Faust
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Der Tragödie erster Teil
Von Johann Wolfgang von Goethe
Großes Haus
Aufführungsdauer 2 Stunden 50 Minuten. Eine Pause.
InszenierungTilman Gersch
Bühne und KostümeHenrike Engel
MusikBernd Jestram
DramaturgieAnika Bárdos
Mit:
FaustRainer Kühn, Nils Kreutinger
MephistoUwe Kraus, Viola Pobitschka
MargareteVerena Güntner
MartheMonika Kroll
Wagner / Altmayer / ErzengelWolfgang Böhm
Valentin / Brandner / Erzengel Marcus Widmann
Der Herr / Frosch / KaterBenjamin Krämer-Jenster
Siebel / ErzengelRajko Geith
HexeJörg Zirnstein
ZueignungZygmunt Apostol
Dr. Johann Faust ist ein zutiefst zerrissener Mensch. Einer, der sich vorgenommen hat, die Welt in ihrem Ganzen zu erfassen – nicht mehr und nicht weniger. Ein Mann, der sein langes Leben der Forschung widmete, zu Ruhm und Ehren kam und doch aus lauter Verzweiflung den Freitod erwägt. Weil er die Grenzen der Wissenschaft nicht sprengen kann, will er diese letzte überschreiten. Faust, der Mann mit den zwei Seelen, wird zum Objekt im Spiel der Mächte. Gott und Teufel schließen eine Wette ab – ist er noch zu retten oder längst für den Himmel verloren?

Mephisto erscheint, und Faust ist das recht, denn nun erhofft er sich das Ende seines irdischen Leidens. Eine zweite Wette gilt: Wird er zum Augenblicke sagen ‚Verweile doch, du bist so schön‘, dann hat er endlich zu sich gefunden, dann kann der Rest die Hölle sein. Bei dem jungen, unbedarften Gretchen sucht Faust die vollkommene Erfüllung. Seine unbändige Gier ist Gretchens Tod. Er vernichtet dieses Geschöpf, das, so ganz anders als er, die Gabe hat, eins mit sich selbst zu sein.

In keinem anderen Drama der Weltliteratur wird die Conditio Humana so umfassend befragt wie in Goethes ‚Faust‘. 1806 schloss Johann Wolfgang von Goethe den ersten Teil der Tragödie ab, nach mehr als dreißig Jahren Arbeit daran. Inspiration fand er in der uralten Sage vom Doktor Faustus, und so vereinigt die ganze Fülle dieses Schauspiels mittelalterliche Motive mit aufklärerischem Gedankengut. Neben der Faszination am Transzendentalen treibt Faust die Suche nach Erkenntnis, der Forschungsdrang des aufgeklärten, des modernen Menschen, und damit berührt Goethes Text ethische Aspekte, die uns heute mehr denn je beschäftigen. Und er stellt die älteste aller Fragen: Was ist Glück?

Tilman Gersch, Regisseur und Mitglied der Schauspielleitung am Staatstheater Wiesbaden, hat sich in der Spielzeit 2010/2011 vor allem der zeitgenössischen Dramatik gewidmet: der Erstaufführung ‚Der Turm‘ nach dem Roman von Uwe Tellkamp und der Uraufführung ‚Das wollt ihr nicht wirklich‘ von Bettina Erasmy. Zur Eröffnung der neuen Schauspielsaison setzt er sich im Großen Haus mit einem, wenn nicht sogar dem Hauptwerk der deutschen Klassik auseinander.
Gelacht werden darf auch über die nackten Hexen-Monster, Marthes Geranien und geschmunzelt, dass geraucht werden darf. Mephisto darf auch. Mit Uwe Kraus ist er (bei aller Körperfülle) von samtpfötiger Geschmeidigkeit, mit Viola Pobitschka als das weibliche Pendant (und Wiesbadener Debütantin) ein erstaunlich präsent wandelbarer cleverer Geist. Das mephistophelische Paar passt und löst sich nahtlos in seiner Spielfreude ab. Zusammen mit allen geflügelten Engeln dieser ‚Faust‘-Welt haben wir auf eine wunderbare Bühne geschaut, eine gestraffte Goethe-Tragödie mit Unterhaltungswert gesehen und werden mit einem starken Schlussbild verabschiedet. ‚Heinrich’. Uns graut nicht. Der Applaus ist zustimmend.

Wiesbadener Kurier/Tagblatt, 26.09.2011


Auch wenn man sich die Wasserplanschereien merken wird, prägen eigentlich zwei Doppelbesetzungen den Abend: Neben dem wüsten Kameraden Uwe Kraus tummelt sich ein zweiter Mephisto auf der Bühne, eine Mephistophela, Viola Pobitschka, schöne Punkerin und Lebedame, die Faust auch erotische Angebote unterbreiten kann. Das ist ebenfalls nichts Neues, aber mit Eleganz umgesetzt. Manchmal sind die Teufel kurz zu zweit, auch im doppelten Pas de deux mit den Fausts. Denn bloß weil er jetzt jung und stark ist, verschwindet der alte Doktor nicht, schaut vielmehr zu, redet die eine oder andere Zeile. Wir werden uns nicht los. Ohne das sehr hervorzuheben, macht Gersch hier einen Punkt.

Frankfurter Rundschau, 26.09.2011


Klassik ist modern. Das war selten anders und auch in Tilman Gerschs Inszenierung des Faust tanzt Gretchen im Glitzerkleid und der Teufel treibt im Schwimmring auf dem Wasser. Wasser? Doch erst einmal die wichtigste aller Fragen: Passt es? Ja, es passt und es macht Freude, es anzusehen. Nicht Spaß – und damit ist es gerettet. Über Faust will man nicht lachen und Gott sei dank, man muss es nicht. Rainer Kühn, der den alten Faust spielt, gebührt deswegen Anerkennung. Er spricht Goethes Zeilen mit Pathos, aber ohne diesen in übertriebener Lautstärke oder künstlicher Gestik und Mimik in den Saal zu schleudern. Doppelt tritt auch Mephisto auf; Uwe Kraus und Viola Pobitschka. Von Zeit zu Zeit ist der Teufel eine Frau. Popitschka spielt meist in Abendkleid und Motorradjacke gekleidet, souverän, wenn auch laut. Den Schalk im Teufel mimt Kraus beeindruckend; mit Charme, aber ohne aufgezwungene Komik. Treten beide Teufel parallel auf, ist es dennoch nicht zu viel des Bösen. Sie nehmen sich das Wort aus dem Mund – auf positive Weise. Beeindruckend ist auch das Bühnenbild, nicht zuletzt des Wassers wegen, das erstaunlich gut zur Atmosphäre passt.

campus-Zeitung unipress, November 2011


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