Oper

Schönerland

Søren Nils Eichberg (*1973)
Oper in 10 Bildern | Libretto: Therese Schmidt
Ein Auftragswerk des Hessischen Staatstheaters Wiesbaden
Sa, 25.11.2017
Uraufführung | Cresc... Biennale für moderne Musik Frankfurt Rhein MainGROSSES HAUS19:30 - 21:05
19:00 Einführung im Foyer Großes Haus
Ensemble
Foto: Karl & Monika Forster
Ensemble
Foto: Karl & Monika Forster
Ensemble
Foto: Karl & Monika Forster
Ensemble
Foto: Karl & Monika Forster
Keith Bernard Stonum. Radoslava Vorgic
Foto: Karl & Monika Forster
Ensemble
Foto: Karl & Monika Forster
Ensemble
Foto: Karl & Monika Forster
Britta Stallmeister, Ensemble
Foto: Karl & Monika Forster
Ensemble
Foto: Karl & Monika Forster
Thomas de Vries, Erik Biegel
Foto: Karl & Monika Forster
Britta Stallmeister, Ensemble
Foto: Karl & Monika Forster
Ensemble
Foto: Karl & Monika Forster
Ensemble
Foto: Karl & Monika Forster
Feras Zarka, Ensemble
Foto: Karl & Monika Forster

Was kann eine europäische Kunstform über die Suche nach einer neuen Heimat erzählen? Der junge dänisch­-deutsche Komponist Søren Nils Eichberg stößt in seiner Auftragskomposition eine mal emotional geladene, mal augenzwinkernde Reflexion über die Kraft der Oper an. »Schönerland« handelt von der Suche nach Verstehen und Verständnis des Fremden – in beide Richtungen.

PREMIERE: 16. September 2017

Besetzung

Musikalische Leitung Albert Horne
Inszenierung Johanna Wehner
Bühne Volker Hintermeier
Kostüme Miriam Draxl
Chor Albert Horne
Licht Klaus Krauspenhaar
Dramaturgie Katja Leclerc
Intendant Thomas de Vries
Komponist Erik Biegel
Stückeschreiberin Britta Stallmeister
Saida (Die Glückliche) Eleni Calenos
Dariush (Das Gute festhalten) Aaron Cawley
Aliyah (Die Erhabene, Frieden) Romina Boscolo
Omid (Die Hoffnung) Florian Küppers
Kader (Das Schicksal) Andrea Baker
Der Syrer Feras Zarka
3 Frauen Hyemi Jung, Jessica Poppe, Radoslava Vorgic
3 Männer / 3 Schlepper Philipp Mayer, Frederic Mörth, Keith Bernard Stonum
Chor des Hessischen Staatstheaters Wiesbaden, Hessisches Staatsorchester Wiesbaden

