Zwischen Mitternacht und Morgen: Schwanensee
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Musik von Peter I. Tschaikowsky
Choreografie von Stephan Thoss
Wiederaufnahme am Samstag, den 21.12.2013
Großes Haus
Aufführungsdauer 2 Stunden 30 Minuten. Eine Pause.
Musikalische LeitungUwe Sochaczewsky
ChoreografieStephan Thoss
Bühne und KostümeTina Kitzing
Dramaturgie Anja von Witzler
 
  Mit dem Ballett und Orchester des Hessischen Staatstheaters Wiesbaden
Wer an Ballett denkt, denkt an ‚Schwanensee’. Dabei war dem Stück anlässlich seiner Uraufführung 1877 in Moskau zunächst kein Erfolg beschieden. Erst in der Choreografie von Marius Petipa und Lew Iwanow in St. Petersburg wurde 1895 ‚Schwanensee’ zu dem, was es heute ist: Der Tanzklassiker schlechthin – und ein historisches Erbe, das Choreografen immer wieder zu Stellungnahmen auffordert.

Zwischen Mitternacht und Morgen – das ist die Zeit, in der der Mensch sich selbst begegnet, seinen Ängsten, Hoffungen und Träumen. In Tschaikowskys Ballettvorlage ist es der Zeitraum, in dem Odette ihre menschliche Gestalt wiedererlangt. Die Zeit also, in der sich das Drama um die Liebenden Siegfried und Odette abspielt, deren Beziehung von Rotbart und Odile überschattet wird.

Die tragische Leidenschaft, die dieses Stück zum Synonym für Ballett an sich gemacht hat, ist für Stephan Thoss Angelpunkt seiner Neufassung. Sein Interesse gilt dem emotionalen Beziehungsgeflecht der vier Protagonisten und den Täuschungen und Enttäuschungen, die sie in der Liebe erfahren. Ausgehend von der überlieferten Handlungsstruktur erzählt er die Geschichte mit Fokus auf Odette, die sich in den charismatischen Rotbart verliebt und zu spät seine egozentrische Unfähigkeit erkennt, ihre Gefühle zu erwidern. Rotbart scheint zur Liebe nicht fähig, und doch umklammert seine Aura Odette wie eine nicht enden wollende Zuneigung. Tief verletzt von seiner Kühle zieht sie sich in eine Art inneres Exil zurück, verwandelt sich symbolisch in ein imaginäres Wesen, das erneuten Verletzungen durch andere Menschen entzogen ist – einen Schwan. Diese Existenz reiner Unschuld und Unberührbarkeit ist aber Schutz und Fluch zugleich.

Die mitreißend leidenschaftliche Musik Tschaikowskys bildet dabei die Grundlage der Handlung. So bleibt der Wechsel zwischen einer realen Welt der Gesellschaft und der traumhaften Welt der Schwäne erhalten.

Nach dem großen Erfolg an der Staatsoper Hannover und am Aalto Theater Essen und der mehrfachen Ausstrahlung einer Fernseh-Fassung der Choreografie auf arte, wurde die beliebte Thoss-Produktion in der vergangenen Spielzeit mit großer Resonanz in Wiesbaden neu einstudiert.
Jubel für eine ganz und gar zeitgenössische Interpretation. (...) Thoss hat den Titel ein ‚Zwischen Mitternacht und Morgen’ vorangesetzt. Denn das sind nicht nur die Stunden der Schwanenprinzessin, sondern auch jene Stunden, in denen ein Mensch gern in die eigene Seele blickt – und Thoss schaut tief in die Seelen der Protagonisten von ‚Schwanensee’, die er als Personen ganz ernst nimmt. Vor allem aber zeigt sich, wie genau Thoss die Musik Tschaikowskys studiert hat. Er kommt zu verblüffenden Ergebnissen, die nichtsdestotrotz plausibel sind. (...) Mit Anna Herrmann als Odette hat Thoss eine wunderbar ausdrucksstarke, in aller Elegie kraftvolle Hauptdarstellerin, der ebenbürtig Kenneth Pettitt seinen Rotbart tanzt. Xanthe Geeves macht als gerissene Odile beste Figur, Sandro Westphal gibt überzeugend den Siegfried, und das ganz Ensemble ist in dieser dichten Choreographie ein Wunder- und Feuerwerk an Dynamik und Ausdruckskraft, die manchmal ins Akrobatische überschlägt.

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 2.12.2008


Thoss winkt der alten Petipa-Iwanow-Choreografie von Ferne, macht sich aber seinen eigenen Reim aufs märchenhafte Verfluchen, Verlieren, Verlieben, Verwandeln der Protagonisten. Er findet das alles, charakterlich-psychische Motive, statt bei adligen Schlossbewohnern bei ziemlich normalen Leuten und belässt der Story doch ihre Romantik, denn es geht um Gefühle.

Wiesbadener Kurier, 2.12.2008


Zur Musik von Tschaikowsky, vom Orchester unter Wolfgang Ott gespielt, entwirft Thoss einen prickelnden Bilderbogen aus Liebe, Verrat, Verlust und Flucht in die Isolation. (...) Odette (Anna Herrmann) verknallt sich in den fiesen Rotbart (Kenneth Pettitt). Der sieht sie als weiteres Schmuckstück in der Kette seiner Eroberungen. Tanz als Unterwerfung. Ganz anders Siegfried. Sandro Westphal steht erst nur rum, wartet, beobachtet. Wenn er dann aber mit der zerbrechlichen Odette loslegt, entfalten sich schönste Liebesduos voll Harmonie und Einklang. Wertung: sehr gut

