Oper

Candide

Leonard Bernstein (1918 – 1990)
in deutscher Sprache
Komische Operette in zwei Akten | Libretto: Hugh Wheeler, nach dem Roman »Candide oder Der Optimismus« von Voltaire | Gesangstexte: Richard Wilbur, mit Texten von Stephen Sondheim, John Latouche, Dorothy Parker, Lillian Hellman und Leonard Bernstein | Uraufführung: 1956 in New York

Aufführungen vom 31.10. bis 12.12.2014

Romina Boscolo, Gloria Rehm, William Saetre, Aaron Cawley, Wolfgang Vater
Foto: Paul Leclaire
Chor
Foto: Paul Leclaire
William Saetre, Tänzer, Chor
Foto: Paul Leclaire
Wolfgang Vater, Benjamin Russell, Victoria Lambourn, Gloria Rehm, Aaron Cawley
Foto: Paul Leclaire
Ensemble
Foto: Paul Leclaire
Gloria Rehm, Tänzer
Foto: Paul Leclaire
Nathaniel Webster, Romina Boscolo, Benedikt Nawrath
Foto: Paul Leclaire
Aaron Cawley, Tänzer, Chor
Foto: Paul Leclaire
Aaron Cawley, Tänzer
Foto: Paul Leclaire
Victoria Lambourn, Aaron Cawley, Chor
Foto: Paul Leclaire

Leben Sie in der besten aller möglichen Welten? Dann haben Sie in Candide einen Kompagnon. Als armer Vetter in die ebenso tiefe wie dünkelhafte Provinz von Irgendwo geraten wird der naive Zeitgenosse von der moralischen Privatlehrer-Instanz Pangloss dazu angehalten, alles was geschieht für die beste aller Fügungen zu halten.
Die literarische Vorlage, Voltaires berühmter Roman, erschien 1759 mit dem Zusatz »…Oder der Optimismus«, schon das ein ironischer Hinweis auf die Einbrüche der Realität in Gottes »vollkommenster aller Welten». In einer aufmüpfigen Truppe junger amerikanischer intellektueller Künstler um das musikalische Genie Leonard Bernstein entstand ein Werk voller intelligentem Protest, Satire, Bloßstellung zeitloser Missstände von Borniertheit und Dummheit in der Welt neu. In den Fifties der USA, dem Land der unbegrenzten Möglichkeiten, ging es um die Anprangerung der Prozesse gegen unamerikanisches Verhalten. Aber auch heute müssen die Figuren nicht weit suchen, um in absurde Vorgänge und unkontrollierbare Gefahren für sich und ihre Nächsten zu geraten.
Als Katastrophentourist erster Güte wird Candide von Schicksalsschlägen umso sicherer ereilt, je mehr er ihnen durch Unterwürfigkeit und Anständigkeit zu entgehen versucht. Von seiner Familie als unstandesgemäss verstoßen, fällt er auf der Suche nach seiner großen Liebe Kunigunde dem Erdbeben von Lissabon zum Opfer, wird von der Inquisition verfolgt und zum Militär gezwungen, Zeuge von Missbrauch diverser Religionen, Macht und Geld zum persönlichen Vorteil, begegnet Laster, Verfall, Verrat und tödlichen Krankheiten – doch nichts hält ihn ab, an ein sinnvolles, gutes Schicksal zu glauben. Kein Tabu wird ausgelassen, um Schicksalsergebenheit und Zwangsoptimismus vorzuführen.
Sind Sie auch schon einmal Opfer der Realität geworden? Dann machen Sie sich mit Candide auf die Reise durch Welt- und Operngeschichte, lassen Sie sich von Bernsteins brillant-rasanten Klängen begleiten und landen Sie am Ende des ereignisreichen Abends – wo? Zufrieden im beschaulichen Vorgarten Ihrer eigenen Träume von einem einfachen und ruhigen Leben. Oder ist das zu optimistisch gedacht?

Pressestimmen


Bernsteins Candide ist die beste aller Operetten. Keine ist so witzig, tief, intelligent, modern, kritisch, melodienreich. Am Staatstheater ergießt Bernd Mottl ein Füllhorn an Ideen, Bildern und Bedeutung über die geile Vorlage.
BILD

Was Regisseur, Bühnen- und Kostümbildner und Choreograf da auf die Wiesbadener Bühne wuchten, würde auch der jüngst erfolgsverwöhnten Komischen Oper bestens zu Gesicht stehen: „Candide“ als quietschbunte Revue, als Ausstattungsschlacht mit immer neuen, großen Bühnenbildern. Das beginnt mit dem Schloss, führt über Bühnenbildorgien in der Tango-Szene, bringt Wasserballett auf dem Trockenen: Man staunt über den Aufwand und die grandiosen Ideen des Leitungsteams. Dabei kommt der bitterböse Unterton des Stückes nicht zu kurz. Und von den großen Ensembles bis zu den intimsten Szenen entsteht hier eine Deutung des Stückes, die in mancher der bekannten Einspielungen nicht erreicht wird. So viel Unterhaltung war lange nicht in Wiesbaden!
RheinZeitung, 04.11.2014, Claus Ambrosius

