Schauspiel

Don Karlos

Infant von Spanien
Ein dramatisches Gedicht von Friedrich Schiller

Rainer Kühn, Tom Gerber
Foto: Andreas Etter
Kruna Savić, Nils Strunk
Foto: Andreas Etter
Llewellyn Reichman, Stefan Graf
Foto: Andreas Etter
Rainer Kühn
Foto: Andreas Etter
Tom Gerber, Stefan Graf
Foto: Andreas Etter
Kruna Savić
Foto: Andreas Etter
Llewellyn Reichman, Anne Nenzel, Tom Gerber
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Monika Kroll, Tom Gerber
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Llewellyn Reichman, Stefan Graf
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Nils Strunk, Stefan Graf
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Tom Gerber
Foto: Andreas Etter
Tom Gerber, Monika Kroll
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Stefan Graf, Llewellyn Reichman
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Llewellyn Reichman, Kruna Savić
Foto: Andreas Etter
Llewellyn Reichman, Nils Strunk
Foto: Andreas Etter
Nils Strunk, Rainer Kühn
Foto: Andreas Etter
Tom Gerber, Stefan Graf
Foto: Andreas Etter

Familiäre Tragödie und politischer Konflikt verschränken sich unauflösbar am spanischen Hof: Prinz Carlos liebt Elisabeth, die seinen Vater, König Philipp, heiraten musste. Carlos’ Freund Posa verspricht Hilfe und fordert im Gegenzug, Carlos solle den Freiheitskampf niederländischer Provinzen gegen die spanische Krone anführen – einen Aufstand gegen den eigenen Vater. Posa selbst schleust sich ins Machtsystem des Hofes ein, um seiner Vision von Freiheit und Gleichheit Gehör zu verschaffen. Ausgerechnet vom König wird er dabei als der »Mensch« entdeckt, den er in seiner einsamen Allmacht so dringend sucht. Mehr und mehr verfängt sich Posa in den Netzen von Intrige und Inquisition.
 
Kaum ein anderes Werk der Theaterliteratur zeigt so präzise den Konflikt zwischen der Glückssuche des Einzelnen und den Zwängen seiner Umwelt, individuellen Handlungsspielräumen und politischer Verantwortung, Freiheit und Macht.
 
Wie Goethe und Schiller sich parallel mit der »Geschichte des Abfalls der Vereinigten Niederlande von der spanischen Regierung« (Schiller) befassten, bringt nun das Staatstheater beide Werke in kurzer Folge auf die Bühne. Nach »Egmont! « wechseln wir von Brüssel ins spanische Zentrum der Macht. Verbindendes Element ist der Herzog von Alba, hier ganz in seinem Element höfischer Intrigen und machtstrategischen Kalküls, bevor er in Flandern auf Graf Egmont treffen wird.

PREMIERE 8. Oktober 2016

Besetzung

Philip der Zweite Tom Gerber
Elisabeth von Valois Llewellyn Reichman
Don Carlos Nils Strunk
Marquisin von Mondecar Natalie Lilly Volk
Prinzessin von Eboli Kruna Savić
Marquis von Posa Stefan Graf
Herzog von Alba Rainer Kühn
Graf von Lerma Maximilian Pulst
Don Raimond von Taxis / Ein Page Steffen Happel
Domingo Benjamin Krämer-Jenster
Der Großinquisitor Monika Kroll

Pressestimmen

Uwe Eric Laufenberg und seinem Ensemble ist es hervorragend gelungen, die aus diesen vielschichtigen Interessenslagen entstandenen komplexen Charaktere fein auszuloten. Das Bühnenbild von Gisbert Jäkel entwirft dafür das Bild eines düsteren und auf Funktion ausgerichteten Palasts, der nur in den ganz privaten Räumen hell ist. Obwohl alle bis auf Philipp dezent historisierende Kostüme tragen (Kostüme: Marianne Glittenberg) und sich an dem in Jamben verfassten Schillerschen Versdrama nicht vorbeimogeln können, wirken die Figuren verblüffend heutig.

