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Uraufführung


Ballettabend im Kleinen Haus
Musik von Max Richter, Yann Tiersen, Tool u.a.
Choreografien von Maria Eckert, Eve Ganneau, Ezra Houben, Matthias Kass, Kihako Narisawa, Taulant Shehu, Giuseppe Spota, Matthew Tusa, Daniel Whiley
Kleines Haus
Ein Tanzerlebnis besonderer Art erwartet die Zuschauer im Ballettabend ‚spring’, den das Ensemble des Hessischen Staatstheaters auf der Bühne des Kleinen Hauses präsentiert. Neun Mitglieder der Compagnie stellen sich mit eigenen Stücken vor und setzen damit eine erfolgreiche Tradition fort. Schon mehrfach sind Wiesbadener Tänzer für ihre choreografische Arbeit auf internationalen Wettbewerben und Festivals ausgezeichnet worden. Als ‚hot spot‘ für die Entwicklung von Nachwuchstalenten darf das Hessische Staatstheater inzwischen angesehen werden, denn ein kreativer Leiter wie Stephan Thoss generiert vielfältige Kreativität auch in seinen Tänzerinnen und Tänzern. Zuletzt gewann Giuseppe Spota beim ‚Internationalen Wettbewerb für Choreographen‘ den zweiten Preis. Seine Choreografie ‚Un/Attainable‘ wird Teil des Ballettabends ‚spring‘ sein.

Entstanden sind für neun Choreografien höchst unterschiedlichen Charakters – nachdenklich, leidenschaftlich, gefühlvoll, aber auch mit augenzwinkernder Ironie. In den Uraufführungen spiegeln sich nicht nur die Persönlichkeiten der Choreografen, sondern auch der kulturelle Reichtum, den die Künstler aus sieben verschiedenen Herkunftsländern in ihre Arbeit einfließen lassen. Schon die Musikauswahl, die von deutschen Barockkompositionen über hebräisches Liedgut bis zu selbst komponierten Stücken reicht, verspricht eine abwechslungsreiche Vielfalt.

Bei aller Individualität in der ästhetischen Ausformung ihrer Arbeiten verbindet die jungen Choreografen aber die universelle Sprache des Tanzes, die ohne Worte den Emotionen der Menschen direkten Ausdruck verleiht. Gerade diese Wortlosigkeit des Mediums Ballett haben sich die Tänzer zum übergreifenden Thema des Abends gewählt. Inspiriert vom Ort der Veranstaltung, der Schauspielbühne Kleines Haus, auf der das Ensemble erstmals auftreten wird, stellen sie ihre Arbeiten unter das Motto ‚Tanz trifft Text‘.

Dabei werfen sie unterschiedliche Fragestellungen auf. Wo sind die Berührungspunkte zwischen dem Wort und einer Kunst, die im Allgemeinen ohne das Mittel des Sprechens arbeitet? Wie können sie sich ergänzen und gegenseitig befruchten? Oder gilt nach wie vor, dass Tanz dort beginnt, wo das Wort aufhört? Kann es ein Mit- und Nebeneinander der verschiedenen Idiome geben oder nur eine kurze Berührung an der jeweiligen Grenze ihrer Ausdrucksmöglichkeiten? Gibt es bei der Verwendung von Vokalmusik, wie sie einige der Choreografen als Vorlage gewählt haben, eine inhaltliche Festlegung durch den Text? Illustriert der Tanz hier nur die Aussage einer Arie, oder welche zusätzliche Dimension dürfen wir erwarten?

Eine Reihe von Fragen, die höchst unterschiedliche Antworten finden werden – oder vielleicht auch einmal ganz bewusst offen gelassen werden. Denn die Stücke, die im Laufe des Abends gezeigt werden, sind von ihrem Wesen her eher mit dem Genre der Kurzgeschichte, der Miniatur zu vergleichen, die sich konzentriert einem Aspekt, einem Thema, einer Stimmung widmet, ohne in epischer Breite einem Handlungsverlauf zu folgen. Dabei reicht das Spektrum von konkreten Szenen bis hin zu abstrakten Umsetzungen – wiederum dem künstlerischen Credo der einzelnen Choreografen folgend.

