietet die Kurmetropole die wohl schönste und interessanteste Neudeutung dieses genialen Musikdramas welches  der Intendant des Hauses Uwe Eric Laufenberg in beachtenswerter Form in Szene setzte. Bis ins kleinste Detail verstand es der Regisseur den Symbolgehalt des Werkes, die Charaktere der Protagonisten bestens zu kristallisieren. Stärkste darstellerische Akzente gingen natürlich von den grandiosen Sänger-Darstellern des Färberpaares sowie der dämonischen Amme aus. Zur Erwachens-Szene das Barak-Double einer absurden blutigen Folterung zu unterwerfen – da schien Laufenberg etwas mit Tosca zu verwechseln? Ohne sinnlose Einfälle läuft heute wohl gar nichts? In klaren Linien die Bühne (Gisbert Jäkel) dem dunklen Hintergrund, hell-gleisenden  Boden sowie der dominierenden Treppe symbolisieren die Geisterwelt, des Wassers, die Ruhe, den Intellekt sowie das Unendliche aus welchem sich alles Leben entwickelt. Konträr aufwendig das Färberhaus mit seinen luftigen Abtrennungen des Wohn- und Schlafbereiches in welchem es zwischen dem attraktiven Färberpaar knistert und erotisch zur Sache geht. Die Kostüme (Antje Sternberg) ästhetisch, modern, unauffällig unterstreichen  die positiven optischen Eindrücke, ebenso die Lichtadaptionen (Andreas Frank) verstärken die dimensionale Suggestion des Geschehens auf wunderbare Weise.

Am Pult des Hessischen Staatsorchesters waltete äußerst umsichtig Vassilis Christopoulos
und vermochte spektakulär die mitreißende Wucht des Werkes zu vermitteln. Der versierte Dirigent schien vorwiegend mehr am Strukturellen der monströsen Partitur interessiert, beleuchtete jedoch in wunderbarer Weise die lyrischen Magnetismen und erwies als umsichtiger Sängerbegleiter.  Traumhaft eingebettet im seidenen Glanz der Streicher modellierten Violine, Cello (Johann Ludwig) sowie die Harfen ihre innig leuchtenden Soli. Bestens abgetönte Holzbläser  verbanden sich mit profundem Blech zum idiomatischen Strauss-Ton im Klangrausch heftigster Orchestereruptionen.  Selten hörte man am Hause so derart hervorragend präzise artikulierende Instrumental-Klänge.  Der orchestralen Glanzleistung dürfte ganz besonders Vassilis Christopoulos zu danken sein – einfach sensationell!

Als Gast empfahl sich die titelgebende Kaiserin Vida Mikneviciute und erwies sich als besonderer Glücksfall. Vortrefflich verband die exzellente Sopranistin leichte Lyrismen mit druckfreien dramatischen Höhenattacken, adelte ihre tadellose Gesangsleistung in bester Vokalise, technischer Intelligenz, silbrigen Piani gepaart mit warm tönendem Timbre und präsentierte  ihre große Szene Vater, bist du´s brillant einfach meisterhaft.
Strahlend hell überzeugte ihr kaiserlicher Gatte Richard Furman mit klangvollen tenoralen Höhenphrasierungen, mehr zu lyrischen denn dramatischen Tongebungen tendierend. Ein bemerkenswertes Rollendebüt.
Mächtig trumpfte Nicola Beller Cabone mit ihrem inzwischen dramatisch gefärbten klangvollen Sopran auf, sang vorrangig gleichmäßig schön in lyrisch-verhaltenen Bereichen, die ebenmäßig technisch geführte Stimme  verliert selbst in gewaltigen Orchesterwogen nicht an Strahlglanz, mühelos bewältigt die schlanke aparte Sängerin die gewaltigen Höhenausbrüche der intensiv gestalteten Färberin.