Allen voran der von Tom Gerber gespielte König Philipp. Zwar ist die Kirche mit ihren machtpolitischen Interessen stets präsent, dennoch könnte Philipp in seinem Anzug auch moderner Politiker oder Unternehmens-Chef sein. So kühl, wie er anfangs den König gibt, der gegenüber dem Sohn den Vater vermissen lässt, und zeigt, dass er auch seine Frau als Teil seines Machtbereichs ansieht, so sehr hört er später Posa ernsthaft und abwägend zu, und so sehr bricht am Ende in ihm der Mensch mit der eigenen Sehnsucht nach Freundschaft und Liebe durch.
Frankfurter Neue Presse, Astrid Biesemer, 11.10.2016
Laufenberg bleibt bei dieser Konstruktion der Wechselwirkung zwischen Privatem und Politischem. Er lässt Schillers Blankvers-Text ohne modern-interpretatorische Eingriffe für sich selbst sprechen – zu Recht darauf vertrauend, dass das Stück von 1787 zwar einen konkreten Fall verhandelt, dessen Exemplarität aber in ihrer überzeitlichen Bedeutung bis in die Gegenwart verstehbar ist.
Rheinzeitung, Andreas Pecht, 11.10.2016
Als im Sommer nach der Premiere seines „Parsifal“ bei den Bayreuther Festspielen viele Kritiker die Inszenierung alles andere als goutierten, attestierte er ihnen, sie seien nicht in der Lage, einen Theater- oder Opernabend unvoreingenommen zu betrachten. Uwe Eric Laufenberg ist Intendant des Hessischen Staatstheaters Wiesbaden und, vorsichtig ausgedrückt, nicht gerade auf den Mund gefallen. Er traut sich auch künstlerisch einiges zu. Nachdem er auf dem Grünen Hügel Wagners „Bühnenweihfestspiel“ inszeniert hat, war nun in seinem eigenen Haus das nächste dramatische Schwergewicht an der Reihe: „Don Karlos“, Schillers Ideendrama, mit dem dieser kurz vor der Französischen Revolution auf einen anderen dramatischen Wendepunkt der europäischen Geschichte zurückblickte.

Starke Momente hat der Abend, sobald Karlos durch die Gemächer des spanischen Hofes irrt. Nils Strunk ist ein durchaus schnippischer, dann wieder wankelmütiger Kronprinz. Fühlt der spanische König dem Marquis von Posa auf den Zahn, sieht man, was aus der Inszenierung hätte werden können. Mit Tom Gerber (Philipp II.) und Stefan Graf (Posa) treffen zwei Taktiker des diskursiven Gefechts aufeinander, die zeigen, dass Texttreue nicht unbedingt eine Aufforderung an den Regisseur sein muss, Szene für Szene abzuarbeiten.
Süddeutsche Zeitung, Jürgen Berger, 13.10.2016
Tom Gerber spielt den Philipp eindringlich ambivalent, mal eiskalt berechnend, mal vor hochmütigem Zorn schier berstend, dann bibbernd, schwach und liebesbedürftig. Er ist von allem etwas, das macht seine Gefährlichkeit als Tyrann und sein Scheitern als Mensch aus. Nils Strunk als Carlos und Stefan Graf als Posa spielen die beiden sich in letzter, bitterer Konsequenz so außerordentlich ähnlichen Feuerköpfe wie unter Dauerstrom.