Gerade diese Vielfalt in Themenstellung und Ästhetik macht den Abend, der erstmals im Rahmen der Maifestspiele gezeigt wird, so reizvoll. Dies spiegelt sich auch im Titel des Programms. spring steht als Synonym für die Aufbruchstimmung des Frühlings, der eine Vielzahl neuer Eindrücke, Farben und Gerüche hervorbringt und die Kraft eines fruchtbaren Neuanfangs symbolisiert. Gleichzeitig erinnert der Titel an Vaslaw Nijinskys bahnbrechendes ‚Le Sacre du Printemps‘, mit der der legendäre Tänzer 1913 den Beginn der choreografischen Moderne einläutete, und steht somit für die Aufforderung, der eigenen Kraft zu vertrauen, das Sichere und Bekannte hinter sich zu lassen und mit einem Sprung ins Ungewisse neue Räume für sich zu entdecken.
Der Titel ist doppeldeutig und genau so, wie das Programm geworden ist: Die insgesamt neun kurzen Choreographien von ‚spring‘ hüpfen frühlingsfrisch über die Bühne des Kleinen Hauses. Am Staatstheater Wiesbaden hat Ballettdirektor Stephan Thoss seinen meist noch sehr jungen Tänzern Carte blanche gegeben – und was sie sich und den Kollegen auf den Leib choreographiert haben, ist ein erstaunliches und überzeugendes Panorama der Talente geworden. So ist alles frisch an diesem Programm, das auch zeigt, wie gut der Tanz in diesen Formaten ins Kleine Haus passt: Das Premierenpublikum war begeistert.

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 24.05.2011


Nur kurzweilig ist es immer, und sympathisch – auch weil die, die eben noch choreographiert haben, gleich schon selbst tanzen und den Träumen eines Kollegen auf die Sprünge helfen. ‚spring‘ ist mit Sicherheit auch ein Fall von sichtbarer und unsichtbarer Gruppendynamik. Und umso besser, wenn es kein Ironieverbot gibt. Besonders schön darum Eve Ganneaus ‚Tale oft the forgotten melodies‘, das trotz einer Ausleuchtungsmanie ganz auf die eigenartigen Möglichkeiten zweier elastischer Männerkörper setzt. Oder Matthew Tusas ‚Cheek to check‘, das nicht nur gewitzte Episoden von Liebe und Totschlag erzählt, sondern auch zwei Zuschauer zum Mittanzen bringt.

Frankfurter Rundschau, 23.05.2011


Die erstmalige Eroberung des Kleinen Hauses wurde, im Rahmen der Maifestspiele, zu Recht begeistert angenommen. Das Beste: Man ist so nah dran. Persönlichkeiten, Gesichter werden viel sichtbarer, auch die Feinabstimmungen von Mensch und Bewegung.

Wiesbadener Kurier/Tagblatt, 23.05.2011


Dass die Wiesbadener Ballettkompanie nicht nur hervorragend tanzt, sondern auch selbst hochbegabt ist, was das Umsetzen eigener Ideen in Choreographien angeht, zeigt der Ballettabend ‚spring‘. Neun völlig verschiedene Stücke sind zu sehen, entwickelt von den TänzerInnen selbst. Dieser Kontrast bringt noch deutlicher zum Ausdruck, welch ein choreographisches Potenzial in Wiesbaden versammelt ist.

Mathilde 113, Juli/August


Elegant und fein schlängelt sich die Tänzerin im Stück ‚monoloque intérieur‘ mit einer Taschenlampe in der Hand über den Boden der leeren Bühne, absolviert eine Kür im Dunkel. Das kleine Licht tanzt mit und verschmilzt mit den Bewegungen der Silhouette. Eine höchst ungewöhnliche Tanzvorstellung, unheimlich, aber zur Musik von Yann Tiersen zugleich tief berührend. Gedanken und Satzfragmente einer Frau ertönen über Lautsprecher laut im Saal. Die Stimme ist so klar, so ernst und doch so gleichgültig und unterstützt die durch den Tanz hervorgerufene leicht psychopathische Stimmung fabelhaft.

STUZ, 24.05.2011


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