Alban Bergs ‚Wozzeck‘ (1925) nach dem weltberühmten Dramenfragment ‚Woyzeck‘ von Georg Büchner ist bis heute eines der wichtigsten Werke in der Geschichte des Musiktheaters, mehr noch: es gab der Oper, die nach den Monumentalwerken von Wagner und Strauss als Gattung neu definiert werden musste, eine richtungsweisende neue Ästhetik. So dicht und knapp die Sprache Büchners im ‚Woyzeck‘ ist, so konzentriert und frei von jedem Effekt ist Bergs musikalische Umsetzung des Dramas. Text und Musik gehen in dieser relativ kurzen Oper eine bis dahin kaum erreichte Symbiose ein, ein Stück Musik-Theater in wahrsten Sinne des Wortes.
Manfred Beilharz’ Inszenierung von Bergs ‚Wozzeck‘ eröffnete die Maifestspiele 2003 und wurde aufgrund des großen Erfolges bei Publikum und Presse in das Programm der Maifestspiele 2004 wiederaufgenommen. Im Büchner-Jahr 2013 kehrt die Inszenierung nun ins Repertoire zurück.
Soldat Wozzeck muss regelmäßig den Hauptmann rasieren und sich dem Doktor für Ernährungsexperimente zur Verfügung stellen, um mit Marie und ihrem gemeinsamen Kind über die Runden zu kommen. Dazu leidet er unter Wahnvorstellungen. Als sich auch noch Marie mit dem Tambourmajor einlässt, sieht er rot. Die Katastrophe ist nicht aufzuhalten...
Georg Büchners Drama geht auf den historischen Fall des Perückenmachers und Soldaten Woyzeck zurück, den er Gerichtsprotokollen aus dem Jahre 1823 entnahm. Nicht die Trivialität eines glücklosen Lebens steht im Vordergrund des Textes, sondern das psychologische Ausleuchten der Tiefen und Untiefen der Figuren. ‚Der Mensch ist ein Abgrund.’ – Wozzecks bittere Erkenntnis lässt sich auf alle Personen des Stückes beziehen.
Alban Bergs expressive Musik hebt die Nuancen des Textes kongenial hervor. Doch steht sie auch für sich: Leitklänge und -akkorde, Volksliedzitate, absolute Gattungen (Sinfonie, Variationen, Passacaglia etc.) verknüpfen die 15 Szenen zu einem vom Hörer nur unbewusst wahrgenommenen Gerüst. Nach dem Erfolg der Uraufführung schrieb der Komponist einen Kommentar:
‚Von dem Augenblick an, wo sich der Vorhang öffnet, bis zu dem, wo er sich zum letzten Male schließt, darf es im Publikum keinen geben, der etwas von diesen Fugen und Inventionen, Suiten- und Sonatensätzen, Variationen und Passacaglien merkt – keinen, der von etwas anderem erfüllt ist als von der weit über das Einzelschicksal Wozzecks hinausgehenden Idee dieser Oper. Und das – glaube ich – ist mir gelungen.‘
Mit einem Schlüsselwerk des zwanzigsten Jahrhunderts, Alban Bergs ‚Wozzeck’, hat Manfred Beilharz seine ersten Maifestspiele eröffnet. (...)
Die (...) Sänger (...) standen ihm an festspielreifem Niveau nicht nach. Regie und Bernd Holzapfels Ausstattung setzen die existentielle Tiefenschau der fünfzehn Szenen schlüssig um. (...) Mit diesem Meilenstein einer fortschrittlichen Opernästhetik setzte sich der neue Intendant ein Signal für die Maifestspiele, die mit anspruchsvollem Einstieg jenseits repräsentativer Konvention nicht verwöhnt sind. Das Publikum, derart gefordert und überzeugt, reagierte begeistert.
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 01.01.2000
Zum Auftakt der Internationalen Maifestspiele (IMF) Wiesbaden hatte im Staatstheater Alban Bergs Oper ‚Wozzeck’ Premiere. Das Publikum belohnte die Leistungen des Ensembles mit zahlreichen Bravorufen.
Die Regie des Intendanten gibt sich ganz unprätentiös, konzentriert sich ohne Schnickschnacks aufs wesentliche der Personenführung, auf die Schärfung der Charaktere, durch die sich, um mit Woyzeck zu sprechen, der Blick in den Abgrund Mensch auftut. (...)
Wiesbadener Kurier
Die Inszenierung lebt ganz wesentlich von der Ausstattung Bernd Holzapfels, der die zahlreichen Szenen in einem wandelbaren Einheitsraum platziert. (...)
Als Regisseur ist Manfred Beilharz ein intensiver Geschichtenerzähler (...).
Wenn der Komponist vertraute Klänge und Tanzrhythmen wählt, kommentiert die Inszenierung mit entsprechenden Aktionen, ohne einfach zu doppeln. (...)
Rhein-Zeitung
Streng gegliedert, dramatisch verdichtet und textlich faszinierend präsentiert sich die Oper, in der Inhalt und Form sich aufs Engste verbinden, als modernes Gesamtkunstwerk, in dem an die Stellen von Arien und Rezitativen rhythmisches Sprechen trat.
Gießener Allgmeine
Sicher ist: Beilharz’ Art der Fokussierung überzeugte. (...)
Karge Räume, schiefe Ebenen, dramatische Einblenden und ausgeklügelte Lichtregie schärfen den Blick auf soziales und menschliches Elend, auf die willkürliche wie aberwitzige Macht und auf das hoffnungslose Ausgeliefertsein der Armen. (...)
Kommentierend, nachklingend, vorausahnend drang die Musik sprachgewaltig aus dem Orchestergraben, (...), stets souverän und sicher zu den ausnahmslos hervorragend besetzten Sängerdarstellern (...).
So gelang ein glanzvoller Festspielauftakt.
Main-Echo
Manfred Beilharz’ Inszenierung kann als exemplarisch bezeichnet werden – sie verfolgt das Schicksal des ‚gemeinen‘ Soldaten Wozzeck im Stil von Reportagen mit geschärftem Blick für die reale Situation der ‚armen Leut‘, lässt immer trotz des kühl strukturierten Formenreichtums der Partitur das Mitleiden des Komponisten an seinem Titelhelden erkennen, führt das Geschehen in fast unerträglicher Spannung bis zum Mord Wozzecks an seiner Marie.
Wie bei der Premiere 2003 ist Jürgen Linn der leidende und von seinen Träumen befangene Wozzeck, eine starke stimmliche und schauspielerische Leistung. Ebenso wieder dabei und ihm ebenbürtig mit dramatisch akzentuiertem Sopran und fesselnder Ausstrahlung Ute Döring als Marie. In respektabler sängerischer und darstellerischer Form waren auch die übrigen Akteure – Albert Bonnemann (Tambourmajor), Markus Francke (Andres), Dennis Wilgenhoff (Doktor) und Axel Wagner (Handwerksbursch), ein Sonderkompliment gebührt Erik Biegel für die exzellente Charakterisierung des Hauptmanns.
Die schwierige Partitur war bei Wolfgang Ott in den besten Händen, unter seiner ruhigen und souveränen Leitung wurde das letzte Zwischenspiel zu einem von intensiv drängender Spannung getragenen, ergreifenden Höhepunkt.
Wiesbadener Kurier, 3.4.2013