Alle sechzehn Jahre im Sommer (Every Sixteen Years in Summer)
Trilogy of Changed Life
A play by John von Düffel
Premiere at 21. September. 2012
Wednesday, 26.09.2012, 19.30 h
Kleines Haus
Running time 2 hours 20 minutes. One intermission.
| Directed by | Tobias Materna |
| Set and costumes by | Martina Stoian |
| Dramaturgy | Dagmar Borrmann |
| With: |
| Jochen Streul, angehender Mediziner / später Leiter eines pathologischen Instituts | Michael Günther Bard |
| Sabine Petzold, abgebrochene Kunststudentin / später Jochens Frau | Verena Güntner |
| Hans-Helge Bousset, Maler und Konzeptkünstler / Juan-Pablo / Keramiker / Argentinier / Sabines Liebhaber | Wolfgang Böhm |
| Magda Müller, Absolventin einer privaten Schauspielschule / Ilona Streul, Tochter von Jochen und Sabine | Viola Pobitschka |
| Carlo Harms / Kfz-Mechaniker / Dealer / Aktivist | Michael Birnbaum |
| Heidrun Werner, studiert Germanistik und Anglistik auf Lehramt / später Schulleiterin und alleinerziehende Mutter | Doreen Nixdorf |
| Elke Rückert, Lebensgefährtin von Carlo / Meike, Illustratorin / Bastians Frau | Franziska Beyer |
| Lambert Scholz, studiert Latein und Geschichte auf Lehramt / Bastian Harms, Kinderbuchautor | Jörg Zirnstein |
Summer, 1974. In a shared apartment in Berlin, the television is on nonstop: it’s the World Cup finals between Germany and the Netherlands. While medical student Jochen is high on football fever, his girlfriend Sabine swears by other mind-expanding substances. Hans-Helge dabbles in art and is wretchedly in love with Sabine. Heidrun is constantly in search of the chance to engage in political discussion, and Carlo would just love to blow the stadium to kingdom come. His wife Elke gives birth to their third child unnoticed at the same time that Carlo – with the sympathy of his flat mates – delivers a sack of rectally smuggled drugs. Germany wins 2:1.
Summer, 1990. The final match between Germany and Argentina. Jochen is the head of a pathological institute. Sabine curates an exhibit for Hans-Helge, who is still madly in love with her. Carlo sells old rusty cars to Eastern Germans. Germany wins 1:0.
Summer, 2006: the World Cup in Berlin. Not all of them can make it. The children have grown up. Some of their life’s dreams have been scattered, some are just beginning to emerge. Germany is eliminated in the semifinals. Zidane gets a red card. Italy wins against France 5:3.
In his latest play, John von Düffel looks back on nearly 40 years of German history with individual stories clustered around the world’s favorite pastime: football. He relates the story of these former flat mates lovingly and comically. His pointed dialogue brings the dreams, scandals and desires of each respective era to life.
John von Düffel is one of the most renowned German authors and playwrights. Wiesbaden audiences might familiar with his adaptation of Uwe Tellkamp’s novel ‘The Tower’ and the world premiere of his play ‘Spa Guerilla’ (‘Kurguerilla’) in the Wartburg venue. Tobias Materna served as head of the Wartburg until 2008 and now works as a freelance director (in Coburg, among other cities). The script of ‘Every Sixteen Years in Summer’ was commissioned by the Koblenz Theatre in commemoration of its 225th anniversary. The world premiere is scheduled to take place in Koblenz on 15 September 2012.
John von Düffel hat ein schlaues Stück geschrieben, das er im Untertitel „Trilogie des veränderten Lebens“ nennt. Schon im ersten Teil verweist er geschickt auf die Zukunft: Eine seiner Figuren, die mit Drogen dealt, hat nebenbei schon längst einen Bausparvertrag abgeschlossen - man weiß ja nie.