Pressestimmen

»Eichberg, Jahrgang 1973 und im virtuosen Umgang mit Gattungstraditionen ohne größere Berührungsängste, scheut da nicht vor Unisono-Wucht und harmonischer Vergangenheits-Beschwörung zurück. Ähnlich wie in ›Glare‹ [...] ist dem Einsatz der Tonalität nicht durchweg zu trauen. Das gilt vor allem dann, wenn diese sich mit verklärenden Flüchtlings-Träumen deckt und als Teil eines doppelbödigen Spiels mit Hör- und Lebens-Erwartungen vernommen werden kann. Zum Ausdrucksspektrum gehören der Einsatz von Clustern und Perkussives, das im Vorspiel stürmisch vorwärts drängt. Stärksten Eindruck aber machen ariose Passagen, in denen der Sopranistin Eleni Calenos als Saida, ihrer Kollegin Britta Stallmeister als Stückeschreiberin, Aaron Cawley (Dariush) oder Andrea Baker (Kader) emotionale Textanteile aus Therese Schmidts Libretto anvertraut sind.«
Wiesbadener Kurier, Volker Milch, 18.09.2017
»Wo es bei den Opernchoristen ›nur‹ um einen Job geht, geht es für die echten Flüchtlinge um Leben und Tod. So arbeitet sich Søren Nils Eichberg in zehn Bildern an dem Zynismus des Themas ›Flucht‹ ab. Er schafft eine packende Klangsprache dazu, die irgendwo zwischen abstrakten Mehrklängen, klassischer Fuge und poppigen Rhythmen angesiedelt ist. Und das Hessische Staatsorchester Wiesbaden bringt das alles unter Dirigent Albert Horne wunderbar flexibel zur Hörsicht. Orientalische Melismen hat Søren Nils Eichberg bewusst vermieden: Die Utopie vom ›Schönerland‹, die irgendwann in Gestalt einer feuchtfröhlichen Oktoberfestgesellschaft in Trachten und Lederhosen auf der Bühne steht, klingt nach bayrischem Ländler.«
Die Deutsche Bühne, Ursula Böhmer, 18.09.2017
»Definitiv als ›Oper‹ überschrieben, bietet ›Schönerland‹ tatsächlich operntypisch-vibratoreichen Druck auf die Tränendrüse. Im ausgedehnten zehnten und letzten Bild zeigte vor allem Aaron Cawley als allegorische Figur des Dariush, was Oper kann: Mit Saida (Eleni Calenos) bildet er ein Paar, in der die Partner ineinander eine Heimat finden. Auch besingt er die Erinnerung an das, was der zurückgelassene Vater ihm beigebracht hat, und verkörpert damit, was Kunst vermitteln soll und kann: Werte.«
FAZ, Doris Kösterke, 18.09.2017
»›Schönerland‹ ist Søren Nils Eichbergs zweite Oper. Angelegt für großen Chor, acht Gesangssolisten und Sinfonieorchester bietet er Raum für große Stimmen und eine Klangdramaturgie mit cinemaskopischer Wirkung, die nicht ausschließt, was der Operngänger von einem Besuch einer Oper der Gegenwart abhält: Klangschönheit und Harmonie. Aber auch wo es weniger rund klingt, berührt Eichbergs Musik das Bauchgefühl und trifft ins Herz. Handwerklich geschult jongliert er geschickt mit allem Vorhandenen, um den Augenblick musikalisch so differenziert auszuleuchten, wie es das Konzept verlangt. Eisenhart hämmernde Sechzehntelläufe in den tiefen Streichern markieren höchste Bedrohung, Engführungen in den Stimmen unterstreichen Hilflosigkeit, Verstörung und Ausweglosigkeit. Der Text von Therese Schmidt ist an der Musik so nahe wie nur möglich, knapp, sparsam, um wahre Empfindungstiefe ausschließlich der Musik zu überlassen. Im Extremfall wird die Stimme zum zusätzlichen Klangfarbeninstrument. Sein Schlusszitat ›Kein Schöner Land‹ am Ende unterstreicht das Resümee der Betrachtung über die Fluchtthematik auf der Opernbühne und ist unabhängig davon gelungenes Beispiel für die Bearbeitung eines scheinbar so schlichten wie eingehenden Volksliedes zu einem chorsinfonischen Satz von höchstem Repertoirewert. [...]. Das Orchester meistert die komplexe Partitur je nach Erfordernis mit kammermusikalischer Intimität oder orchestraler Monumentalität sicher, durchsichtig, packend. Albert Horne, Chordirektor am Staatstheater Wiesbaden und für die musikalische Einstudierung und Leitung dieser Uraufführung verantwortlich, ist der Garant für dieses Gelingen.«
classik.com, Christiane Franke, 18.09.2017
»Tatsächlich kann man an Anna Seghers’ ebenso konkreten wie mythologisch aufgeladenen Roman „Transit“ denken. Dazu passen etwa auch die sich überkreuzenden, widersprechenden Informationen zu den Fluchtmöglichkeiten. Eine falsche Entscheidung und man ist verloren. Die Nähe zu Seghers hängt mit Schmidts konzentriertem, oratorisch wirkendem Text zusammen, aber auch mit Eichbergs Musik. Es ist eine Musik des 20. Jahrhunderts für ein weitgehend klassisches sinfonisches Orchester, mit scharfen Rhythmen, eher zurückhaltenden Ausflügen ins tonal Unvertraute, mit Zügen ins Kinohafte, aber in eine scharfe, unsentimentale Kinohaftigkeit. Der Dirigent und Wiesbadener Chordirektor Albert Horne leitet das mit Übersicht an, hilft den Solisten durch delikate Rhythmusverschiebungen hindurch. [...]. Eine starke, vom Premierenpublikum auch so aufgenommene Uraufführung. Gerade weil auch Wehners Inszenierung so entschlossen war, würde man gerne einen weiteren Versuch mit dem wirkungsvollen Werk erleben.«