Bild-Zeitung, 1.12.2008


Thoss bedient sich in seiner Choreografie einer betont expressiven Körpersprache, einer Mixtur von Ausdruckstanz und einer spürbaren Annäherung an klassische Bewegungsmuster. Verbannt sind die Spitzenschuhe: barfuss, mit weit ausholenden Bewegungen entsteht eine erdhafte Tanzsprache. Andererseits brilliert die Artistik in grandiosen Pas de Deux von hohen Schwierigkeitsgraden, die psychologische Abgründe und hochgepeitschte Emotionen spiegeln. (...) Eine durchweg schlüssige und zeitnahe Liebes- und Lebensgeschichte, die sich auf wundersame Weise mit der romantischen Partitur Tschaikowskys in Einklang bringen lässt. Imponierend hat sich wiederum das Corps de Ballet zu einer homogenen Truppe zusammengefunden, die noch dazu über beachtliche schauspielerische Fähigkeiten verfügt. Ausgezeichnet: Anna Herrmann im zentralen Part der Odette, die ihrer Rolle mehr als nur lyrische Perfektion geben kann. Kenneth Pettitt stattet seinen Rotbart mit dämonischen Macho-Sex aus, ein sehr viriler Tänzer, artistisch zugleich, der mit der hinreißenden Xanthe Geeves (Odile) ein geradezu eruptives Duo auf die Bretter zaubert.

Frankfurter Neue Presse, 3.12.2008


Wer Augen hat zu sehen, und ein mitfühlendes Herz, den kann das Ballett ‚Zwischen Mitternacht und Morgen: Schwanensee’ am Wiesbadener Staatstheater nicht kalt lassen. Wer der Tanzkunst ästhetische Legitimation auch jenseits des klassischen Reglements zugesteht, der wird diese Neuinterpretation des legendären Ballettmärchens unschwer als bedeutend anerkennen. Sie erzählt die Geschichte vom Schmerz verratener Liebe als Erleben der jungen Leute von heute. (...) Aus quirligen Übergängen entwickeln sich Soli, Gruppen, Formationen, deren affektive Kleinteiligkeit Thoss diesmal zu fabelhaft konzentrierten, klar strukturierten und dem Auge Halt gebenden Sequenzen bündelt. Das gilt für den gesamten Abend, der zum temperamentvollen Anfang mit dem Wesen des Geschlechterspiels vergnügt: Lust an der Lust. (...) Zu Tränen rührender Höhepunkt wird Odettes Leidenssolo im zweiten Akt. Ein Faszinosum dabei ist, wie das Spiel der Muskeln und Knochen von Anna Herrmanns nacktem Rücken als unmittelbarer Ausdruck inneren Empfindens mitchoreografiert wurde.

Rhein-Zeitung, 3.12.2008


Stephan Thoss (...) formte die Märchengeschichte von Liebe, Verführung und Treuebruch zu einem Tanzstück, das durch und durch heutig ist und sich doch klug auf das Alte bezieht. Und das zudem wie aus einem Guss ist. (...) Anna Herrmann und Kenneth Pettitt sind großartig in den Hauptrollen. Xanthe Geeves ist als Odile ein kühles blondes Gift, Sandro Westphal ein Siegfried, den man trotz allem ein bisschen bedauert. Die lästigen Festszenen des Originals hat Thoss zu flotten Parties ‚zwischen Mitternacht und Morgen’ (so der Titel-Zusatz) umfunktioniert, auf denen sich die Protagonisten kennenlernen. Das heiße Herz seines Schwanensees aber sind die Pas de deux, in denen jede Nuance des Begehrens ihren körpersprachlichen Ausdruck findet. Manchmal möchte man zurückspulen können an diesem Abend, um noch mal zu gucken.

Frankfurter Rundschau, 6./7.12.2008


Junge Leute, alltägliche Menschen mit alltäglichen Sehnsüchten, Wünschen, Hoffnungen und Enttäuschungen feiern mit Hiphop, Breakdance und Rock’n’Roll eine Party. Mit glänzendem Pas de deux der jeweiligen Paare, kraftvollen Hebungen, weit ausholenden Arm- und Beinbewegungen und rasendschnellen Drehungen im Wechsel von flacher Sohle und Spitze (auch die Männer!). Thoss antiromantische Neufassung lässt das Publikum eine alltägliche Beziehungsgeschichte, die in ihrem Scheitern fesselt, hautnah miterleben. Anne Herrmann wurde für die überzeugende Darstellung der an ihrer blind vertrauten Liebe zerbrechenden, ‚romantischen’ Odette zurecht mit Begeisterungsrufen bedacht.

Gießener Anzeiger, 6. Dezember 2008


Stephan Toss (...) braucht keinen Spitzenschuh, um außergewöhnliche Sprünge, Drehungen und Figuren zu erschaffen, sein Ballett hat nichts Ästhetisches, sondern ist echt und dicht am gesellschaftlichen Zeitgeist. In seinem Ballett ist Leben, es pulsiert. Dieser ‚Schwanensee’ ist kein Ballett für Traditionalisten. Es ist ein gelungenes Wagnis.

Main Echo, 4. Dezember 2008


Wer (...) Mut genug hat, sich auf eine Neuinterpretation des klassischen Stoffes von ‚Schwanensee’ einzulassen, wird mit einer nuancenreichen und berührenden Variante des Berühmten Balletts nach der Musik von Peter Tschaikowsky belohnt. Bis zur Unendlichkeit verändert die vielen Schwanen-Szenen: Hier glitzert und schwebt nichts, aber es ereignen sich große Gefühle, bis zum dramatischen Schluss. Das Publikum war absolut begeistert vom Tanz und musikalischer Begleitung durch das Staatsorchester mit hervorragendem Soli. Das Bühnenbild mit gigantischen Federn und einer riesigen Träne ist ebenfalls sehenswert.

Erbenheimer Anzeiger, 12. Dezember 2008


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