Bezwingend sympathisch verkörpert Oliver Zwarg den Barak und schenkt diesem gutmütigen Gesellen darstellerische überzeugende Präsentation und lässt vokal kaum Wünsche offen. Großartig zeichnete der schön timbrierte Sänger mit repräsentativem Bariton den Färber in differenzierten Klangfarben. Kleine Intonationsschwankungen im ersten Akt dürften wohl zu beheben sein?
Andrea Baker verstand es zwar mit dämonischer Gestaltung und bezwingender Prägnanz zu punkten, stieß jedoch vokal mit ihrem Mezzopotenzial an die Toleranzgrenze der schwierigen hochexplosiven Amme-Partie.
Mit schönen jedoch leicht vibrierenden Sopranhöhen gestaltete Stella An den Falken sowie Hüter der Schwelle. Ungewöhnlich homogen und klangvoll durfte man Baraks Brüder-Trio Benedikt Nawrath, Alexander Knight, Benjamin Russell vernehmen. Sonore Basstöne verhalfen dem Geisterboten (Thomas de Vries) zu Autorität. Die Herren formierten sich ebenso klangschön als Wächter der Stadt. Pastose Alttöne (Karolina Ferencz) geleiteten das Färberpaar „nach oben“. Vokal hielt Aaron Cawley (Jüngling) nicht was er optisch versprach. Chorsoli sowie Jugendchor und Chor des HSW bestens von Dagmar Howe/Albert Horne vorbereitet trugen zum Gelingen der glanzvollen Aufführung bei.
Entsprechend euphorisch der Jubel des begeisterten Publikums. Meine Hochachtung gilt allen Mitwirkenden. Ich persönlich werde es nicht beim einmaligen Besuch dieser qualitativen Produktion  belassen.
Online Merker, Gerhard Hoffmann, 27.09.2016
Uwe Eric Laufenberg eröffnet die neue Spielzeit des Musiktheaters mit einem Paukenschlag. [...] Das Bühnenbild, so viel kann man schon zu Beginn der Spielzeit sagen, wird mindestens zu den besten der kommenden Saison zählen. [...] Antje Starnberg kleidet die Akteure in geschmack- und fantasievolle Kostüme, die die Rollen treffend charakterisieren. [...] In diesem spannungsgeladenen Rahmen fühlen sich die Akteure sichtlich wohl. Und sie zeigen eine Leistung, die eindeutig in die Spitzenliga gehört. Ob Andrea Baker als Amme, Färberin Nicola Beller Carbone oder Kaiserin Erika Sunnegårdh – die Damen scheinen geboren, um die Musik von Richard Strauss zu singen und zu spielen.
Opernnetz, Michael S. Zerban, 12.09.2014
Zunächst jedenfalls agierte das Staatsorchester eindrucksvoll,: sehr schön mit Straussischer Geschmeidigkeit und fast elegant, vom Kurorchester, das in früheren Zeiten bei dem Orchester oft durchklang, ist nichts mehr zu bemerken. Zsolt Hamar zeigte die Fähigkeit, die Riesenpartitur vorausblickend souverän zu disponieren, die dramatischen Akzente markant herauszumodellieren. Und in der wunderbaren nächtlichen Wächterszene die Stimmen, mit dem Orchesterklang subtil zu verschmelzen. Das hört man an größeren Opernhäusern kaum überzeugender. [...] Thomas Piffka lieh dem »Kaiser« einen hellen, heldisch-strahlenden und durchsetzungsfähigen Tenor, Erika Sunnegårdh sang die »Kaiserin« mit leuchtenden Soprantönen, schöner Linearität und besaß auch die stimmliche Ausdruckskraft, um die qualvolle Gewissensentscheidung der Frau überzeugend glaubhaft zu machen. Großartig auch das Färberpaar, die Gegenwelt der kleinen Menschen, die sich mühsam durchs Leben schlagen. Oliver Zwarg als der Färber Barak: hinreißend in der feinen psychologischen Durchzeichnung der Figur. Eine Studie des Leisen, Differenzierten, auch herrlich gesungen. [...] Nicola Beller Carbone bot als Färberin eine perfekte Verschmelzung von darstellerischer Durchzeichnung der komplizierten Figur mit ebenso differenzierter, gesanglicher Gestaltung. [...] Andrea Baker spielte und sang die Amme so locker und auch ein wenig konventionell, als hätte sie die Partie schon hundertmal dargestellt.
