Keine Angst vor der Angst!

Themenschwerpunkt:
»German Angst«

Wagners Siegfried kennt keine Angst, er will das Fürchten lernen, doch sich selbst kennt er nicht. Den Intrigen der Gesellschaft ausgeliefert und unfähig, verantwortungsvoll zu handeln, scheitert der Angstlose.

Wir sind heute weit davon entfernt, ohne Angst zu leben. Den Deutschen unterstellt man sogar eine »German Angst«: eine ängstliche Zurückhaltung, generelle Skepsis gegenüber allen Innovationen und diffuse Zukunftssorge; siehe auch der Atomausstieg nach Fukushima, die Opposition gegen Präimplantationsdiagnostik oder die Haltung zu Auslandseinsätzen der Bundeswehr. Vielleicht verständlich, bedenkt man die schuldbeladene deutsche Geschichte. Doch der Begriff der »German Angst« stammt ursprünglich aus der deutschen Philosophietradition. Angst ist, anders als Furcht, unbestimmt. Der sich Ängstigende weiß nicht, was ihn ängstigt, er spürt nur ein Gefühl der Sorge und Enge. Zwischen den Unwägbarkeiten von Globalisierung, Terrorgefahr und massenhafter Migration blüht und gedeiht diese radikale Sorge als diffuse Zukunftsangst. Wer mit ihr zu spielen weiß, scheint heute kaum zu bremsen. Dabei ist unsere fundamentale Angst eigentlich der Schlüssel zum Leben. Sie öffnet die Tür zum Verständnis von uns selbst. Wir ängstigen uns, weil wir uns sorgen. Weil wir verstehen, dass wir nur in diesem kleinen Fenster zwischen Geburt und Tod in die Welt geworfen sind. Die Angst wirft uns zurück aufs Wesentliche, unsere Freiheit. Sie macht uns zum erkennenden Menschen, der gerade im Angesicht des Abgrunds an seinem Rande tanzend lebt. Wer seine Angst nicht kennt, kennt auch sich selbst nicht. Siegfrieds Dilemma. Also keine Angst vor der Angst!

Viele Aufführungen des diesjährigen Programms stellen sich der Angst mutig, lustvoll und radikal. Angefangen mit Wagners »Ring«-Zyklus in der Inszenierung von Uwe Eric Laufenberg erproben wir im Anschluss mit der Uraufführung von Markus Öhrns Molotov-Cocktail-Oper »Verbrannte Erde« die lustvolle Zerstörung am Warmen Damm. Der große Humanist Alain Platel zeigt mit dem Mahler-Projekt »nicht schlafen« sich windende Körper und verzweifelt kämpfende Menschen zwischen Schönheit und Abgrund, die doch in der Musik Erlösung finden. Ersan Mondtags »Tyrannis« erzählt in kinematografischer Wucht, wie die Angst vor dem Fremden eine ganze Familie klaustrophobisch versklavt, und doch die Sehnsucht der Jungen auszubrechen stärker ist. Aber auch im »Faust« aus Peking und den Liederabenden finden Sie zwischen (spät)romantischem Kunstlied und gezähmten Bestien ängstliche Spuren. Und falls Sie sich im Tal der Angst ganz verlaufen, hilft Ihnen Herbert Fritschs »Murmel Murmel« mit seinen dadaistischen Spaßakrobaten über jede Klippe hinweg.

Tanzen Sie mit uns und Ihrer Angst durch den Mai und lassen Sie sich von den Künstlern verführen, die Abgründe lustvoll auszuloten. Wir freuen uns auf Ihre Neugier!