Simon Boccanegra
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Melodramma in einem Prolog und drei Akten von Giuseppe Verdi
Libretto von Francesco Maria Piave nach dem Drama von Antonio García y Gutiérrez
Neufassung von Arrigo Boito
In italienischer Sprache mit Übertiteln
Großes Haus
Aufführungsdauer 3 Stunden 15 Minuten. Zwei Pausen.
Musikalische LeitungChristoph Stiller
InszenierungDietrich W. Hilsdorf
BühneDieter Richter
KostümeRenate Schmitzer
ChoreinstudierungAnton Tremmel
DramaturgieKarin Dietrich
Mit:
Simon BoccanegraKiril Manolov
Jacopo FiescoLuciano Batinic
Paolo AlbianiThomas de Vries
Amelia GrimaldiTatiana Plotnikova
Gabriele AdornoFelipe Rojas Velozo
PietroHye-Soo Sonn
Ein HauptmannOsvaldo Daniel Navarro Turres
Eine Magd AmeliasAnnett Arnold
 
  Orchester, Chor, E-Chor und Statisterie des Hessischen Staatstheaters Wiesbaden
Ausführliche Informationen erhalten Sie hier.
Der Korsar Simon Boccanegra soll im Genua des 14. Jahrhunderts, in dem Bürgerkrieg zwischen Adel und Bürgertum herrscht, zum Dogen gewählt werden. Er liebt die Tochter des Patriziers Jacobo Fiesco und hat mit ihr ein Kind. Doch Fiesco verweigert die Hochzeit und treibt die Tochter in den Tod. Das Kind ist jedoch spurlos verschwunden. 25 Jahre später holt die Vergangenheit sowohl den Dogen Boccanegra als auch Fiesco wieder ein, als die junge Amelia Grimaldi zu einer politischen Heirat gedrängt werden soll. Boccanegra erkennt in Amelia seine Tochter, die für ihre Zukunft jedoch ganz andere Pläne hat.

Verdis ‚Simon Boccanegra‘ ist das ergreifende Bild einer Vater-Tochter-Beziehung, die vor einem eminent politischen Hintergrund angesiedelt ist. Die Titelfigur geht auf den ersten Dogen Genuas zurück, der aufgrund seiner leidenschaftlichen pazifistischen Bemühungen um eine Einigung Italiens im 14. Jahrhundert auch in Zeiten des Risorgimento für Verdis Zeitgenossen eine Symbolfigur gewesen sein muss. Im Schaffen Verdis markiert diese Oper einen entscheidenden Schritt auf dem Weg zum musikalischen Drama. Nirgends sonst hat Verdi so konsequent auf das versöhnlich Melodische verzichtet. Trotz des Misserfolgs der Uraufführung in der ersten Version von 1857 hielt Verdi ‚Simon Boccanegra‘ für eines seiner besten Werke. Mit Arrigo Boito unterzog er die Oper 1881, also fast ein Vierteljahrhundert nach der Entstehung, nochmals einer gründlichen Überarbeitung, die ‚Simon Boccanegra‘ heute zu einem der aufregendsten Opernstoffe Verdis macht.

Regie führt Dietrich Hilsdorf, der seit 1978 über hundert Inszenierungen in den Sparten Schauspiel, Oper, Operette und Musical verantwortet hat. Mit ‚Simon Boccanegra‘ kehrt er ans Staatstheater Wiesbaden zurück, wo er zuletzt ‚Don Carlos‘, ‚Die Johannespassion‘ und ‚Tristan und Isolde‘ inszenierte.
Es ist eine extrem hochwertige, tiefernste Produktion, überraschen geradlinig trotz der extremen Brüche in der bildsprache. Die Idee, diese wenig populäre, aber umso bohrendere Verdi-Oper als ein Triptychon aufzufassen und jeden Teil in einer komplett anderen Bühnensituation spielen zu lassen, hätte als provokant verstanden werden können. Sie war aber ungemein wirkungsvoll. (…) Das Schlagwort hochwertig trifft diese Verdi-Produktion wohl am besten – wobei dies für die orchestrale Leistung dann doch etwas zu nüchtern klingt. Dem von Marc Piollet geleiteten Staatstheater-Orchester gelang an diesem Abend einfach alles. Jede Blechattacke, jedes Flageolett, jede offenen Holzpassage – trotz hoher Risikobereitschaft ging alles auf, man könnte von einem idealen Abend sprechen.