Frankfurter Allgemeine Zeitung, Gerhard Rohde, 15.09.2014
Man kann es freilich als Qualität von Laufenbergs Interpretation werten, dass sie die Spannung zwischen »Rosenkavalier«-Duft, der doch auch noch durch die Partitur weht, und großorchestraler, mythischer Waberlohe aushält und szenisch fruchtbar macht. [...] Dafür ist natürlich auch der Bühnenbildner Gisbert Jäkel verantwortlich, der betörend schöne Bilder gefunden hat. [...] Bezwingend ist sogleich der Rahmen der ersten Szene, dessen kühle, grafische Klarheit mit der abgehobenen Sphäre des hohen Paares korrespondiert. In dieser Welt geht mit der Stimme Erika Sunnegårdhs buchstäblich die Sonne auf. Brillanz, Wärme, Kraft: Es ist alles da, was diese Partie braucht, bis hin zum steinerweichenden Gesang, mit dem die Kaiserin den zur Diktatoren-Büste petrifizierten Gemahl zurück ins Leben holt.
Wiesbadener Kurier, Volker Milch, 15.09.2014
Zwar wartet der Regisseur durchaus mit einigen Ingredienzien des modernen Musiktheaters auf, präsentiert Gewalt und totale Nacktheit, schießt dabei aber nie über das Ziel hinaus und lässt genau das richtige Maß an Umsicht walten. Dass dieses Verfahren bei dem zahlreich erschienenen Auditorium auf Zustimmung stieß, belegt der herzliche Applaus, mit dem es Laufenberg am Ende bedachte.
Der Opernfreund, Ludwig Steinbach, 12.09.2014
All das kommt über die längste Zeit ohne regietheatralische Ornamentierungen aus: weder die sozialen noch die geschlechterspezifischen Bildklischees brauchen bemüht zu werden. Oft dichte, in den Paar-Interaktionen schön ausgearbeitete Szenen bleiben haften. [...] Ansonsten keine Fesselungen, keine Maschinenpistolen, kein flimmernder Fernseher nirgends. [...] Musikalisch hatte Zsolt Hamar die vielen Fäden des Abends fest im Griff. Zusehends besser sättigte sich der Klang, brillierten die makellosen Blechbläser dieser oft lautstarken Partitur. Wunderbar abgehoben davon die weichen Streicherkantilenen.
Frankfurter Rundschau, Bernhard Uske, 15.09.2014
Mit welch sensibler Psychologie Laufenberg das Ringen der Färberin um eine Entscheidung zeigt, ihre heimlichen Sehnsüchte, ihre Skrupel, die Gefühle von Ekel und Rührung gegenüber ihrem Mann – das zieht den Zuschauer tief ins Gefühlsleben der Frau hinein. [...] Aus der Märchenoper hat Laufenberg ein packendes Gesellschaftsstück gemacht. Die Versteinerung des Kaisers zeigt er als Versteinerung des Herzens. Der Kaiser argwöhnt, seine Frau könnte einen Geliebten haben. Darum lässt er einen Verdächtigen foltern und töten. Der Kaiser wird zum Diktator. In ihrem Dünkel sind die Vertreter aller Klassen und Schichten befangen. Die Verwandlung ist ein schwieriger Prozess. Für Empathie braucht es Mut und Moral. Nur dann kann sich ein friedliches und glückliches Gemeinwesen entwickeln – so verkündet es Laufenberg zum Auftakt seines Wirkens. Wir glauben ihm und seinen Künstlern gern.
Deutschlandradio, Christoph Schmitz, 16.09.2014
Wie ein Paukenschlag. [...] Muss man erlebt haben!
Frankfurter Neue Presse, Axel Zibulski, 15.09.2014