Running time 1 hour 10 minutes. No intermission.
The fact that Björn has not come to work today is a catastrophe. He’s left a heap of unfinished cases behind that his colleagues Anika, Barbara and Silvia now have to deal with. With a ludicrous torrent of words, the three social workers from the Youth Welfare Office must now engage in a race against time. To no avail. They’ve come to be administrators of idleness; their incomplete sentences simply pile up – just like the case files on their desks.
Felicia Zeller conducted extensive research for this play, detailing the language of swamped administrative agencies and overburdened parents to create this horribly bitter satire about the irresolvable contradiction between ideals and reality. Her characters dig themselves into holes as they vainly attempt to transcend reality with their rants. Zeller does not differentiate between parents, neighbors and social workers – each of them gets their just deserts. Their failures are simultaneously humorous and appalling. Our reactions switch from laughter to horror in the blink of an eye.
This play received the People’s Choice Award at the Heidelberg Stückemarkt festival in 2008.
André Rößler initially studied chemistry before applying to the directing program of Berlin’s theatrical university Ernst Busch. After staging a play at the Deutsches Theater Berlin for his final project, he began working as a freelance director at the State Theatres of Stuttgart and Mainz, the Schauspielhaus Graz and the Schauspiel Hannover. In Wiesbaden, he has previously directed the world premiere of Jörg Graser’s ‘Jailhouse Blues’ on the stage of the Wartburg as well as the summer comedy ‘Côte d'Azur’ in the small venue Kleines Haus.
Nur indirekt kommen die Schicksale der Klienten vor, die Autorin versteckt sie in einer anspruchsvollen artifiziellen Sprachcollage als Zitate zwischen Behördendeutsch und Bürogeschwätz. Drei Frauen am Rande des Nervenzusammenbruchs des stetig größer werdenden Meeres an Hilfe suchenden Kaspar Häusers: Felicia Zellers Stück ist kein Sozialdrama, es ist eine gleichermaßen präzise wie ernüchternde Diagnose der Arbeitswelt von heute.
Wiesbadener Kurier/Tagblatt, 12.09.2011
Felicia Zellers ‚Kaspar Häuser Meer‘ war 2008 und ist auch weiterhin eine Reaktion auf den regelmäßigen Schlenker am Ende von Kindesmissbrauchsmeldungen (‚Das Jugendamt betreute die Familie seit acht Jahren.‘); dazu ein wortgewandter Abgesang auf den sozialen Teil des Sozialstaats; dazu ein bitter satirischer Einblick in eine Arbeitswelt, wie sie Sozialpädagogen besonders gut kennen. Andere Leute aber auch, Zelters Text in André Rößlers Inszenierung hat manchen Szenenapplaus zur Folge: für Evelyn M. Fabers Wutanfall gegen Leute, die Macht, aber keine Ahnung haben (an Politiker denkt die Jugendamtsmitarbeiterin, aber jeder denkt, an wen er will); für die Entspannungsübungen, die das Ausbrennen hinauszögern sollen.
Für die in sinn- und rastlosem Stress aufgehende Beschäftigung findet Rößler einleuchtende Bilder des Wuselns, Herumruderns, Verzettelns, auch der harten Arbeit.
Frankfurter Rundschau, 12.09.2011
Simone Steinhorst hat mit diesem papiergefüllten Swimmingpool ein sinnfälliges Symbol für die permanente Überforderung der Sozialarbeiterinnen auf die Bühne der Wiesbadener Wartburg gebaut. Mit seinen Sitz- und Laufstegen am Rand ist er weniger Abbild eines real existierenden Büros als variable Spielstätte für die verzweifelt komische Abwehrschlacht der Helferinnen in einem Kampf gegen die Verwahrlosung der Familien, gegen Bürokratie und ermüdenden Dauerstress, den sie nicht gewinnen können. In André Rößlers komprimierter Inszenierung von Felicia Zellers Sozialamtsgroteske ‚Kaspar Häuser Meer‘, einer Produktion des Hessischen Staatstheaters Wiesbaden, steht der einzige Sieger von Beginn an fest: das nie ermüdende Papier.
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 14.09.2011