Kaspar Häuser Meer
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Von Felicia Zeller
Wartburg
Aufführungsdauer 1 Stunde 10 Minuten. Keine Pause.
InszenierungAndré Rößler
Bühne und KostümeSimone Steinhorst
DramaturgieBarbara Wendland
Mit:
AnikaFranziska Beyer
BarbaraEvelyn M. Faber
SilviaDoreen Nixdorf
Dass Björn nicht zum Dienst erscheint, ist eine Katastrophe. Er hinterlässt einen Berg unbearbeiteter Fälle. Arbeit, die jetzt an seinen Kolleginnen Anika, Barbara und Silvia hängen bleiben wird. In einem wahnwitzigen Wortschwall liefern sich die drei Damen vom Jugendamt nun einen Wettlauf mit der Zeit. Vergebens. Sie sind zu Verwalterinnen des Leerlaufs geworden, ein unvollständiger Satz stapelt sich auf den nächsten – genauso wie die Akten auf ihren Schreibtischen.

Felicia Zeller hat gründlich recherchiert, hat Sprache auf Ämtern und von überforderten Eltern abgelauscht und eine bitter-grausame Satire über den unlösbaren Widerspruch zwischen Ideal und Wirklichkeit geschrieben. Die Figuren reden sich um Kopf und Kragen und versuchen vergebens, in ihrem Sprachrausch die Wirklichkeit hinter sich zu lassen. Zeller macht dabei keinen Unterschied zwischen Eltern, Nachbarn und Sozialarbeitern – jeder bekommt sein Fett weg. Ihr Scheitern ist komisch und schrecklich zugleich. Zwischen Lachen und Entsetzen liegt hier nur ein Wimpernschlag.

Das Stück wurde 2008 mit dem Publikumspreis des Heidelberger Stückemarkts ausgezeichnet.

André Rößler studierte zunächst Chemie, bevor er sich an der Berliner Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch für das Regiestudium bewarb. Nach seiner Abschlussinszenierung am Deutschen Theater Berlin arbeitete er als freier Regisseur und inszenierte an den Staatstheatern Stuttgart und Mainz, am Schauspielhaus Graz und am Schauspiel Hannover. In Wiesbaden inszenierte er in der Wartburg die Uraufführung von Jörg Grasers ‚Jailhouse Blues‘ und im Kleinen Haus die Sommerkomödie ‚Meeresfrüchte‘.
Nur indirekt kommen die Schicksale der Klienten vor, die Autorin versteckt sie in einer anspruchsvollen artifiziellen Sprachcollage als Zitate zwischen Behördendeutsch und Bürogeschwätz. Drei Frauen am Rande des Nervenzusammenbruchs des stetig größer werdenden Meeres an Hilfe suchenden Kaspar Häusers: Felicia Zellers Stück ist kein Sozialdrama, es ist eine gleichermaßen präzise wie ernüchternde Diagnose der Arbeitswelt von heute.

Wiesbadener Kurier/Tagblatt, 12.09.2011


Felicia Zellers ‚Kaspar Häuser Meer‘ war 2008 und ist auch weiterhin eine Reaktion auf den regelmäßigen Schlenker am Ende von Kindesmissbrauchsmeldungen (‚Das Jugendamt betreute die Familie seit acht Jahren.‘); dazu ein wortgewandter Abgesang auf den sozialen Teil des Sozialstaats; dazu ein bitter satirischer Einblick in eine Arbeitswelt, wie sie Sozialpädagogen besonders gut kennen. Andere Leute aber auch, Zelters Text in André Rößlers Inszenierung hat manchen Szenenapplaus zur Folge: für Evelyn M. Fabers Wutanfall gegen Leute, die Macht, aber keine Ahnung haben (an Politiker denkt die Jugendamtsmitarbeiterin, aber jeder denkt, an wen er will); für die Entspannungsübungen, die das Ausbrennen hinauszögern sollen. Für die in sinn- und rastlosem Stress aufgehende Beschäftigung findet Rößler einleuchtende Bilder des Wuselns, Herumruderns, Verzettelns, auch der harten Arbeit.

Frankfurter Rundschau, 12.09.2011


Simone Steinhorst hat mit diesem papiergefüllten Swimmingpool ein sinnfälliges Symbol für die permanente Überforderung der Sozialarbeiterinnen auf die Bühne der Wiesbadener Wartburg gebaut. Mit seinen Sitz- und Laufstegen am Rand ist er weniger Abbild eines real existierenden Büros als variable Spielstätte für die verzweifelt komische Abwehrschlacht der Helferinnen in einem Kampf gegen die Verwahrlosung der Familien, gegen Bürokratie und ermüdenden Dauerstress, den sie nicht gewinnen können. In André Rößlers komprimierter Inszenierung von Felicia Zellers Sozialamtsgroteske ‚Kaspar Häuser Meer‘, einer Produktion des Hessischen Staatstheaters Wiesbaden, steht der einzige Sieger von Beginn an fest: das nie ermüdende Papier.

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 14.09.2011


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