Shoot / Get Treasure / Repeat (Schießen/Kassieren/Wiederholen)
Von Mark Ravenhill
Deutsch von John Birke
Wiederaufnahme am
Mittwoch, den 05.09.2012, 19.30 Uhr
Kleines Haus
Aufführungsdauer: 2 Stunden 30 Minuten. Eine Pause.
| Inszenierung | Hermann Schmidt-Rahmer |
| Bühne / Kostüme | Michael Sieberock-Serafimowitsch |
| Video | Matthias Lippert |
| Dramaturgie | Dagmar Borrmann |
| Mit: |
| | Susanne Bard, Evelyn M. Faber, Verena Güntner, Magdalena Höfner, Jasaman Roushanaei, Sybille Weiser, Rajko Geith, Uwe Kraus, Nils Kreutinger, Rainer Kühn, Lars Wellings |
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hierWir sind die guten Menschen und wir müssen der Welt das Gute bringen.
(‚Shoot/ Get treasure/ Repeat‘, 15.Szene, ‚Die Odyssee‘)
Der britische Autor Mark Ravenhill entfaltet in seinem Stück Shoot/ Get treasure/ Repeat ein faszinierend komplexes Bild unserer gegenwärtigen Welt mit ihren Konflikten und Widersprüchen. Während sich die einen darum sorgen, ob ihr Morgenkaffee fair gehandelt wurde, kämpfen andere in unwirtlichen Gegenden für westliche Werte – und erfahren schmerzhaft die Ablehnung derer, denen sie doch Freiheit und Demokratie bringen sollen. Im Gegenzug verunsichern Terroranschläge die europäische Mittelschicht: ‚Warum bombardiert ihr uns? Wir sind die Guten!‘ Sicherheiten und scheinbar ewige Werte geraten ins Wanken und erzeugen den Wunsch nach Abschottung. So beschließt ein junges Ehepaar, seinem Kind eine gesicherte Zukunft zu bieten, indem es in eine ‚Gated Community‘ zieht , eine durch Sicherheitskräfte bewachte Wohngegend. Doch der Krieg geistert schon durch die Träume des Jungen.
Ravenhill stellt unsere westliche Sicht auf Freiheit und Demokratie auf den Prüfstand, indem er fragt: Freiheit für wen? Und Demokratie unter welchen Umständen?
Das Stück beleuchtet diese Themen in einer Folge von Einzelszenen, die nach berühmte Epen oder Dramen benannt sind (z.B. ‚Die Troerinnen‘, ‚Krieg und Frieden‘, ‚Furcht und Elend‘, ‚Paradise Lost‘, ‚Die Odyssee‘ usw.). Ravenhill verknüpft darin Politisches mit Privatem; er zoomt die Figuren nah heran und zeigt, wie sehr die scheinbar fernen weltpolitischen Ereignisse in das Leben jedes Einzelnen hineinwirken.
Mark Ravenhill, Jahrgang 1966, ist einer der renommiertesten britischen Autoren der Gegenwart. Sein erstes abendfüllendes Stück ‚Shopping and fucking‘ 1996, wurde sogleich ein Welterfolg.
Hermann Schmidt-Rahmer inszeniert im Musiktheater und Schauspiel, u.a. an den Theatern in Düsseldorf, Dortmund und Wiesbaden (‚Carmen‘, ‚Rigoletto‘, ‚Das weite Land‘, ‚Krankheit der Jugend‘). Schmidt-Rahmer ist Professor für Regie an der Universität der Künste Berlin.
Mark Ravenhills Szenenfolge ‚Shoot / Get Treasure / Repeat (Schießen / Kassieren / Wiederholen)‘ trifft den aufgeklärten westlichen Theaterbesucher an wunden Punkten.
Begriffe wie Freiheit, Demokratie, Toleranz, aber auch Wörter wie ‚wir‘ und ‚die‘ werden schal im Verlauf des gut zweieinhalbstündigen Abends, den in Wiesbaden Regisseur Hermann Schmidt-Rahmer und Dramaturgin Dagmar Borrmann aus dem Material herausgearbeitet haben.
Die Wiesbadener erklären dabei mehr als Ravenhill, erteilen ‚Lektionen‘, treffsicher und plakativ und mit elf dauerhaft am Anschlag befindlichen Schauspielern, die sich beim Vornamen nennen und die Texte überhaupt ganz zu ihrer Sache machen. Die politische Deutung, angereichert mit (Film-) Zitaten, ist Theater, aber flottes, gescheites Ich-zeig-dir- was-Theater.
Lang und ernst war der Schlussbeifall.
Frankfurter Rundschau, 30.04.2012
Die Wiesbadener Inszenierung bringt ein Spektakel auf die Bühne, das dem Zuschauer im positiven Sinn, kaum Halt bietet: Es zeigt den latenten Rassismus und Sexismus einer sich vor dem Terror verschanzenden Konsumgesellschaft – doch kaum sind so Zweifel an der Wertehoheit des Westens geweckt, lassen Originalaufnahmen aus Syrien einen Kloß im Hals entstehen, ‚Wir können doch nicht einfach nur zusehen‘, sagt ein Darsteller, und man kann nicht anders, als innerlich zustimmen. Also, doch intervenieren? Es ist ein Theaterabend, der mehr Fragen aufwirft, als er beantwortet. Und das ist gut so.
Wiesbadener Kurier, 30.04.2012
Hermann Schmidt-Rahmers Wiesbadener Inszenierung gelingt es, einen hineinzuziehen in eine Vergegenwärtigung unserer Widersprüche. Wir sehen auf der mit einer betongrauen Drehwandtür bestückten, bunkerhaft anmutenden Bühne teuer und schick gekleidete Menschen – Ausstattung: Michael Sieberock-Serafimowitsch –, die sich aufgeklärt, auf der richtigen Seite verortet fühlen. ‚Wir sind doch die Guten‘ rufen sie immer wieder, und sie stellen sich unter dem Eindruck terroristischer Gewalt entsetzt die Frage, warum ‚die‘ das machen. Es wird viel – und ohne den Ruch einer peinlichen Theatertrickserei – das Publikum einbezogen; Videobilder, etwa die ikonografischen von den brennenden Türmen des World Trade Centers, schließen die Bühnenfiguren in jener Weise durch den medialen Filter mit der Welt kurz, wie wir alle sie wahrnehmen. (...)
Hermann Schmidt-Rahmer und das ungemein präsente Ensemble zeichnen die Dinge mit einem kräftigen, gar milde satirischen Strich. So unmissverständlich diese plastischen Bilder auch sind, bleiben sie allemal differenziert. Die landläufigen Haltungen der ‚Guten‘ erscheinen naiv. Wir, die wir unseren Wohlstand genießen wollen, stecken alle unentrinnbar mit drin.
die deutsche bühne, Mai 2012
Mark Ravenhills ‚Shoot/Get Treasure/Repeat‘ ist das geglückte Zeitstück.
Die Überzeugungskraft der Inszenierung liegt in ihrer fruchtbaren Verunsicherung. Die Szenen mögen ‚politisch korrekt‘ sein, schon der Titel denunziert ja die ‚Bush-Kriege‘ als Egoshooting mit der Hand am Drohnen-Joystick und einem Auge auf den Lohn (‚treasure‘): Öl, Schifffahrtswege, Siegfrieden. Doch strahlt das Stück auch Unbehagen aus und spitzt sich zur Groteske zu.
Frankfurter Neue Presse, 02.05.2012
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