Libretto von Emil Flechsig und Robert Schumann nach dem Epos ,Lalla Rookh’ von Thomas Moore
Aufführungsdauer: 1 Stunde 30 Minuten. Keine Pause.
‚Schumann hat Opern komponiert?‘ – Mit dieser Frage stehen Sie nicht alleine da, falls Sie sie beim Blick in das Opernprogramm gestellt haben sollten. Das musikdramatische Schaffen von Robert Schumann steht in der Bekanntheit zu Unrecht hinter seinem rein instrumentalen Werk zurück. Stücke wie ‚Das Paradies und die Peri‘, ‚Genoveva‘, ‚Faust-Szenen‘ oder ‚Manfred‘ tauchen, wenn überhaupt, eher im Konzertsaal auf. Dabei beweisen viele briefliche Äußerungen und Opernpläne von der Bedeutung, die Robert Schumann der Opernkomposition auch für sein Selbstverständnis als Komponist beigemessen hat. Mit dem Lyrischen Drama ‚Das Paradies und die Peri‘ hat er ein Hauptwerk der musikalischen Romantik geschaffen, das Sie nun in einer atmosphärisch dichten, den poetischen Geist Schumanns bildhaft umsetzenden Inszenierung von David Mouchtar-Samorai erleben können.
Das Stück ‚Das Paradies und die Peri‘ entstand 1841, zu einer Zeit, als Schumann das ersehnte Fernziel in der Komposition einer deutschen Oper formulierte. Als weltliches Oratorium wurde es am 4. Dezember 1843 im Leipziger Gewandhaus uraufgeführt. Der märchenhafte, exotische und spirituell gefärbte Stoff geht im Kontext der deutschen Romantik einen anderen kompositorischen Weg als die Musikdramen Richard Wagners – den Weg der Poesie.
Die große Besetzung für Solisten, Chor und Orchester diente Robert Schumann in der unruhigen Zeit vor den Revolutionsjahren 1848/49 dazu, die Utopie einer neuen, friedlicheren Gesellschaft zu entwerfen. Damit traf er den Nerv des damaligen Publikums. Zahlreiche Aufführungen machten ‚Das Paradies und die Peri‘ zu einem seiner größten Erfolge (über 50 Aufführungen zu Lebzeiten). Er selbst war ausgesprochen glücklich mit dem Werk und hat es verschiedentlich als seine beste Arbeit überhaupt bezeichnet. Charakteristisch für ‚Das Paradies und die Peri‘ ist die lose Reihung von Szenen – eine Art klanglich kolorierter Bilderbogen.
Die Peri, das Kind eines Engels und einer Sterblichen, ist auf der Suche nach dem verlorenen Paradies, aus dem sie ausgeschlossen wurde. Erst durch eine Opfergabe kann die Peri zurück gelangen. So muss sie die Länder der Erde bereisen, um im menschlichen Leid zu finden, was ihr den Einlass ins Paradies ermöglicht. Doch weder das Blut eines Kriegers, noch der letzte Atem einer Sterbenden sind ‚des Himmels liebste Gaben‘. Erst die Reuetränen eines Verbrechers öffnen der Peri wieder die Tore zum Paradies.
Das Lyrische Drama basiert auf dem Orient-Epos ‚Lalla Rookh‘ des englischen Dichters Thomas Moore. Mit seinem Werk war Robert Schumann schon als Kind vertraut. Der märchenhafte Orient, die Paradiesvorstellung des Islam, die exotischen Schauplätze auf der unendlichen Erdenfahrt der unglücklichen Peri beflügelten die kindliche Phantasie Schumanns. Auch als Erwachsener beschäftigte sich Schumann wieder mit diesem hochpoetischen Stoff aus der persischen Mythologie, bis er sich 1841 zur Komposition entschied. Ein liedhaft-lyrischer Ton durchzieht die einzelnen Episoden der bildhaft-farbenreichen Erzählung zwischen Naturidylle und Seelendrama. Das Werk gehört zum Innigsten, Empfindungsreichsten und Schönsten, was Schumann je komponiert hat.
Besonders hervorzuheben sind die großen Chor- und Ensembleszenen. Die Bandbreite reicht von kurzen Einwürfen über Szenen mit dramatischem Charakter bis hin zu oratorisch kommentierenden Stellen, die – wie in den Passionen von Johann Sebastian Bach – nur mittelbar mit der eigentlichen Handlung verbunden sind. Die anspruchsvolle Chorpartie wird vielfältig differenziert in kleine und große, Männer- und Frauenchorbesetzung und Doppelchörigkeit mit dem Solistenensemble. Neben den ausgedehnten Ensembleszenen treten mehrere Figuren auf, die Erzählerfunktionen ausüben und das Geschehen kommentieren.