Frankfurter Rundschau, 31.01.2012


In der Titelrolle glänzt ein stimmgewaltiger Kiril Manolov, erst gewichtiges Monument einer Herrschernatur, am Ende ein schmerverkrümmter Berg Elend. Besondere Zuwendung erfährt die Figur des Paolo Albiani. Thomas de Vries findet für jede Station des Aufstiegs und Absturzes den richtigen Ton, die kongeniale Haltung. Es wird ergreifend spürbar, wie sich diese Persönlichkeit, ohne die Ursache der für ihn furchtbaren Veränderungen zu verstehen, sukzessive zersetzt und dem Untergang entgegentreibt. Luciano Batinic ist ein beeindruckend monolithischer Fiesco, Felipe Rojas Velozo ein strahlend-leidenschaftlicher Liebhabertenor. Tatiana Plotnikova beglückt als seelenreiche Amelia mit glasklaren Linien (…). Beeindruckend prägnant ist der von Anton Tremmel einstudierte Chor bei seinem anfänglichen Einsatz in den Proszeniumslogen. Als Anwalt des Tiefgründigen und Mannigfaltigen waltet Generalmusikdirektor Marc Piollet im Orchestergraben. (…) Piollet sucht, findet und gestaltet zusammen mit dem bestens aufgelegten Orchester des Staatstheaters unendlich schön berührende Zärtlichkeit, das Zittern der verletzlich-unverhüllten Seele; kontrastierend dazu die satten Farben des routinierten Dramatikers Verdi.

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 30.01.2012


Aus dem Opernschläfchen wird diesmal nichts. Schon die Helligkeit, die der Regisseur Dietrich Hilsdorf im Prolog von Verdis ‚Simon Boccanegra‘ herrschen lässt, erschwert den Rückzug in rezeptive Gemütlichkeit. Die Beleuchtung im Zuschauerraum korrespondiert dabei mit der akustischen Direktheit eines ungewöhnlichen Vorspiels vor dem Eisernen Vorhang, der die Schallwellen gnadenlos reflektiert. So rückt das Dogen-Drama, im Orchestergraben vom Generalmusikrektor Marc Piollet mit leidenschaftlicher Präzision angetrieben, dem Publikum nicht nur räumlich auf den Leib. Ein starker Start in einen bewegenden und bewegten Abend. (…) In der Konzentration aufs Wesentliche, zu der nun in Wiesbaden die Prolog-Spielfläche vor dem Eisernen Vorhang zwingt, zeigen sich sogleich die primären Qualitäten des Abends: eine intensive, in Schlüsselszenen dramatisch zugespitzte Personenführung, eine vorzügliche Orchesterleistung und eine – nicht nur mit Volumen – schier umwerfende Besetzung. Wenn der Bariton Kiril Manolov, der in Wiesbaden bereits als Falstaff gefeiert wurde, in der Titelpartie auf die patriarchalische Bass-Würde des Fiesco von Luciano Batinic trifft, dann stellt sich einer jener magischen Momente ein, in denen das Staatstheater in Richtung ganz große Oper abhebt. (…) Neben den Gastsängern überzeugen auch die Ensemblemitglieder in dieser vom Publikum gefeierten Produktion: Tatiana Plotnikova ist eine in der Höhe wunderschön aufblühenden Amelia, Felipe Rojas Velozo vereint als Gabriele Adorno Kraft mit tenoralem Schmelz, Thomas de Vries glänzt als Bösewicht Paolo Albiani. Sein Opfer Simon Boccanegra stirbt schließlich qualvoll auf karger, schwarzer, zu einem düsteren Seelen-Raum verwandelter Bühne. Im Hintergrund werden wieder Schwerter gezückt. Trost ist offenbar so fern wie der Frieden.

Wiesbadener Kurier/Tagblatt, 30.01.2012


In Dietrich Hilsdorf packender Wiesbadener Neuinszenierung der Oper spielt die Vorgeschichte, die in Boccanegras Ausrufung zum Dogen endet, vor dem Eisernen Vorhang, der im Großen Haus des Staatstheaters freilich ein fantasievoll bemalter ist. (…) Dramatische Wahrhaftigkeit und szenische Anschaulichkeit prägen Hilsdorfs Deutung der Verdi-Oper, die sich eher selten auf den Spielplänen findet. (…) (…) in ihren musikalisch stärksten Passagen, etwa dem Prolog, ist [die Spätfassung der Oper] als durchkomponiertes Musikdrama angelegt, während das Nummernhafte der Erstfassung vor allem in den beiden letzten Akten durchscheint. Marc Piollet, Wiesbadens zum Saisonende scheidender Generalmusikdirektor, wird beiden Facetten des damit spannungsvoll heterogenen Werks gerecht, verdeutlicht mit dem vorzüglich disponierten Hessischen Staatsorchester die dramatische Klangrede kantig und bis zum Jähen hin, sekundiert, wo nötig, den Sängern aber auch geschmeidig. (…) Bei aller Opulenz fürs Auge, zu der auch Renate Schmitzers auf die Entstehungszeit der Oper verweisenden Kostüme beitragen, tritt die Schärfung des Dramas nie zurück (…).