Frankfurter Rundschau, Judith von Sternburg, 20.09.2017
»Sehr kurzweilige 95 Minuten. [...]. eine beeindruckende und zum Nachdenken herausfordernde Teamleistung des Staatstheaters Wiesbaden. Herauszustreichen die souveräne Gesamtleitung von Orchester und Chor durch Albert Horne. Er ließ sowohl die komplexe und vielschichtige Instrumentation als auch das Klanggewitter des bestens aufgelegten Wiesbadener Chores schier Golden glänzen. Durchweg allen Sängern gebührt größtes Lob in gesanglicher und schauspielerischer Qualität.«
hboscaiolo.blogspot.de, H. Boscaiolo, 18.09.2017
»Die eindringlichste Figur ist die der Saida (Die Glückliche), eine Frau, die auf der Flucht ihre Identität verloren hat. Verkörpert wird sie emotionsstark von der griechischen Sopranistin Eleni Calenos, die hierbei ihr Deutschlanddebüt gibt. Eindringlich ist auch der Vortrag von Bertolt Brechts Gedicht „An die Nachgeborenen“ durch den anonymen Syrer (in einer reinen Sprechrolle sehr präsent: Feras Zarka). Den unerbittlich das Gute festhaltende Dariush gibt mit leichten Pathos Tenor Aaron Cawley. [...]. Dabei ist die vielschichtige Musik Eichbergs zwar modern, aber ansprechend und mit viel rhythmischen Stimmungen. Am Ende sehr viel Applaus für alle Beteiligten.«
kulturfreak.de, Markus Gründig, 18.09.2017
»Eichbergs Musik speist sich aus mannigfachsten Anregungen, ohne je polystilistisch anzumuten. Des Komponisten Schaffen richtet sich auf die Synthese unterschiedlichster Elemente, die von Bach bis zu Computerspielen reicht. Tonalität und Atonalität bedeuten weniger Alternativen als unterschiedliche Elemente ein und derselben Klangsprache, beide sind ineinander mindestens virtuell enthalten. [...]. Der hochkomplexe Chorsatz strebt seiner Klimax im Utopiebild zu, aus dem eine völlig neue, im wahrsten Wortsinn unerhörte Melodik hervorgeht. Sensorium für Ensemblekunst beweist Eichberg, indem er die Solisten aus der vokalen Vereinzelung zu bezwingendem Zusammenklang aus kantablen Linien von purer Schönheit führt. [...]. Aus dem Solistenensemble nimmt Eleni Calanos als Saida mit warm timbriertem und geradeaus geführtem Sopran für sich ein. Andrea Baker stattet Kader mit beweglich-schlankem Mezzo aus. Stimmfachkollegin Romina Boscolos Aliyah gewinnt durch satte, mystisch gefärbte Tiefe. Britta Stallmeister ist eine stimmlich wie darstellerisch überzeugende Stückeschreiberin. Aaron Cawley verleiht Dariush heldentenorale Strahlkraft und Emphase. [...] Der Applaus ist [...] ebenso ehrlich wie herzlich. Zu hoffen steht, dass ›Schönerland‹ an zahlreichen Bühnen nachgespielt wird. Sein Rang als Referenzwerk zum Thema Not und Elend der Flüchtlinge jedenfalls steht fest.«
o-ton.online.de, Michael Kaminski, 17.09.2017
»Aufbruchsstimmung im Staatstheater Wiesbaden: Mit einem Horn-Signal und einem rhythmischen Rattern, das an alte Züge erinnert, schickt der Deutsch-Däne Søren Nils Eichberg einen großen Flüchtlings-Opernchor auf die Reise: Männer und Frauen, die Koffer und Rucksäcke schleppend schon bald die Bühne belagern. Mal im Chor-Kollektiv, mal als Solisten besingen sie ihre berechtigten Hoffnungen auf ein »Schönerland«, wo es Frieden und Arbeit gibt. Noch ist in Wiesbaden allerdings gar nichts »schön«. Bühnenbildner Volker Hintermeier hat die Bühne in zwei Etagen unterteilt: Mal irren die Choristen unten zwischen Gerüsten umher wie an Europas Grenzzäunen, mal verschwinden sie oben in Schiffscontainern – mal versuchen sie, Halt suchend, einen riesigen Trichter zu erklimmen, der zwischen den Gerüsten steht. Es sind die Hoffnungen, aber auch die Ängste der Flüchtlinge, die Søren Nils Eichberg in seiner neuen Oper »Schönerland« vertont hat – in einer Klangsprache, die zwischen abstrakten Mehrklängen, klassischer Fuge und popigen Rhythmen changiert. Das Hessische Staatsorchester Wiesbaden treibt die Klänge unter Dirigent Albert Horne packend vor sich her – als seien es die Flüchtenden selbst.«
SWR2, Ursula Böhmer, 18.09.2017