Noch in seinen letzten Lebensjahren und während seines Aufenthaltes in der Nervenklinik in Endenich setzte sich Robert Schumann mit den literarischen und musikalischen Welten seiner Kindheit auseinander. 1855 treten die ersten Anzeichen seiner seelischen Zerrüttung auf. In der sich steigernden, tagelangen Beschäftigung mit Atlanten, aus denen er schließlich alphabetisch geordnete Exzerpte und Auszüge herstellt, manifestiert sich der Versuch, eine Ordnung der Welt herzustellen. Diese erträumte Welt, in der revolutionäres Getöse, Krankheit und Angst einem goldenen Zeitalter gewichen sind, stellt sich im exotisch angehauchten Schauplatz der Peri-Erzählung dar. Regisseur David Mouchtar-Samorai versucht in seiner Inszenierung mit feinem Gespür auch für die Zwischentöne der Musik die märchenhafte Glücksuche der Peri darzustellen – dabei bleibt aber auch die Figur Robert Schumanns und seine persönliche Beziehung zum ‚Peri‘-Stoff im Fokus.
In der Inszenierung sitzt ein Mann sitzt auf seinem Bett und träumt das Märchen ‚Das Paradies und die Peri‘. Dabei überlagern sich die Bilderwelten des Märchens mit seiner eigenen Realität. Er wandelt also hin und her zwischen Kindheit und gegenwärtigem Leben. Der Märchentraum des Mannes – und das ist nun ein Grundgedanke der Inszenierung von David Mouchtar-Samorai – ist von der Psyche und der Lebensgeschichte Robert Schumanns bestimmt.
Mit dieser Produktion leistet das Hessische Staatstheater Wiesbaden seinen Beitrag zum Robert-Schumann-Jahr 2010.
Das Orchester des Staatstheaters leistet mit seiner affinen Darstellung der vielschichtigen Musik einen Beitrag von hohem Eigenwert, der zugleich das Szenische wirksam grundiert.
Es gelingt Sébastien Rouland am Dirigentenpult ausgezeichnet, den Reichtum an farblich angereicherter Empfindung ins Bewusstsein zu heben.
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 01.12.2009
Geschickt hält die Regie die Balance zwischen der öden Realität und den surrealen Phantasiebildern, (…).
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 01.12.2009
Die Erlösungsgeschichte, in der sich Orientalisches mit christlichen Motiven mischt, offenbart einen gewissen multikulturellen Charme, der auch vom Kolorit der Musik bekräftigt wird. Aber muss man das wirklich auf der Opernbühne sehen?
Ja, muss man! Jedenfalls in der Form, in der David Mouchtar-Samorai die Geschichte im Großen Haus des Staatstheaters Wiesbaden erzählt.
Ein ambitionierter Beitrag zum Schumann-Jahr 2010.
Herausragend (…) die Sopranistin Sharon Kempton die neben ihrer szenisch lebendigen ‚Liedgestaltung‘ auch das Zeug zur dramatischen Emphase hat.
Wiesbadener Kurier/Tagblatt, 01.12.2009
Das Staatstheater Wiesbaden hat ein ehrbares Schumann-Herz, (…).
David Mouchtar-Samorai, der für das Staatstheater schon sehr erfolgreich als Opernregisseur tätig war, siedelt die Erlösungshandlung im Kopf des Komponisten an.
Mit traditionellen Opernmitteln lässt sich das nicht fassen, mit einem Übermaß an Surrealem aber (…) schon.
Jonas Gudmundsson, (…) der einem Evangelisten gleich durch die Handlung führte, hatte mit Sharon Kempton ein Energiepaket zur Seite.
Am Pult verstand Sébastien Rouland, die Partitur mit großer Transparenz und ohne Eile auszubreiten.
Frankfurter Rundschau, 01.12.2009
Regisseur David Mouchtar-Samorai gelingt eine stimmige Inszenierung.
[Er] hat für die psychoanalytische Komponente Sinn, wie man (…) in seiner Version von Glucks ‚Orpheus und Eurydke‘ erleben konnte. Seine aktuelle Realisierung (…) wirkt weniger kühn und nicht so überladen mit Details, dafür umso einheitlicher und dem Text angemessen kontemplativ.
Aufarbeitung, Sehnsucht, Traumvision? Ein interessanter Ansatz.
All diese (…) wusste der Mann am Pult facettenreich und dynamisch zu gestalten: Sébastien Rouland leitetet das Orchester des Hessischen Staatstheaters umsichtig und mit sensibler Hand (…). Die zerbrechliche Figur des Robert Schumann gibt Tenor Jonas Gudmundsson mit lyrisch-leichter Stimme. Er verlieh dem labilen Melancholiker ergreifende Züge. Dramatische Farben in der anspruchsvollen Partie meisterte die Sopranistin Sharon Kempton überzeugend. Hye-Soo [Sonn] beeindruckte mit schwarzem Bass als Krieger und Offizier.