Die Ausstattung ist schlicht und einfach der Hammer! Es ist einfach erstaunlich, wie viele großformatige Bühnenteile rein und raus gefahren werden. Das gibt tolle Bilder: Ob Puppentheater-Westfalia, plüschiges Pariser Bordell, riesige spanische Fächer, Kolonialvilla in Buenos Aires, comichafte, glitzernde Palmen in Eldorado oder liegende, zu einem Roulette angeordnete Tänzer, was sich dem Zuschauer durch einen riesigen hängenden Spiegel erschließt – wenn der Vorhang der „Bühne auf der Bühne“ sich öffnet, ist man gespannt, was einen diesmal erwartet.
Musicalzentrale


Wolfgang Vater setzt als multipler Philosoph funkelnde Pointen, Gloria Rehm gibt mit klarem Sopran eine allerliebste, vokal herausragende Kunigunde, Victoria Lambourn die frische, halbseidene Paquette. Auf der männlichen Seite wetteifert ein stimmsatter Benjamin Russell als pausbäckiger Maximilian mit Aaron Cawley in der Titelrolle um die Krone retardierter Adoleszenz. Im weiteren Verlauf garantiert Romina Boscolo als Alte Lady die kräftiger gefärbten Zwischentöne. Sehr zu würdigen ist die Wandlungsfähigkeit der Darsteller in der zweiten und dritten Reihe. Benedikt Nawrath und Nathaniel Webster glänzen in jeweils neun verschiedenen Rollen, das neunköpfige Tänzerensemble durchläuft gar vierzehn Wandlungen. Ob braves Drehen im Walzertakt oder Pussy-Riot-Tanz subversiver Ministranten: Die Truppe hat es locker drauf.
Frankfurter Allgemeine Zeitung 03.11.2014, Benedikt Stegemann


Im Schlussbeifall dominiert Begeisterung angesichts der Bilderfülle einer grellbunten Revue, die Albert Horne am Pult des Staatsorchesters von der brillanten Ouvertüre an mit hinreißendem Schwung dirigiert. Die Wiesbadener Besetzung betreibt Ohrwurmpflege auf hohem Niveau: Glamourös ist Gloria Rehm als Kunigunde in funkelnden Koloraturen wie im halbseidenen Glitzerkleid, und in der Titelpartie verleiht Aaron Cawley dem Candide, der sich vom reinen, optimistischen Toren zum Erkennenden wandelt, tenorales Format. Vielfach gefragt ist Wolfgang Vater als Schauspieler und Sänger: Im fliegenden Wechsel und in glasklarer Diktion gibt er Voltaire und den neunmalklugen Doktor Pangloss. Das letzte Wort hat Pangloss: „Noch irgendwelche Fragen?“ Ja. Zum Beispiel die, warum dieses intelligente und fantasievolle Stück Musiktheater so selten auf unseren Spielplänen zu finden ist. Das ist nach dieser Premiere jedenfalls kaum noch nachvollziehbar.“
Wiesbadener Kurier 03.11.2014, Volker Milch


Bernd Mottl nimmt den Begriff der Satire auf seine Weise ernst, schleudert uns eine kunterbunte Oberfläche entgegen und wartet praktisch darauf, wann wir merken, dass das nicht die beste und auch nicht die ulkigste aller Welten sein kann. Friedrich Eggert hat ihm diese Oberfläche perfekt ausgesägt, ein Pop-up-Bilderbuch für Figuren im Kostümrausch und für ein Theater im Theater. Aus dem Orchestergraben schickt Albert Horne bereits in der Ouvertüre das Signal, dass hier erste Güte serviert wird. Die Wiesbadener „Candide“ geht deutlich und gepflegt über eine theaterübliche Operettenroutine hinaus.
Frankfurter Rundschau 03.11.2014, Judith von Sternburg

Besetzung

Musikalische Leitung Albert Horne
Inszenierung Bernd Mottl
Bühne & Kostüme Friedrich Eggert
Choreografie Götz Hellriegel
Licht Ralf Baars
Chor Albert Horne
Dramaturgie Regine Palmai
Voltaire, Pangloss, Cacambo, Martin Wolfgang Vater
Candide Aaron Cawley
Kunigunde Gloria Rehm
Alte Lady Romina Boscolo
Paquette Victoria Lambourn
Maximilian Benjamin Russell
Erster Offizier / Erster Mann aus Lissabon / Alchemist / Don Isaachar / Ein Senore / Gehilfe / Vater Bernhard
Großinquisitor / Erster Inquisitor / Ein Richter / Gouverneur / Kapitän / Vanderdendur / Ragotzki William Saetre
Zweiter Offizier / Zweiter Mann aus Lissabon / Trödler / Zweiter Inquisitor / Ein Richter / Erzbischof / Eine Senore / Gehilfe / Croupier Nathaniel Webster
Dritter Inquisitor / Ein Richter / Bärenhüter / Kosmetikhändler / Ein Doktor Chor
Tänzer Gal Fefferman, Madeline Ferricks-Rosevear, Jasper H. Hanebuth, Myriam Lifka, Haruka Kawauchi, Rouven Pabst, Florian Pfaff, Kevin Reindl, Moeko Tokieda
Chor & Statisterie des Hessischen Staatstheaters Wiesbaden, Hessisches Staatsorchester Wiesbaden