Regisseur Tobias Materna folgt den Intentionen von Düffel, allerdings setzt er im Ein-Raum-Bühnenbild von Martina Stoian ganz auf seine Schauspieler – so werden die gesellschaftlichen und politischen Verhältnisse in den einzelnen Individuen deutlich. Der Pathologe Jochen (Michael Günther Bard) landet nach erfolgreicher Karriere im Alkohol, seine Frau Sabine (Verena Güntner) kommt davon los und widmet sich der Kunst. Künstler Hans-Helge (Wolfgang Böhm, herrlich als Langhans-Kopie) überzeugt ebenso wie Schrauber Carlo (Michael Birnbaum), der nach dem Krebstod seiner Lebensgefährtin Elke (Franziska Beyer) schließlich Heidrun (Doreen Nixdorf) ehelicht. Am Ende müssen’s richten: Carlos Sohn Bastian (Jörg Zirnstein, köstlich bereits als Lambert im ersten Teil) und Ilona, die Tochter von Jochen und Sabine (Viola Pobitschka). Sie markieren den Endpunkt im dritten Teil ‚Sommermärchen – Oder wie ich erwachsen wurde‘. Das alles gelingt – wie Materna es angekündigt hat – mit ‚Leichtigkeit, nicht Oberflächlichkeit‘, Hochachtung.
Wiesbadener Kurier/Tagblatt, 24.09.2012
Tobias Maternas Regie bringt ein starkes Ensemble glänzend miteinander ins Spiel, schält aber zugleich die Verletzungen und Enttäuschungen heraus, die diese Menschen in aller Freundschaft erdulden müssen. Da ist Wolfgang Böhm als Künstlertyp, der schon zu Studentenzeiten gerne Aktzeichnungen von Sabine anfertigt, der Freundin seines Kumpels Jochen. Später übernimmt er bei ihr die Rolle des Hausfreundes, während sie seine Ausstellungen kuratiert und Jochen (Michael Günther Bard) Karriere als Pathologe macht. Am Ende wird sie ihr Drogenproblem überwunden haben, während Jochen als Säufer endet. Da ist Michael Birnbaum als lässiger Kumpeltyp Carlo, der erst mit Drogen handelt und dann mit Autos. Er hat immer einen Macho-Spruch auf den Lippen, weshalb keiner ahnt, dass er mit der feministischen Aktivistin Heidrun (Doreen Nixdorf) über Jahre ein Verhältnis hat. Düffels Text transportiert unangestrengt eine Menge Wirklichkeit; Maternas Regie bringt die Präzision auf, um sie in den Figuren erfahrbar zu machen.
Darmstädter Echo, 24.09.2012
Pünktlich zum Spielanstoß Holland–Deutschland 1974 setzt etwa bei Carlos Freundin Elke die Geburt ein, während der prollig-derbe Carlo (herrlich Michael Birnbaum!) lieber dem Spielverlauf als der Geburt folgt. Sechzehn Jahre später, Wiedervereinigung, ist aus der WG mit Flower-Power-Sitzgarnitur längst die gediegenere Wohnung von Jochen und Sabine geworden, und man sieht, wie sich mit steigendem Bankkonto einstige Prioritäten und Ideale verschoben haben. Zur Ruhe, in glücklichen Ehen oder nur bei sich angekommen sind die ehemaligen WG-Bewohner allerdings nicht. Die Langhans-Lockenmähne von Hans-Helge ist zwar gestutzt, und er trägt Jackett (Wolfgang Böhm vollzieht die Wandlung vom Ex-Kommunarden zum Kunstprofessor sehr gut nach), aber die Liebe bleibt schwierig. Jochen und die immer noch durch ihr Leben taumelnde Sabine (wunderbar von Verena Güntner zwischen gediegener Galeristin und ewig Suchender gespielt) haben nicht nur Eheprobleme, sondern auch eine anstrengende Tochter.
Wenn Materna mit seiner tollen Mannschaft sechzehn Jahre später nochmals einen Blick auf die einstigen Kommune-Genossen samt ihrem Nachwuchs wirft, rettet er zwar noch etwas von dem überschwappenden Humor des ersten Akts herüber, doch Melancholie und sogar Tragik halten deutlich Einzug – auch wenn der Akzent klar auf einem ‚Lebbe geht wieder‘ liegt. Am Ende begeisterter Applaus für diese tolle, intelligente und mitreißende Komödie!
Frankfurter Neue Presse, 25.09.2012
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