Gießener Allgemeine Zeitung, 30.11.2009
Mit Sharon Kempton ist eine eher dramatisch-herbe, trotzdem exakt und feinfühlig gestaltende Sopranistin zu hören.
Das Staatstheater hat die Neuinszenierung aus Anlass des Schumann-Jahrs 2010 auf den Spielplan gesetzt.
Dazu liefert die szenische Wiedergabe des Oratoriums, das auch konzertant nur selten zu erleben ist, (…) einen reizvollen Beitrag.
op-online.de, 01.12.2009
Sharon Kempton mit (…) angenehmen Sopran und mildem Charme, (…) hervorragende musikalische Leistung der Solisten und des Orchesters unter Sébastien Rouland (…).
Main-Echo, 03.12.2009
Der Chor in der Einstudierung von Christof Hilmer bewältigte seine vor allem im Finale großen Tableaus überzeugend und genau abgestuft. Ein sicherer Wert war auch Sharon Kempton als Peri, die ihren Sopran stets sicher auf Linie führte und für ihre große Finalszene noch genügend Reserven hatte, um auch die hohe Tessitura ohne Schärfen zu bewältigen.
Als Engel und Roberts Mutter erfreute Emma Pearson mit stimmlicher Flexibilität, feiner Linienführung und mühelosen Höhen.
Einen starken Eindruck hinterließ die Mezzosopranistin Merit Ostermann, die (…) durch ihr warmes Timbre und ihre geschmeidige, aber zudem konturierte Stimmführung für sich einnahm.
Maintal Anzeiger, 08.12.2009
Der Regisseur Mouchtar-Samorai bietet in seiner symbolgeladenen und voller suggestiver Bilder steckenden Inszenierung alles auf, was des Theaters ist, so dass in dieser klinischen Situation, die das weiße Bühnenbild von Heinz Hauser und die schwarzweißen Kostüme Urte Eickers noch verstärken, ein Pandämonium albtraumhafter Szenen entsteht. Da tummeln sich vier Clowns, vier Tänzer (Choreografie: Andrea Heil) und vier Peris auf der Bühne, so dass es zugeht wie in einem Irrenhaus.
Der von Christof Hilmer einstudierte Chor leistet vorzügliche Arbeit, ist stets zur Stelle und wird geschickt vom Regisseur in das Geschehen integriert. Im Mittelpunkt steht die Peri von Sharon Kempton, deren dramatisch geführte, gleichwohl ausgeglichene und liedhafte Stimme den opernhaften Gestus verstärkt. Auch sie gehört zu den Insassen der Psychiatrie, sie kann aber hernach als geheilt entlassen werden, während Robert (Jonas Gudmundsson mit gepflegter, sicherer Stimme) dort weiter vor sich hindämmert. Dem Regisseur ist ein Gesamtkunstwerk gelungen, wie man es selten zu Gesicht bekommt.
Eine großartige Idee, das kommende Schumann-Jahr 2010 mit dieser packenden Inszenierung zu eröffnen.
Darmstädter Echo, 17.12.2009
Diese Peri, Figur eines fernen indischen Himmels, ist aus näher nicht genannten Gründen ‚gefallen’. Das höhere Wesen will Rehabilitation, indem es sich auf die Suche nach dem ‚erlösenden Gut’ begibt. Sharon Kempton tut es in Wiesbaden mit der wohltuend dosierten Kraft ihres souveränen Soprans.
Der junge Dirigent Sébastien Rouland trägt dem Zuschnitt des Werks Rechnung und mutet auch in den kriegerischen Nummern keine schärferen Kontraste zu.
Heinz Hauser hat für David Mouchtar-Samorai einen fast leeren, weiß-bläulichen Raum entworfen, der an eine Anstalt erinnert.
Der Regisseur konkretisiert den Oratorientext im Sinn einer Familiengeschichte beim körperlich anwesenden Herrn Schumann und spielt in vielen Nuancen auf die Krankengeschichte des Düsseldorfer Musikdirektors an.
Eine in sich schlüssige Inszenierung, voller tiefgründiger Fantasie und Anspielungen. Das Staatstheater Wiesbaden und sein Intendant Manfred Beilharz setzen eine bemerkenswerte Schumann-Pflege fort.
General-Anzeiger 19./20. Dezember 2009
Durchweg überzeugend waren der von Christof Hilmer einstudierte Chor und das Solistenensemble, aus dem Sharon Kempton hervorstach und der Peri vokale Flügel verlieh.
die deutsche bühne, Januar 2010