Offenbach Post, 30.01.2012


Musikalisch ist der Abend unter der Leitung von Marc Piollet reiner Genuss. Das Orchester spielt groß auf. Der Chor sprüht vor Leidenschaft. (…) Kiril Manolov begeistert als Doge mit starker, aber samtzarter Stimme. Als wiedergefundene Tochter glänzt Tatiana Plotnikova. Felipe Rojas Velozo als ihr Geliebter ist stimmlich nah am Idealbild des strahlenden Helden.

Bild, 30.01.2012


Es ist das Endspiel der Väter, das in Dietrich Hilsdorfs Wiesbadener Verdi-Inszenierung den Opernschluss markiert. Als Requisiten gibt es dabei auf der (vorher auch opulenteren) Bühne nur noch einen langen Tisch und ein paar Stühle (Bühnenbild: Dieter Richter). Die beiden alten Männer umschleichen sich oder sitzen einander gegenüber in elementarer, ja kreatürlicher Feindseligkeit. Zugleich denkt man an Ibsens berühmtes Stichwort ‚Lebenslüge‘. An der Schwelle des Todes schleppen die Alten – Fiesco, der Greis an zwei Stöcken; Simon, der durch einen Gifttrank von Minute zu Minute Alternde, Vergreisende, Vergehende – ihre ‚Lebenslügen‘ mit sich und konfrontieren den Gegner damit: Ehre, Rache, Frieden, Vergebung. Irrtümer und Gegensätze einer profund absurden conditio humana. Doppelte Väter-Leiden, Väter-Illusionen ergeben hier gleichsam eine potenzierte Verdi-Emotionalität. In der düster grundierten Musik schwingt aber auch einige nihilistische Vanitas-Vorahnung aus der Jago-Sphäre des späteren Otello mit. Wenn Fiesco seinen altertümlichen Umhang ablegt und im ‚Zivil‘ des späten 19. Jahrhunderts (also der Entstehungszeit der Zweitfassung, die auch in Wiesbaden gewählt wurde) dasteht, wird die Gefühlspräsenz sozusagen um eine Stufe angehoben – und die Ibsen-Assoziation bekräftigt. Hilsdorf und seine Kostümbildnerin Renate Schmitzer handhaben solche dramaturgischen Hinweise unaufdringlich und souverän. Das Kammerspiel der Väter gelingt in dieser Inszenierung besonders eindrucksvoll – auch dank zweier konzentrierter Sängerdarsteller mit fast überdimensionaler Vokalausstrahlung. Luciano Batinic – ein bassgewaltiger Fiesco, der mit knappen schauspielerischen Mitteln Autoritätsräume um sich schafft. Nicht minder respektgebietend setzt der Bariton Kiril Manolov in der Titelrolle seine Körpersprache und das Organ eines wahren Hünen ein, der freilich auch und gerade mit seinen Anwandlungen von Zärtlichkeit, seinen ständigen Bekundungen von Versöhnungsbereitschaft und Gewaltverzicht, Anteilnahme erregt. Hilsdorf wäre nicht einer der großen Opernszeniker der deutschen Bühne, wenn er nicht alle weiteren Aspekte des komplexen Handlungsgefüges plausibel und psychologisch feinnervig realisierte – er tut das diesmal übrigens auf eher unspektakuläre, die konservative Opernoptik nicht allzu auffällig konterkarierende Weise. Allerdings ist die Sorgfalt der Personenregie eine den Aufführungsdurchschnitt weit überflügelnde Qualität. Das wird bereits in dem szenischen Prolog deutlich, den Hilsdorf vor geschlossenem Vorhang (nur eine kleine Tür nach hinten ist geöffnet und lässt die zeitgleichen Turbulenzen eines Todesfalles und einer Dogenwahl erahnen) mit präzis kalkulierten minimalistischen Aktionen spielen lässt. (…) Beträchtliche sängerische Formate gab es auch beim Liebespaar: mit der etwas kühl timbrierten, aber höhensicheren und im Ensemble alle überstrahlenden Sopranistin Tatjana Plotnikova und dem lebhaften, seine Hin- und Hergerissenheit glaubwürdig verkörpernden, zudem stimmlich ungemein evokativen und disziplinierten chilenischen Tenor Felipe Rojas Velozo. Am Dirigentenpult zeigte der Wiesbadener Generalmusikdirektor Marc Piollet (zusammen mit den hervorragenden Chor- und Orchester-Kollektiven), dass Verdis vielleicht abgründigste Oper am besten ohne forciertes Brio, mit Ruhe und Umsicht und dadurch nur umso größerer Steigerungsfähigkeit, ihr dramatisches Potential ausschöpfen lässt. Eine sehens- und hörenswerte Verdi-Aufführung!

Hans-Klaus Jungheinrich, Titel Kulturmagazin


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