Zu den zahlreichen Vorzügen von Uwe Eric Laufenbergs „Don Karlos“ zählt, dass das, was eine Tragödie im Kern ausmacht, nämlich nicht der Zusammenprall von Gut und Böse, sondern von verschiedenen, im Kern gleich guten Beweggründen, hier geradezu mustergültig entfaltet wird. Das ist im besten Sinne altmodisch und konventionell, verzichtet auf Regietheatereitelkeiten und gibt den Schauspielern das Stück gleichsam zurück. Selbst der Geschlechtsverkehr zwischen Carlos und der aus sehr nachvollziehbaren Gründen intriganten Prinzessin Eboli (Kruna Savić) sowie Philipps eben nicht nur metaphorische Blöße sind keine aufgesetzten Schockeffekte der Regie, sondern injizieren dem Abend genau die nötige Dosis Moderne.
Frankfurter Allgemeine Zeitung, Matthias Bischoff, 11.10.2016
Das Schlussbild ist grandios.
Kein Aufbruch in die Zukunft, sondern Liebesleid, Intrige und Konflikt der Egoismen in der Friedhofsruhe Spaniens. Bühnenbildner Gisbert Jäkel stellt atmosphärisch stimmig Ferien-Idylle, höfisches Duster, verführerisches Boudoir und königliches Arbeitszimmer in bühnenweite strenge Bilderrahmen. Der Regisseur und er trennen genial offene Szene und kammerspielartiges Privatim durch klemmende, löchrige Zwischenwände. Und noch einmal ein köstlicher Einfall: Wenn Philipp II. die Bühne betritt, sitzt er. Auf einer Museumsbank und spiegelt sich in seinem Tizian-Porträt. Er übrigens darf dunkelgrauen Zweireiher tragen (Kostüme Marianne Glittenberg), die anderen Figuren sind leicht historisierend, immer edel – ob schwarz (Gehrock) oder rot (natürlich die perfide Eboli) – gekleidet. Zum Schluss freilich ist Philipp – entblößt von Machtinsignien und Menschlichkeit – ein nackter Mensch.
Den Prozess vom einsamen Machtinhaber zum enttäuschten Menschen durchläuft sein Darsteller Tom Gerber auf allen Stufen bravourös mit Kraft. Königin Elisabeth ist mit Llewellyn Reichman gleichbleibend schön und stark – der einzige untadelige Charakter („Ich schätze keinen Mann mehr“) und Kruna Savic als Rivalin Eboli attraktiv vital und so durchtrieben verführerisch, dass Karlos ihr nicht widersteht.
Die eigentliche Hauptfigur des Dramas, Schiller als Marquis Posa, verkörpert Stefan Graf mit schön gebrochener Leidenschaft und einem Pathos wie nebenbei. Militärische Statur nimmt Rainer Kühn als Alba ein; Benjamin Krämer-Jenster ist als Beichtvater Hinterhältigkeit pur, und schließlich präsentiert Monika Kroll scharf und unerbittlich die Menschenverachtung des Großinquisitors, triumphierend im Schlussbild als Pietà-Negation vor den Ruinen unserer Tage. Ziemlich viel Jubel im langen Applaus.
Wiesbadener Kurier, Viola Bolduan, 11.10.2016
Es gibt keine Musik, außer der Schlager-Platte, die die Eboli aufgelegt hat („In der Nacht ist der Mensch nicht gern alleine“). Zwischen den Szenen und während der Wandverschiebungen herrscht Stille, einige Stunden später möchte sie einem nicht mehr wie die Ruhe auf dem Kirchhof erscheinen, sondern bloß wie noch eine kurze Wartezeit (man versteht, warum sich Regisseure damit retten, ein Grollen oder ähnliches zu unterlegen).Alles, alles soll jedenfalls von den hochkonzentriert wirkenden Schauspielern ausgehen und von Schillers Sprache. Stefan Grafs Posa, intensiv und antipathetisch, ist ein eindrucksvolles, modernes Zentrum, umkreist von Nils Strunk, der klar macht, dass Karlos ohne Tenor (Verdi schwingt unvermeidlich mit) wirklich nur ein armer, überforderter Junge ist.

Ihm und Posa ein nobles Pendant ist Llewellyn Reichman, erschütternd jung auch sie und in ihrer Kühnheit mehr Johanna als Elisabeth. Kruna Savics Eboli ist nicht nur in ihrem Musikgeschmack eine Frau des 20. Jahrhunderts. Tom Gerber als Philipp II. ist hingebungsvoller, als er zunächst vermuten lässt, in Seelenpein keift er, kreischt er, wickelt dann lose ein Laken um sich.Vieles spielt sich in mittlerer Lage ab, das ist plausibel, aber eben mittlere Lage. Am besten vermittelt sich Schillers sensationelle, dabei völlig natürliche Wortgewandtheit in den Intrigen und Manipulationen, diesem Vortasten, Kalkulieren. Entwicklungen in Ruhe beiwohnen zu können, ist die stärkste Seite des Puristischen und des Ausführlichen.
Frankfurter Rundschau, Judith von Sternburg, 11.10.2016
Nils Strunk als Carlos zeigt beeindruckend frisch den beschränkten 23-jährigen. Kruna Savić lässt sich als verführerische Eboli begatten. Tom Gerber zieht als kalter König blank. Llewellyn Reichmans keusche Königin taucht ihr langes Haar dekorativ ins Wasser. Stefan Graf hat als Posa große Momente. Grandios, wie beiläufig er Gedankenfreiheit einfordert.
Bild, Dr. Josef Becker, 10.10.2016